"Verpiss dich", schnauzte meine Mitbewohnerin, "und bring mir Zigaretten mit!" Auf dem Weg nach draußen stolperte ich über die Toilettenpapierpackung. Sie war leer. Leer wie meine Seele nach zuviel Eiskaffee und Gummibärchen, nach undurchschnarchten Nächten mit Partynachbarn und Handy auf Lautlosfunktion, das keinen interessierte, nach einer aufgezwungenen Folge 'Cobra 11- Die Autobahnpolizei' ohne rettende Cola Light in den klebrigen Fingern oder Aussicht auf Besserung, weil 'Der Bulle von Tölz' phonetisch sehr undurchsichtig war.
Da wurde mir klar, dass ich zum Pennymarkt gehen musste.
Ich schnallte mir meinen 80 Liter Rucksack auf die mageren Studentinnenschultern und wuppte auf mein Rad, während ich heroisch von durch-mich-verursachten besseren Zeiten derilierte und insgeheim hoffte, mein Postwährungsreformkleingeldvorrat würde auch diese Trennung überstehen. Auf dem Weg zum 'Penny' semmelte mich unvermittelt ein Hagelschauer vom Rad, doch das motivierte mich nur noch mehr, ich wusste, ich musste da durch, ich hatte keine Wahl: in etwa zwanzig Metern Entfernung sah ich schon das Weichbild, leuchtend in unseren ach, so dunklen Zeiten, ich konnte jetzt nicht aufgeben, wie sähe das denn aus, und überhaupt, es hatte ja keinen Zweck: Kacken muss jeder. Ich stemmte mich gegen Sturm und Widrigkeiten, gegen Penner mit Plastiktüten und Hausfrauen mit Regenschirmen, und mein Rad schließlich nach imaginären Gefechten mit den geifernden und überzüchteten Ersatzhunden trockengebliebender Rentnerinnen in den Radständer vor dem 'Penny'. Nass und erschöpft schlurfte ich durch die Gänge, ich durfte mein Ziel jetzt nicht aus den Augen verlieren, es war so nah, ich konnte es schaffen! Reflexartig griff ich in das Schokoladenregal (auch das war mein Ziel gewesen, es war nur kurzfristiger als das Toilettenpapier), dann nach links zur Zitronenlimonade, doch halt, hier stellte sich gar keine Kurzfristigkeit ein, also lieber weiter zum nächsten Gang, da sah ich es- es war überwältigend, leuchtend, groß, weiß, einlagig, zweilagig, dreilagig... Ich fühlte mich temporär überfordert, doch dann dachte ich an den Gemütszustand meiner Mitbewohnerin und an ihre noch ausstehende immerwährende Dankbarkeit mir gegenüber und entschied mich für das dreilagige, insgeheim der Hoffnung ergeben, sie damit besänftigen zu können. An der Kasse verabschiedete ich mich von meinem Kleingeld und versicherte ihm, die Leere, die es hinterließ, angemessen mit Hygieneartikeln und Süßwaren zu füllen, man muss ja flexibel sein, auch wenn die nicht ins Portemonnaie passten.
Schließlich verließ ich den Konsumtempel mit geschlossenen Augen, um durch den Hagel nicht zu erblinden, ich war gut vorbereitet, mir konnte keiner was, und rannte dabei eine Hausfrau um und trat auf ihre Teppichratte in nassgrau. Sie hassten mich dafür, alle beide, doch ich war glücklich und konnte das gar nicht verstehen. Ich hatte es geschafft, ich hatte allem getrotzt, jetzt nur noch durch das Unwetter zurück, das hatte ich ja schon mal geschafft, ich würde es auch dieses Mal meistern und es würde meinen Sieg tausendfach versüßen!
Ich öffnete die Augen und sah, dass die Sonne schien. Das konnte ich jetzt ja auch nicht verstehen, ich fühlte mich verraten, wo war mein Heldentum, meine Courage, meine Einsatzbereitschaft im Angesicht des Wetterberichtes, wo war all das, wenn nun doch wieder die Sonne scheinen sollte?? Niemals würde mich jemand verstehen, niemals würde mir jemand auf die Schulter klopfen und "Gut gemacht, Champ!" hauchen, wenn der Hagel mich jetzt im Stich ließ! Ich fühlte mich irgendwie nicht so gut.
Doch dann hatte ich eine Idee, ich wuppte wieder auf mein Fahrrad und strampelte los, immer im Kreis, irgendwann musste es ja wieder regnen, schließlich hatte es ja gerade geregnet, da musste doch noch was von übrig sein! Ich starrte also Kreise- fahrend gen Firmament, doch von da kam nix, ich sah ein Flugzeug, ein, zwei Wolken, die mein Heldenherz höher schlagen ließen, denen das aber egal war, und die wedelnde Hand eines 'Penny' - Angestellten, der nur überprüfen wollte, ob ich vielleicht einen epileptischen Anfall hatte. Mit der Zeit wurde es dunkel und ich hatte dann auch keine Lust mehr. Insgeheim hatte ich auch bereits die wachsenden Schweißflecken unter meinen Armen registriert, also wenn die nicht angestrengt aussahen, wusste ich ja auch nicht, und so zuckelte ich schließlich doch wieder etwas fröhlicher nach Hause. Als ich endlich im Schweiße und Ruhme meines Angesichts die Wohnungstür aufschloss, wusste ich, dass ich dafür auf ewig ins Walhalla der Mitbewohner eingehen würde, ich war so toll, ich war mutig, ich war tapfer, ich -
"Ey!"
Ich musste das soforrrt meiner Mitbewohnerin erzählen, sie würde mich anbeten, mich anflehen, sie zu lehren und so, und...
"Sach ma, hast du ne Schacke? Weißt du eigentlich, wie spät es ist?? Es ist nach Mitternacht!! Was soll’n der Scheiß??"
Ich war noch immer getränkt von Ehre und Drachentötermut, ich stelzte auf sie zu und umarmte sie, denn ich wusste, dass sie es auch wollte, ich drückte ihr die schweißtriefende Toilettenpapierpackung in die Hand, "Da", keuchte ich, "dreilagig. Stehste doch auf, ne?" Ich schwang meine Jacke mit Schmackes auf die Garderobe und noch einmal mit etwas weniger, weil sie herunterfiel, ich umkurvte die Katze, schleuderte die Kühlschranktür auf und legte die Schokolade hinein, ich war gut, ich war erfolgreich, ich hatte gesiegt, ich...
"Und wo sind jetzt meine Zigaretten??"
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