Tischdecke

Okay, wer möchte provozieren hier? Wer möchte mal was aussagen in der Hoffnung, gelesen/gehört zu werden? Wer will hier mal kreativieren? Na? Na? So Meinung verbreiten und so? Na? Vielleicht sogar hier, beim HERBST (Sprachrohr der Gebeutelten, alle furchtbar begabt hier, wir sind alle total am Puls der Zeit und haben uns den Kampf gegen die BILD in Courier New auf die Fahnen gestickt, uuuund trinkfest sind wir auch, wenn das nix is)?
JA? Sie da? Super! Kommense mal näher, dann schreibense mal, schickense her, ich les das mal eben... Jaaaa... Nicht übel... Hihi... Cool... - Äh. Hrgh... Och nee. Also. Echt jetz. Was soll denn das? Schon wiiiiieder. MANN. Ich heul gleich. Aber vorher schmeiß ich was kaputt. Und dann ruf ich meinen Therapeuten an.

So und nicht anders geht es mir beizeiten und in letzter Zeit öfter. Ich geh manchmal zu Poetry Slams (zugegeben, der letzte ist eine Weile her und war in England, aber da gilt das erschreckenderweise auch) und, was noch schlimmer ist: ich bin beim HERBST unter 'Redaktion' gelistet. Das heißt, man kann mir Texte schicken, die les ich dann und dann darf ich mir überlegen, ob ich der Meinung bin, dass das was wäre fürs HERBSTprogramm. Oder nicht. Oder so. Manchmal rahm ich das auch ein und tanze davor im Kreis. Oder ich schmeiße tote Tauben in Richtung Text. Oder ich trage die Texte auf Familienfeiern vor, und Tante Gerda spielt Gitarre dazu. Tischtennis spiel ich auch manchmal damit (Ehrlich, das geht, wenn man das ausdruckt und dann so schräg faltet und...ach, is ja auch egal.)Wie auch immer, beizeiten und in letzter Zeit scheinen Bewerber beim HERBST und Vorträger auf dem Poetry Slam der Meinung, eine bestimmte Ausdrucksweise brächte sie weiter. Nun, dazu möchte ich eines sagen: NEIN.
Diese bestimmte Ausdrucksweise beschränkt sich fast ausschließlich auf ein kleines Wörtchen und dessen Variationen, ein Wörtchen, dass in 99,9% alles Vorgetragenem und Eingeschicktem einfach nur albern wirkt. Und überflüssig. Und gezwungen. Und dämlich. Und out of date, auch auf Englisch. Kurz: Es nervt! In den Siebzigern, da war das eventuell mal für drei Monate provokant, dieses Wörtchen. Jetzt ist es das nicht mehr. Jetzt ist es ein eindeutiges Zeichen, dass sein Verwender den Jahrtausendwechsel verschlafen hat. Ein Beweis, dass der Urheber in diesem Falle nicht begriffen hat, dass Provokation nicht gleich Obszönität (in welchem Sinne auch immer) bedeutet. Dieses Wörtchen regt nicht auf. Es regt auch nicht an. Höchstens zum Gähnen, könnte ich sagen, wenn ich den vorangegangenen Satz auf billige Art und Weise weiterspinnen wollte. Will ich aber nicht, stimmen tut es trotzdem.
Das kleine nervige Wörtchen heißt "Ficken" (hat jetzt wirklich jemand was anderes erwartet?).
Bewerber beim HERBST verwenden es gerne. Und ich lehne sie daraufhin noch gerner (haha) ab. Ich finde es unerträglich doof, wenn exaltierte Pseudo-Goths es auf der Bühne schreien und dabei fast das Publikum einregnen, in der irrigen Annahme, dieses mache sich in die Hosen vor Provokation. Ich finde es auch völlig unangebracht, einen Text über Klaviere mit Analogien zum primären männlichen Geschlechtsorgan zu beginnen, die nichts mit dem Text an sich zu tun haben, nur um zu zeigen, dass man sich das traut. Es ist nämlich nicht nötig, sich das zu trauen. Damit versaut man sich in der Regel nämlich alles. Noch blöder ist es, das Wort oder auch entsprechende Synonyme in einen Text einzubauen, der auch wunderbar ohne es leben könnte und vielleicht sogar noch an Anspruch und Witz gewänne, würde man es sich einfach verkneifen. Achtung: Übrigens- Ficken? Siehste?! Funktioniert nicht! Ist nicht witzig. Haha. Ähm. Ja, spar's dir, Danke. Weiter gehen. Unser fürchterlich kompetenter und anbetungswürdiger Chefredakteur Heiner H. taufte diese Art Text in einer Mail an mich vorgestern "Ficktexte" und ich finde, ich sollte das mal eben zitieren. "Ficktexte" (H. Hänsel) krieg ja nicht nur ich. Auch Heiner H. und ich nehme an, auch der Rest der Redaktion muss sich damit rumschlagen. Wenn ich Herrn Heiner H. allerdings richtig verstand in seiner Mail an mich, dann gehe ich davon aus, dass er das nicht so doof findet wie ich. Kann aber auch sein, dass er mich nur ärgern wollte, das hat er manchmal. Lustig machen tun wir uns allemal über sie, die infamen "Ficktexte" (H. Hänsel). Ich würde sogar soweit gehen zu sagen: Demnächst schlage ich Chefredakteur Heiner H. mal vor, eine Extra-Rubrik in der Printausgabe freizuschaufeln, Überschrift "'Ficktexte' (H. Hänsel). Oder was manche Bewerber für Provokation halten, haha." Oh, oh, nein, ich hab eine bessere Idee! Wie wär's denn mal mit "Gurkensalat" statt "Ficken"? Ooder... äääh... "Tischdecke"? Ja, "Tischdecke" ist das neue "Ficken"! DAS nenn ich doch mal Provokation. Zumindest provoziert es zum Nachdenken. Oder zu Hassmails an uns. Ich persönlich fände das extrem komisch. Beides.
Ach so, was ich damit eigentlich sagen wollte, danach hör ich auch auf:

Liebe BewerberInnen: Ich lese eure Texte, wenn ich sie bekomme, eigentlich immer. Also wenn ich nicht gerade was Besseres zu tun habe, meine Tischdecke bügeln zum Beispiel (Jaja, für den schäme ich mich jetzt selber, is ja gut.) oder heiraten oder 'ne vierte Fremdsprache lernen. Und, wenn ich der Meinung bin, dass das kleine doofe Wort keine Berechtigung in eurem Text hat (IMMER eigentlich), dann lehn ich euch ab. Da bin ich echt Kameradenschwein. Ich lach' euch vielleicht kurz aus, aber das ist dann auch alles. Da kenn ich nix. Gut, manchmal schick ich das dann an Heiner H. und beschwer mich auch gleich über mein schweres Dasein und so. Es sei denn, ihr könnt auch anders. Das beweist ihr am besten ganz schnell oder am besten noch vorher. Oder ihr schickt eure Texte an Herrn Heiner H. Der ist da vielleicht nicht so, wenn ihr das entsprechend verpackt (er ist total bestechlich, ich muss es wissen). Ansonsten: Schluss. Aus. Hört. Auf. Damit.
Danke.
Wo wir gerade dabei sind: Heiner, ich glaub, du musst mich rausschmeißen jetzt. Mist.


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