Keine Reise in die Highlands

Wenn man als ehemaliges Lichterkettenglied, wie ich unter widrigsten Umständen früher mal eins hätte werden können, schon frühmorgens Kontakt mit ganz schlechter und schwerer, teils sogar vorlauter Kundschaft hat, dann fühlt sich das an, als ob man wie ein frischgebackenes Vollwaisenkind zwischen den schwelenden Trümmern des elterlichen Kraftfahrzeugs steht und aus der Nase blutet. Ungut auf der ganzen Linie. Man möchte weg aus dem Büro, weg aus dem Dorf, weg aus der Welt oder zumindest ganz weit hinauf ins Endlose.
Zum Beispiel in die schottischen Highlands, wo der Regen so grün und die Nebel so grau und die Kühe so versonnen sind wie überall. Kleine schmierige Sträßlein, gesäumt von hohen steinernen Mauern und Dörfer, idyllisch wie in Backstein gegossene Haggisportionen. Dorthin, wo dunkelfarbige Seen aus Wasser und mit Rändern zart wie Steinpilzlamellen in den Tälern herumliegen, voller Ungetüme aus Fett und Knorpeln, die sich in weiten Bögen aus den Wassern heraus- und wieder hineinwinden und "Uuuaaah!" brüllen, um den Tourismus anzukurbeln. Ja, da möchte man hin an solchen Vormittagen. Und zwar flott.

Und als hätte ich genau das gedacht, hörte ich heute früh aus dem Garten einen Dudelsack orgeln und pfeifen und fauchen. Eine gänzliche Unmöglichkeit zwar: der Garten ist ja gegen Fremdeinwirkung durch ein hohes Tor versichert. Aber ich täuschte mich nicht: es gurgelte und jaulte ein Dudelsack - laut und krumm und unüberlegt, gerade so, wie man's aus dem Fernsehen kennt. Ein Blick aus dem hinteren Fenster ließ mich, offenbar als kleine innere Reminiszenz an meine verlorene Jugend als Konfirmand, Frau Lots Schicksal nur haarscharf verfehlend, fast zur Salzsäule gelieren: ein Komplettschotte im Kilt mit einer lichten Höhe von ca. ein Meter zwanzig stoffelte auf der Terrasse und den anliegenden Blumenrabatten herum wie angebrannt und blies aus Leibeskräften und mit hochrotem Kopf in seinen schon dampfenden Dudelsack. Ich glaubte es einfach nicht. Was war da jetzt wieder los? Konnten meine intensiven Fluchtgedanken eine solche Manifestation bewirkt haben? War es nur ein Zufall? Ein brandneuer neuronaler Unfug aus dem überladenen Loft hoch oben in meinem ansonsten synaptisch eher neutralen Schädel? Oder lagen hinter den Hecken bereits Kurt Felix und die einäugige Spaßmaschine Elstner auf der Lauer, bereit, sich totzulachen, wenn ich mit debilstmöglichem Gesicht aus dem Hause stolpern würde? Alles konnte sein oder nichts.

Also stolperte ich mit debilstmöglichem Gesicht auf die Terrasse und rief aus Leibeskräften in das tosende Orgeln und Jaulen hinein: "Sofort rauskommen die Herren Felix und Elstner! - Jawollja! - Ich verstehe Spaß!"
Der Schotte blieb stehen, setzte sein Blasrohr ab und starrte mit kreiselndem Kopf hinter und neben sich, während ein paar letzte Heultönchen sich karmesinrot über den Büschen in Luft auflösten.
"Ist denn eventuell noch jemand da?", fragte er mit hellem Stimmchen verblüfft in die Stille hinein, während sein kariertes Mützlein in der Morgensonne leuchtete. Rückblickend möchte ich mich fast nicht erinnern, dass mir in diesem Moment wohl auch noch die Zunge aus dem debilstmöglichen Gesicht hing und sich ein glänzender Speichelfaden bis in Kniehöhe dehnte und baumelte.
"Ja. Äh. Nein. Voraussichtlich doch eher nicht", stotterte ich dünn aus der Leere meines Kopfes heraus und blieb einfach stehen, um in expandierender Lethargie den weiteren Fortgang dieses Unfugs abzuwarten.
Der kleine Mann klemmte sich den Dudelsack unter den Arm und streckte mir seine Rechte entgegen: "Gestatten, Harald R. Montblanc, Finanzamt Heidelberg. Ich habe mir nur einen kurzen Überblick über die Gesamtsituation verschafft. Das sieht ja gar nicht so schlecht aus. Und nun darf ich mich insgesamt verabschieden und wünsche einen hervorragenden Arbeitstag. Von uns aus ist amtlicherseits soweit alles in die Wege geleitet. Ich bedanke mich für die prosperierende Zusammenarbeit."
Er zwinkerte mit geheimniskrämerischen Blicken in alle Richtungen: "Wissen Sie, wir Außendienstler sind gerne unterwegs. Das braucht Sie aber gar nicht zu stören. Wir arbeiten auf höchst pikanter Spesenbasis. Guten Tag."
Er lüftete kurz sein Mützchen, drehte sich um und stapfte quer über den Rasen auf den Zaun zu und ich möchte schwören, dass er mit jedem Schritt durchsichtiger wurde und nahe der Grundstücksgrenze gänzlich im Nichts verschwand.

"Der kleine Montblanc schon wieder", lachte mich die Frau in der Telefonzentrale des Finanzamts an, während ich zitternd versuchte, den Telefonhörer am Ohr zu halten, "da brauchen Sie sich nichts zu denken. Den gibt es eigentlich gar nicht mehr. In den sechziger Jahren hatten wir überall kleine 'Auftaucher', um säumige Steuerzahler zu erschrecken. Das war dann aber alles nicht mehr richtig kontrollierbar und wir haben das wieder aufgegeben. Aber ein paar sind immer noch unterwegs. Sollte er noch mal auftauchen, geben Sie ihm einfach einen Zehn-Euro-Schein und sagen Sie, das sei für die Spesenabrechnung, Herr Direktor Sengmeister a.D. wäre bereits informiert. Dann sehen Sie ihn garantiert nie mehr. Und außerdem heißt er gar nicht wirklich Harald R. Montblanc, sondern ganz einfach Heinz Nepal."

Was soll man sagen? Wenn man das große Ganze betrachtet, ist es vielleicht nützlicher, die Details nicht allzu sehr zu hinterfragen. Es könnte ja durchaus sein, dass kleine getürkte Schotten noch das geringste Übel sind...


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