Freitag, 23.00 Uhr Mein Gott, jetzt bin ich schon seit zweieinhalb Stunden arbeitslos und war noch nicht einmal betrunken. Hätte nicht gedacht, dass ich es so gut verkrafte. Fühl mich trotzdem irgendwie... nutzlos. Komme noch nicht richtig mit der neugewonnen Freiheit klar. Weiß auch gar nicht genau, wie man sich als Arbeitsloser zu verhalten hat. Beschließe, in Kürze Vorgesetzte und altgediente Kollegen zu befragen; will schließlich nicht gleich in den ersten Tagen unangenehm auffallen.
Wandere ein wenig durch die Wohnung und übe dabei das Beschämt-zu-Boden-Blicken. Verliere die Orientierung und gerate versehentlich in den Kleiderschrank. Niemand da... Will schon wieder gehen, da bemerke ich, dass ich auch gar nichts passendes zum Anziehen für meine Arbeitslosigkeit habe.
Verlasse den Kleiderschrank. Suche in der Zeitung nach Angeboten für Jogginganzüge. Das Billigste: 15,- Mark bei Corsa, bin beeindruckt. Oder vielleicht doch lieber was Besseres? Schließlich muss ich ihn ja jeden Tag tragen.
Samstagmorgen 10.00 Uhr Bin schon seit drei Stunden sinnlos wach, will aber nicht darüber nachdenken.
Als erstes um sieben Uhr rausgegangen, auf dem Bürgersteig hin und hergelaufen und dabei alle Passanten laut gegrüßt. Vor allem die aus meinem Haus, damit sie sehen, dass ich schon wach bin. Hinterher den Bürgersteig gefegt, dann rumgestanden.
Zeitung gekauft. Gesucht nach Demonstration gegen Arbeitslosigkeit am Nachmittag. Stimmung lappt ins Kämpferische. Will zeigen, dass ich mich ordentlich wehre, was tue.
Nichts gefunden. Nachmittag frei. Trotzdem unzufrieden. Rufe Bov Bjerg (1) an und frage, ob er Lust hat, mit mir Demonstration zu organisieren, um die Welt und CNN auf unsere Arbeitslosigkeit hinzuweisen und die Regierung unter Druck zu setzen.
Kollege Bjerg ist im Prinzip begeistert, meint aber, dass es nicht funktioniert. Wie meint er das? Ich glaube, er versteht mich einfach nicht; oder besser: Er will mich verstehen.
12.00 Uhr Zwei Stunden still gesessen, dann von Türklingel gestört worden.
Rot-Kreuz-Mitarbeiter, will, dass ich Mitglied werde und sie finanziell unterstütze. Sage: Bin arbeitslos. Rot-Kreuz-Werber ist betroffen, meint aber, das macht nichts. Ich dürfte trotzdem Mitglied werden und sie finanziell unterstützen. Netter Mensch, bedaure, dass ich es mir nicht leisten kann. Schlage aber vor, mit dem Roten Kreuz nach Sarajewo zu fahren und dort die Eilzustellung (2) wieder neu aufzubauen. Frage ihn, ob er mir bis dahin etwas Geld leihen kann. Er schlägt mir die Tür vor der Nase zu. Hoffe, mir die Methode merken zu können.
Will wieder still sitzen und nachdenken. Scheitere, weil: Kopfleere.
Statt dessen eine Einblendung: Lieber Horst, deine nachfolgenden Gedanken verschieben sich um ungefähr 15 Minuten.
12.30 Uhr Rutsche aus dem Nichts ins Grübeln über Geldprobleme.
Ergreife die Initiative. Rufe beim ZDF an und frage, ob sie jemanden für die Wetterkarte brauchen. Stimme am anderen Ende sagt im Wesentlichen: "Nein!" Na ja, hab's wenigstens versucht. Ist eben Rezession.
Denke weiter ans Geld. Bemerke, dass Kopfleere schöner war. Stelle fest, dass meine EC-Karte nicht mehr funktioniert. Zumindest nicht ohne Automaten. Verdammt, ich brauche Geld. Vielleicht sollte ich's mal als Gameshow-Kandidat versuchen. Oder besser noch bei Wetten dass...? Suche mein Wettalent. Werde üben, die Tiefkühlpizzasorte, die Bov Bjerg zuletzt gegessen hat, am Furzgeruch zu erkennen. Prima Idee. Werde garantiert Wettkönig. Kopfleere stellt sich wieder ein.
15.00 Uhr Meine Mutter ruft an und bittet mich, mich mit ihr zu zerstreiten, damit wir uns bei Verzeih mir wieder versöhnen können. Ist das der Moment? Löse ich mich jetzt von meiner Mutter? Beschließe, Bekanntschaftsanzeige aufzugeben:
Ich bin gründlich gutaussehend und ein bisschen arbeitslos. Meine Hobbys sind Fernsehn, und ich versteh auch viel von gutem Essen. So denken ja viele, Tiefkühlpizza wäre gleich Tiefkühlpizza. Tatsächlich gibt es da aber riesige Qualitätsunterschiede und auch verschiedene Sorten...
Verwerfe Bekanntschaftsanzeige. Zu lang, zu teuer. Werde morgen noch mal meine Mutter anrufen.
18.00 Uhr Beginne langsam zu verwahrlosen. Vielleicht sollte ich mich mal absichtlich waschen. Das könnte mir helfen. Beweisen, dass man noch was mit mir anfangen kann, das Leben trotzdem weitergeht, man nicht an der Arbeitslosigkeit zugrunde gehen muss. Fasse wieder Mut. Frage mich warum.
21.00 Uhr Werde nächste Woche mal rausfahren. Ins Grüne. Oder besser 'ne Studienfahrt. Ende der Sechziger, in der Hippie-Hochzeit, sind alle nach San Francisco gezogen. Sollte jetzt mal ins Arbeitslosenzentrum fahren. Eisenhüttenstadt oder so. Mich über neueste Mode, Trends und Lebensgefühl informieren. Viel lernen und Gleichgestimmte treffen.
23.00 Uhr Beim Versuch, mich auf Eisenhüttenstadt zu freuen, endgültig gescheitert.
Beschließe, auf dem Fernseher und im Regal Staub zu putzen. Bin überrascht, dass ich es auch mache. Finde, dass es vorher gemütlicher aussah. Versuche, Staub aus dem Staubtuch wieder zurückzuschütten; scheitere erneut. Fühle mich unfähig und verbraucht, ärgere mich, beiße Stück aus Staubtuch und schlucke es runter.
Warte, was passiert: Keine Reaktion. Bin erschüttert, wie ich auf alles immer gleichgültiger reagiere.
Überlege, ob ich mir den Bart abrasieren sollte. Tue es nicht, aus Angst, es könnte mir nicht gefallen. Sähe sicher dämlich aus, wenn ich mir die Stoppeln ins Gesicht zurückschütte, möchte außerdem vermeiden, ein Stück aus dem Rasierapparat herauszubeißen.
Beschließe stattdessen, mich ruhig zu verhalten und zu warten, bis Staub wieder auf dem Fernseher liegt. Sinniere beim Beobachten des fällenden Staubs, ob ich mich noch mal waschen sollte, oder meine Mutter anrufen oder den Fernsehkanal wechseln oder... Eigentlich könnte ich mich ja jetzt umbringen, aber ich habe Angst, dass dann mein ganzes Leben noch mal an meinen Augen vorüberzieht.
Sonntag, 1.00 Uhr Bemerke, dass Tagebuchschreiben depressiv macht. Erst recht beim nochmaligen Durchlesen aus Langeweile. Beschließe deshalb alles weitere nicht mehr aufzuschreiben, sondern auf fremde Anrufbeantworter zu sprechen. Die moderne Kommunikationstechnik ist nämlich mein Freund...
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(1) Kollege, der mit H. Evers entlassen wurde. (Anm. d. Red.)
(2) H. Evers war als Eilzusteller bei der Deutschen Bundespost beschäftigt. (Anm. d. Red.)
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