Nach dem öffentlichen Hilferuf einer Hauptschule in Berlin-Neukölln wagen sich immer mehr Schulen aus der Deckung und beklagen die teils katastrophalen Zustände in ihren Einrichtungen. Doch dabei ist das, was gerade durch den Blätterwald rauscht, nur die Spitze des Eisbergs. In Wirklichkeit sind an vielen Schulen eine ganze Reihe von noch viel subtileren und gemeineren Machenschaften in Gange. Hier einige Beispiele aus dem bedrückenden Alltag an deutschen Lehrstätten:
- Die Hausaufgabenmafia
Anderen bei ihren Hausaufgaben zu helfen, das ist eine feine Sache, sollte man meinen. Doch immer öfter wird wehrlosen Schülern eine Hausaufgabenbetreuung verordnet, obwohl die gar keine nötig haben. Und die Betroffenen zahlen für diese unfreiwillige Hilfeleistung nicht zu knapp! "Manchmal muss ich mein ganzes Taschengeld für Nachhilfe in Geschichte ausgeben. Und dann darf ich mir die Jahreszahlen aus dem Buch noch selber vorlesen", ringt eine sichtlich verängstigte Dreizehnjährige mit den Tränen. "Das ist pure Abzocke." Die im Übrigen auch anders herum funktioniert: Von Mitschülern, die ernsthafte Hausaufgabenhilfe betreiben, wird eine Art "Vermittlungsgebühr" eingetrieben – in Extremfällen bis zu 90% des Stundenlohns. Kein Wunder, dass Hausaufgaben völlig in Verruf geraten sind und keiner mehr welche machen will.
- Die Pausenbrotschieber
Die Mutter des zwölfjährigen Torsten (Name geändert) wundert sich: "Der Junge müsste eigentlich viel mehr auf die Waage bringen." Denn ihr Sohn nimmt täglich bis zu 5 Brote mit in die Schule, alle ordentlich mit Belag versehen. Was sie nicht weiß: Torsten muss die liebevoll zubereiteten Brote bereits am Schuleingang wieder abgeben - an die Helfershelfer der Pausenbrotschieber! Die sammeln auf die Weise Tausende von Pausensnacks ein, um sie dann in den Pausen für teures Geld an die Mitschüler zu verkaufen. Besonders infam: Teilweise werden sogar noch Extrawünsche gestellt. "Manchmal verlangen die von einem auch Bonbons oder Süßigkeiten, und dann muss ich die von meinem eigenen Taschengeld kaufen, sonst brauche ich mich in der Schule gar nicht mehr blicken zu lassen", klagt ein Betroffener. "Ich kann die dann noch nicht mal zurückkaufen von denen, weil ich kein Geld mehr habe." Schlimm!
- Die Türsteher-Connection
In die Schule zu kommen ist ganz einfach? Nicht, seit die Türsteher-Connection diesen Markt kontrolliert! Seitdem müssen Schüler zahlen, wenn sie das Gebäude oder einen bestimmten Raum betreten wollen. So kann das Aufsuchen der Schultoilette mancherorts bis zu 1 Euro kosten. Ein lukratives Geschäft, denn die Ausweichorte für das persönliche Geschäft auf dem Schulgelände sind begrenzt. "Die nutzen unsere Notlage richtig aus", empört sich ein Vierzehnjähriger, "aber wenigstens bieten sie preisreduzierte Zehnerkarten an." Wehren kann man sich dagegen kaum, denn die Türsteher-Connection versteht es, unauffällig zu agieren. "Meist stehen zwei oder drei von denen in der Nähe einer Tür herum, scheinbar ganz zufällig. Aber wehe, du willst an denen vorbei! Dann wird knallhart abkassiert." In die Klassenräume zu gelangen sei zwar um einiges billiger, weil: "Da will ja ohnehin nicht jeder rein. Warum sollte man dann dafür noch viel zahlen?" Aber immer fehlen, das geht auf Dauer auch nicht. "Irgendwann kriegst du Stress mit den Lehrern, wenn du immer vor der Türe kehrt machst." Ein erschütterndes Geständnis. Es zeigt vor allem, dass die Gründe für häufige Fehlstunden offenbar wesentlich tiefer liegen als bislang angenommen!
Fest steht jedenfalls eins: Diese vielfältigen kriminellen Umtriebe an unseren Schulen können sich weder die Zivilgesellschaft noch um Wiederwahl bemühte Politiker länger bieten lassen. Ich habe mir daher erlaubt, zur aktuellen Diskussion einen "Zehn-Punkte-Sofort-Katalog" beizusteuern, mit dem man diesen bedrohlichen Tendenzen entgegen wirken kann. Er kann problemlos an jeder Schule umgesetzt werden, die ein entsprechendes Hilfegesuch stellt:
1. Im Eingangsbereich und in den Klassenzimmern werden Warnschilder angebracht mit der Aufschrift "Vorsicht, bissige Schüler!"
2. Das Lehrerkollegium sendet einen dramatischen Hilferuf, verschanzt sich anschließend auf dem Dach und droht mit kollektivem Abgang, falls ihre Forderungen nicht erfüllt werden. Daraufhin stürmt die Medienmeute das Areal, Prominente bekunden landesweit ihre Sympathie, Künstler halten Benefizkonzerte auf dem Schulhof ab und jeder, der sich dazu berufen fühlt, darf mehr oder weniger dumme Statements in die zahlreichen Mikros abgeben.
3. Die militärische Grundsicherung der Schule übernimmt vorübergehend die Bundeswehr. Die kann bei der Gelegenheit auch gleich den oft ausfallenden Sportunterricht mit übernehmen. Das spart Steuergelder.
4. Hin und wieder lässt man zur Abschreckung ein paar Kampfflugzeuge über dem Gebiet kreisen. Dann begreift auch der Dümmste: Wir meinen's ernst!
5. Alle Handys werden umgehend beschlagnahmt. Handys sind nämlich das Grundübel für alles, egal, worum es gerade geht.
6. Der gute alte Rohrstock im Unterricht wird wieder eingeführt. Früher war schließlich alles besser, und außerdem herrschte Zucht und Ordnung!
7. Ein bis fünf Sozialarbeiter mit befristeten Zeitverträgen werden eingestellt – abhängig von Dauer und Intensität der Berichterstattung in den Medien.
8. Wenn man die Öffentlichkeit besonders beeindrucken will/muss, stellt man zusätzlich noch ein bis fünf Schulpsychologen mit befristeten Zeitverträgen ein.
9. Alle auffälligen Jugendlichen werden fortan zu regelmäßigen Mensch-ärgere-dich-nicht-Sessions verdonnert. Erhöht die Leidensbereitschaft und die Frustrationstoleranz.
10. Falls das alles nichts fruchtet, rollen ein paar Bulldozer an und machen das Schulgebäude platt. Dann begreift auch der Dümmste: Seht ihr, das habt ihr jetzt davon!
Das sind aber etwas radikale Vorschläge, werden viele sagen. Geht es nicht auch irgendwie anders? Sicher! Nur würde das intelligente Politik anstelle von bloßem Aktionismus voraussetzen. Und spätestens da beißt sich die Katze leider in den Schwanz...
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