Autogenes Training oder: Dortmund gegen Schalke

So eine 'Reha' ist nicht mehr so schlicht wie früher. Da kümmert man sich jetzt auch um die Seele. Schließlich ist unser inneres Ich angeblich genauso verletzt wie das lädierte Lendchen und das kaputte Knie. Und so steht bei mir heute auf dem Programm: Autogenes Training.
Dicht gedrängt liegen wir nebeneinander auf grauen Matten, die den Schweiß von ca. 2000 Vorgängern in sich aufgesogen und noch nicht wieder abgegeben haben. Ich räkele mich trotzdem und harre der Heilung meines Innenlebens.
Von vorne ertönt eine einschmeichelnde, melodiöse Stimme mit Trainingsanweisungen.
"Gaaaanz tief einatmen."
Ich versuche pflichtgemäß, die Luft gaaanz, gaaaanz tief einzusaugen. Von meinem Nachbarn her steigt mir der süßlich- säuerliche Geruch eines gediegenen Schweißfußes in die Nase.
Von vorne tönt es sanft:
"Und noch einmal: durch die Nase gaaaanz tiiiiief einatmen."
Ich atme nicht tief ein, und schon gar nicht durch die Nase.
Nun singt die Stimme:
"Meine Aarme werden schweeeerer und schweeeerer."
Bei mir nicht. Dafür wird die Luft schwerer und schwerer.
Nun soll ich zusehen, dass meine Beine gaaanz schwer werden. Das kenne ich noch von den Punktspielen beim Fußball, da wurden die auch immer ganz schnell schwer. Wieso jetzt nicht?
"Mein ganzer Körper ist ruhig und gelöst."
Mein Nachbar ist besonders ruhig und gelöst. Er schnarcht vor sich hin und bei jedem Röcheln bebt sein ganzer Körper.
Dennoch. Allmählich fühle ich mich locker und entspannt und denke an die schönen Dinge des Lebens. Ich beginne mich in Gedanken langsam zu entkleiden und…
"Gedanken, die kommen, lasse ich vorüberziehen wie Wolken an einem strahlend blauen Himmel."
Ärgerlich, ging grad gut los.
"Heute machen wir eine Phantasiereise durch einen wunderschönen Garten."
Ich ziehe mich in Gedanken wieder an, ich kann doch nicht nackend durch den Garten rennen.
" Wir gehen durch ein großes, schmiedeeisernes Tor und kommen auf eine lange Allee mit hohen Bäumen."
Ich sehe weder das Tor, noch die Allee, noch die Bäume. Wenn dafür wenigstens Pamela Anderson vorbeikäme. Das könnte meine Gedanken beflügeln.
"Vor uns taucht ein wunderschöner, rosa blühender Oleanderstrauch auf."
Verdammt noch mal, wie sehen Oleandersträuche aus ? Ob man zur Not auch Stachelbeersträucher nehmen kann ? Oder Pamela Anderson?
"Wir lauschen in uns hinein und hören auf das Summen unserer verborgenen Seele."
Ich lausche. Ich horche auf Klopfzeichen meines verschütteten Ichs. Nichts rührt sich. Halt. Doch . Meine Blase rührt sich und meldet: muss pinkeln. Ich versuche die Mahnung zu ignorieren, denn schließlich müssen wir weiterwandern .
"Wir treten auf eine Wiese mit blühendem Löwenzahn und wir versinken in einem Meer von Gelb."
Ich versuche vergeblich in einem Meer von Gelb zu versinken. Plötzlich schießt es mir durch den Kopf : "Tooor! Toor für Dortmund. Tor durch Koller!" Ich versinke in einem Meer von Gelb. Und endlich sehe ich auch das Tor, nach dem ich vorhin gesucht habe.
Na, also. Es geht doch! Gegen wen Dortmund wohl spielt?
Meine Blase meldet sich wieder und ich schiffe in Gedanken an den Oleanderbusch, von dem ich nicht mal weiß, wie er eigentlich aussieht. Hoffentlich guckt nicht grade Pamela Anderson zu.
Ob es im Westfalenstadion wohl immer noch 1:0 steht ?
"Gedanken, die kommen, lasse ich vorüberziehen wie Wolken an einem strahlend blauen Himmel."
Ich versuche mir blau vorzustellen und plötzlich weiß ich, gegen wen Dortmund spielt: gegen Schalke. Ganz deutlich sehe ich die königsblauen Trikots wie Wölkchen vorüberziehen. Dortmund gegen Schalke. Und ich bin live dabei. Ailton wird grade gefoult.
"Vor uns taucht ein wunderschöner Apfelbaum mit rosafarbenen Blüten auf."
Meine Blase meldet sich wieder, sie hat wohl Baum gehört. So eine rechte Entlastung war das mentale Pinkeln eben doch nicht. Hoffentlich ist bald Abpfiff bei dieser Seelensuche. Ob in Dortmund auch schon Schluss ist ?
Da, die Endphase unserer Phantasiereise wird offensichtlich eingeläutet.
"Jetzt kehren wir wieder langsam in den Raum zurück und recken und strecken uns."
Alles räkelt sich, der Schnarcher muss geweckt werden.
Nun wird reihum gefragt, wie es war. Alle fanden es toll. Sie haben bunte Blumen gesehen, und Oleandersträuche, und einen Apfelbaum mit rosa Blüten.
Ich bin dran. Auch ich fand alles ganz toll. Und frage, ob wir uns das nächste Mal Bayern gegen den HSV angucken könnten.


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