Lizenz zum Töten

Die Waffenlobby in den USA hat jüngst durch eine Entscheidung des Repräsentantenhauses eine größere Zielscheibe bekommen: die Bürger Floridas dürfen nun auf alles schießen, was bei ihnen ein Gefühl der Bedrohung für Leben und/oder Eigentum auslöst.
Das kann ja mit genügend Phantasie und Sonnenstich fast alles sein. Viele Beamtenjobs fallen dadurch auch in eine neue Risikoklasse. Gerichtsvollzieher zum Beispiel können zu Pfändungsterminen im Sonnenstaat zukünftig nur noch mit Kevlarweste erscheinen.

Als ob nicht so schon genügend Finger zu locker sitzen.
Aber was will man von einem Land erwarten, in dem es unkomplizierter ist, einen Einbrecher zu töten, als ihn zu erschrecken, nur um dann Millionen Schmerzensgeld zu berappen. Nicht weit von hier ist ein Mann bei einer älteren Lady eingebrochen und im Diebesrausch die Treppe hinuntergefallen. Als er die alte Dame daraufhin verklagte, bekam er vor Gericht Recht. Hätte Omi ihm noch vor Ort den Gnadenschuss gegeben, wäre das nicht passiert. Selber schuld.
Amerikanische Kinder müssen deshalb jeden Abend vor dem Schlafengehen ihre Legosteine wegräumen; jemand könnte sich beim Hinaustragen der Stereoanlage den Fuß brechen.

So gesehen und in Anbetracht des Wilden Westens, der sich Recht und Ordnung nennt, ist Selbstverteidigung gar nicht so verkehrt.
Wenn ich meinen bedrohten Gefühlen trauen dürfte, könnte ich je nach Tageslaune wiederholt meinen Nachbarn, die Supermarktkassiererin, den Schulbusfahrer und meinen Hund niederknallen. Kann ich aber nicht, weil ich zum einen ein sanfter Mensch bin und zum anderen den Schlüssel zum Waffenschrank verlegt habe.
Aber ich wohne ja auch nicht in Florida, wo nun jeder in shooting range zur potentiellen Schießbudenfigur wird.
Begründet wurde diese Entscheidung von den Politikern übrigens mit dem Recht auf Selbstverteidigung, also good old Lynchjustiz. Der wahre Grund - natürlich unausgesprochen- ist die Hoffnung auf Wiederwahl, denn ein Großteil der Wähler ist nun mal bewaffnet.

Das sind knall-harte Fakten: 65 Millionen amerikanische Haushalte haben zusammen 200 Mio. Waffen im Schrank, das macht im Schnitt bei zwei Erwachsenen pro Haushalt 130 Mio. Schiesswillige - also ganze 45% der amerikanischen Bevölkerung, die es bei letzter Zählung auf ca. 290 Mio. gebracht hat!
Das heißt, auf fast jede Person mit Waffe kommt ein Mensch ohne und der ist höchst wahrscheinlich ein Minderjähriger. Sollten nach Florida auch die anderen Staaten zum Freiwildgehege werden, sind die Unbewaffneten bald eine vom Aussterben gefährdete Minderheit. Wortwörtlich gemeint.

Kein Wunder, dass mal-so-mal-so-Pazifist Kerry bei der Wahl die nicht vorhandenen Waffen strecken musste und George Warlord Bush letztendlich den Weißhaus-Adler abgeschossen hat. Praktischerweise genau zur richtigen Zeit lief im September 2004 der Clinton Gun Ban ab und semi-automatische Waffen dürfen seitdem wieder über den Ladentisch und in die Cornflakesschachtel. Dabei hatte Clinton nur gute Absichten mit dem Waffenbann: MAKE LOVE, NOT WAR AND HAVE A CIGAR .
10 Jahre haben die NRA (National Rifle Association) und Waffenlobbyisten erbittert für die Wiederherstellung der freien Schusslinie gekämpft, ganz nach dem Motto: WO WAFFEN ILLEGAL SIND, HABEN AUCH NUR DIE ILLEGALEN WAFFEN!
Und die von Bill angeprangerten heimischen Schussunfälle bei Kleinkindern seien schließlich inzwischen auch rückläufig, dank des von NRA und Konsorten angebotenen Waffen-Handhabungs- und Schießtrainings (!) ab Vorschulkinderalter. So kann man es natürlich auch sehen. Spätestens in Schulaufführungen kommt den Kleinen ihr Skill zugute, wie vor kurzem in Minnesota erlebt.
Hierzulande gehen Einbrecher also ein viel größeres Risiko ein und überlegen sich bestimmt zweimal, ob sie in ein Haus einsteigen oder nicht. Die Chancen, auf einen bewaffneten Besitzer zu treffen, stehen 1:1. Die Chancen, dass in dem Fall jemand ums Leben kommt, sind allerdings noch viel höher, dank High-Noon Gegenüberstellungen um 12 Uhr nachts. Aber das ist ja der Sinn der Sache.

Zehn kleine Negerlein brachen beim Nachbar ein,
den einen schoss der Hausherr tot,
da waren es nur noch Neun.

Macht weniger Papierkram als eine Flucht nach gewaltsamem Eindringen.

Die NRA , eine nicht unbedeutende Macht in den USA, zählt inzwischen über 4,5 Mio. Mitglieder, Tendenz steigend. Natürlich alles ehrbare Bürger, denn Vorbestrafte und andere suspekte Subjekte dürfen keine Waffen kaufen, geschweige denn sich registrieren lassen. Man kann sich vorstellen, wie diese Restriktion organisierte Verbrecher und Kleinkriminelle davon abhält, sich auf der Strasse eine Knarre zu besorgen, aus Angst vor der dreistelligen Geldstrafe, die eine Nichtbeachtung zur Folge hat. Schließlich ist in den meisten Staaten die Anzahl der käuflich zu erwerbenden Schießprügel nicht limitiert. Wer drei Rifles kauft, bekommt die Desert Eagle gratis dazu, ganz im Sinne des "buy 3 get 1 FREE" – Hype. Da greift der Sparbewusste Jäger schon mal in die Vollen und wird den Überschuss an der nächsten Ecke mit Gewinn los.
Aber wer braucht bei soviel legaler Waffengewalt noch Backstreet-Rambos als Feindbild? Auch bei den so genannten Guten sitzt der Zeigefinger locker, und sei es nur zum saisonalen Blattschuss von Bambi und Co.

Keine Frage, Waffen sind sexy. Wem der Stahl in der Hose fehlt, der trägt ihn im Halfter; zudem sind die Eisen auch regelrechte Ego-Shooter. Wer seine Worte notfalls mit Blei untermauern kann, der reißt schon mal gerne das Maul etwas weiter auf.

Selbst für mich sind die täglichen Schiessereien nach 2 Jahren USA zum Hintergrundrauschen geworden. So richtig erschreckt mich nur noch die Fehlzündung des Mopeds meines Nachbarn, aber den habe ich eh im Fadenkreuz - momentan nur mit meinem Luftgewehr, aber sobald ich den Schlüssel zum Waffenschrank gefunden habe, ist er dran.
Er weckt in mir nämlich ein latentes Gefühl der Bedrohung.

"Wer seine Ansichten mit anderen Waffen als denen des Geistes verteidigt, von dem muss ich voraussetzen, dass ihm die Waffen des Geistes ausgegangen sind", Otto Graf von Bismarck
"Wenn die Waffen sprechen, schweigen die Gesetze." Marcus Tullius Cicero (106 - 43 v. Chr.)


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