Jesus ist mein Vorbild

"Guten Tag, ich mache eine Umfrage fürs Radio."
Eigentlich wollte ich die heiße Blondine anquatschen, aber die ging weiter, ohne mich zu beachten. Stattdessen blieb so ein junger, roter Fussellockenkopf neben mir stehen und blickte mich fragend an. Ich starrte derweil weiter der Blondine hinterher. Vielleicht hätte sich etwas für den Abend ergeben. Na ja, egal. Die Kleine stand immer noch neben mir und wartete auf irgendwas. Ach so, die Umfrage.
"Ja, also, ich befrage die Menschen nach ihren Vorbildern in der heutigen Zeit. Wer ist dein Vorbild?"
"Jesus", sagte der Fussellockenkopf kurz und trocken.
"Ach ja?" Ich wurde hellhörig. "Wieso denn Jesus?"
"Na ja, das ist ein Mann, der hat vor 2000 Jahren gelebt und viele Sachen gemacht. Auch wenn viele Menschen nicht glauben, dass es ihn wirklich gab. Ich weiß es."
"Also mein persönliches Vorbild ist Pontius Pilatus." antwortete ich ihr. Ich konnte nicht widerstehen und sie verstand es ohnehin nicht. "Aber das tut ja nichts zur Sache. Wieso weißt du denn, dass es Jesus wirklich gab?"
"Na, ich glaube an ihn, spreche mit ihm und bete jeden Tag. Und ich habe auch schon viele Wunder erlebt."
"Was denn für Wunder?" fragte ich natürlich neugierig.
"Ach, ganz viele. Die kann ich gar nicht alle aufzählen. Letztens zum Beispiel hatte ich etwas wirklich Wichtiges verloren. Also betete ich zwei Tage lang ununterbrochen und dann fand ich es wieder."
"Also das ist mir in der Tat auch schon mal passiert", gestand ich ein, "damals hatte ich ebenfalls etwas Wichtiges verloren."
"Und hast du dann gebetet und Jesus schenkte dir ein Wunder und du hast das verlorene Gut wieder gefunden?"
"Nein, ich habe einfach meine Couch zur Seite geschoben und da war es. Ich bin ein furchtbar unordentlicher Mensch. Aber was hattest du eigentlich verloren?"
Sie strahlte bei meiner Frage, als hätte sie nur darauf gewartet. Dann zog sie den Ärmel ihres kratzigen, ausgeleierten Wollpullis hoch und zeigte auf ein ledernes Freundschaftsband an ihrem linken Handgelenk.
"Das hier, es ist mein Lieblingsband. Ein wundervoller Christ schenkte es mir vor einem Jahr und es bedeutet mir unglaublich viel. Und eines Tages hatte ich es plötzlich verloren." Sie wurde gleich noch einmal traurig beim erneuten Gedanken daran.
"Aber dann betete ich zwei Tage lang und Jesus erhörte mich und schenkte mir ein Wunder. Nach den zwei Tagen war das Band wieder genau hier, an meinem Handgelenk. Ist das nicht ein wahres Wunder?"
Ich nickte nur noch beim Blick auf die etwa dreißig vergilbten Freundschaftsbänder an jedem ihrer Handgelenke. Vermutlich hielt sie meine Reaktion für antwortlose Begeisterung für die Macht Jesu.
"Wie sieht denn dein Leben aus mit Jesus als Vorbild?" wollte ich noch von ihr wissen. Schließlich hatte ich gerade nichts Besseres zu tun.
"Ich lebe mein Leben nach seinen Regeln. Ich lese die Bibel und gehe jeden Sonntag in die Kirche. Na ja, fast jeden Sonntag. Es klappt nicht immer."
"Und du hältst dich also auch an die Zehn Gebote?"
"Ja", antwortete sie voller Überzeugung, "das versucht doch jeder."
"Aber es ist natürlich hin und wieder ganz schön schwer", fügte sie relativierend hinzu.
"Ach so?" Das erregte natürlich viel mehr meine Aufmerksamkeit. "Die Befolgung welchen Gebots fällt denn am schwersten?"
Das kleine rote Fussellockenköpfchen dachte angestrengt nach.
"Das Begehren?" fragte ich sie. Vielleicht ging ja doch noch etwas. Ich musste zwar immer noch an die Blondine denken, aber zur Not würde ich auch das hässliche Ding da vor mir poppen.
"Ach ne", antwortete sie wie erwartet und kicherte.
Das könnte ich also vergessen; aber sie war sowieso nicht attraktiv.
"Der Neid?" fragte ich weiter.
"Ne, auch nicht."
"Das Lügen?" Kam das nicht gleich nach dem Neid, grübelte ich vor mich hin.
"Ne, eigentlich ist keins besonders schwer."
"Selbstverständlich." Ich kam aus dem Nicken gar nicht mehr heraus. "Wer würde auch etwas anderes behaupten?"
"Und bist du auch in einer Gemeinde?" steuerte ich das Thema geschwind in eine neue Richtung.
"Ja, bei den Baptisten in Wiesbaden", erwiderte sie freudestrahlend.
"Was ist denn besonders an dieser Gemeinde?" Ich hielt weiter Ausschau nach der geilen Blondine. Vielleicht könnte ich mich ja erniedrigen und ihr noch hinterher rennen, wenn sie aus irgendeinem Geschäft wieder auftauchen sollte. Aber noch sah ich sie nirgends. In der Zwischenzeit diente das kleine Fussellockenköpfchen als perfekte Tarnung.
"Also wir werden ja alle erst getauft, wenn wir erwachsen sind", plapperte die Kleine an meiner Seite weiter. "So wie Jesus. Er ließ sich auch erst im Alter von 30 oder so taufen. Die Katholiken taufen ja schon ihre Babys, aber das halte ich für falsch, schließlich können Babys noch nicht für sich entscheiden, dass sie an Jesus glauben."
Na aber Hallo, die Kleine machte doch noch richtig Spaß.
"Also hast du ganz allein für dich entschieden, dass du an Jesus glaubst?"
"Ja."
"Oder bist du schon von deinen Eltern so erzogen worden?"
"Ja."
Als hätte ich es geahnt.
"Was meinst du genau damit? Bist du so erzogen worden, oder hast du allein entschieden, dass du an Jesus glaubst?"
"Also ich bin schon von Kind an streng gläubig erzogen worden. Mein Vater ist auch seit dreißig Jahren in der Gemeinde aktiv. Aber ich habe mich ganz allein dafür entschieden, dass ich an Jesus glaube."
"Klar doch, das leuchtet mir ein." Was sollte ich auch anderes darauf erwidern.
Sie lachte mich freudig an, als hätte sie einen längst verloren geglaubten Heiden wieder an den geheiligten Mutterbusen zurückbekehrt.
Apropos Busen. Da kam mir ein Mordsapparat unter einer leckeren Blondine entgegen. Nicht der von vorhin, aber wer wird schon wählerisch sein. Schnell ließ ich mit einem kurzen "Danke" das rote Fussellockenköpfchen links liegen und stürmte los.


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