Spekulatius im Spät-Sommerloch

Vorgestern standen noch Grillkohle, Würstchen und Bier auf dem Einkaufszettel; heute gibt es schon Weihnachtsstollen und Glühwein. Nun mag man sagen, das war doch schon immer so. [Das war doch schon immer so, Anm. d. Red.] Doch irgendwas hat sich verändert.

Die letzten Jahre war die Anwesenheit von Spekulatius & Co immer ein zuverlässiger Hinweis darauf, dass das Sommerloch endgültig vorbei ist. Zurzeit befinden wir uns jedoch mitten im Spät-Sommerloch. Und tatsächlich, dieses Jahr geht der allsommerliche Irrsinn in die Verlängerung.

Die Bundesregierung will den Tag der deutschen Einheit als Feiertag abschaffen. So soll das Wirtschaftswachstum zusätzlich angekurbelt werden. Da fragt sich der gemeine Pöbel, ob die "da Oben" noch alle Nadeln an der Nordmanntanne haben und die lieben Kleinen bangen um ihre Weihnachtsgeschenke.

Kurzfristig fällt die Mauer in den Köpfen und das Volk will sich gerade zum Erhalt des eigens erkämpften Nationalfeiertags formieren, da rudern die Hauptverantwortlichen der SPD schon wieder zurück.

Wie bitte? Alles nur ein kleiner Jux?

Irgendwo in Mitteldeutschland ist doch gerade wieder Karnevalzeit, also starten wir mal eben eine lustige Feiertagsdebatte, oder wie? Spaß ist wenn man trotzdem lacht, aber die die Herren Stoiber und Rogowski lachen nicht und fordern eine Rückkehr zur 40-Stunden-Woche oder die Kürzung von Urlaubstagen.

CSU-Chef Edmund Stoiber sagte der 'Bild am Sonntag' das Übliche: "Wir müssen in Deutschland alle wieder ein Stück mehr arbeiten.” Zudem müssten die Deutschen "den Titel des Urlaubsweltmeisters abgeben”. Okay das kennen wir, aber:

Was hat die SPD-Spitze mit dieser Feiertags-Aktion bezweckt? Eine emotionale Diskussion über Arbeitszeiten und Subventionsabbau? Vielleicht, aber vermutlich ist die Information und die Kommunikation innerhalb der SPD-Führung zurzeit so kaputt, dass jeder, der eine Idee zur Stärkung der Konjunktur hat an die Presse geht ohne diese vorher mit seinen Parteifreunden abzusprechen.

Die konservative Seite ist dort nicht so vorschnell. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Wolfgang Böhmer zum Beispiel (CDU) sprach sich für die Streichung des Dreikönigs-Feiertags aus, der allerdings nicht bundesweit begangen wird. Nur in Bayern und Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt ist der 6. Januar arbeitsfrei. Diese auf den ersten Blick etwas absurde Forderung ist genauer betrachtet gar nicht so blöde.

Bei einer anstehenden Landtagswahl in Schleswig-Holstein (Februar 2005) streichen wir Bayern und Baden-Württemberg einen Feiertag. Bei einer Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen (Mai 2005) streichen wir dem Osten irgendwas und so weiter. Regionale Feiertagskürzung beim gegenüberliegenden Volksstamm, das macht Spaß! Die Parteien drehen sich lustig im Kreis und das ganze Land wird nach und nach wirtschaftlich auf- und abgekurbelt.

Auch an Deutschlands Hochschulen ist es zurzeit ruhig geworden. Natürlich ist es verständlich, dass die Studenten bei einer Feiertagsdebatte diskret zur Seite schauen und Trillerpfeifen und Flüstertüten gar nicht erst auspacken. Schließlich ist das Studentenpack ja mit ausreichend Feiertagen, wie vergleichsweise die Arbeitnehmer mit ausreichend Arbeitstagen, ausgelastet. Eine kleine Fachhochschule im Norden der Republik lässt sich jedoch nicht beirren und feiert gerade in dieser tristen Zeit ihren inoffiziellen Feiertag mit viel Freude. Am 16.11.2004 laden verschiedene Bereiche der FH Flensburg zur "Kohl- und Pinkeltour" mit reichlich Bier, Glühwein und Grünkohl satt.

In diesem Sinne:
Wir haben noch nicht genug! Der 16. November muss bundesweiter Feiertag werden!


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