Pest oder Cholera

Ich habe kein Auto. Und ich habe auch nicht vor, mir in nächster Zukunft eins zuzulegen. Aus verschiedenen Gründen hasse ich das Autofahren abgrundtief. Zum Beispiel wegen der Tatsache, dass es auch noch Millionen anderer Autofahrer gibt.
Und wegen Ampeln, Staus wo man sie nicht erwartet, mehrspurigen Fahrbahnen in der Stadt, Autobahnen, zugeparkten Straßen, nicht vorhandenen Parkplätzen und darin begründeter Parkplatz-Rüpelei. Wenn's nach mir ginge, müsste man den Führerschein in »Waffenbesitz- Erlaubnis« umbenennen. Die Tatsache, dass dem eben nicht so ist, macht mich misstrauisch. In meinen Augen ist jedes Gefährt auf vier Rädern mein potentielles Todesurteil. Es ist sogar mein Feind, wenn es nur friedlich auf dem Parkplatz steht und vor sich hinrostet. Und der Henker der Menschheit, wenn ich hinter dem Steuer sitze. Ich bin zweimal durch die praktische Prüfung gefallen, nur das Einparken hat alle drei Male perfekt geklappt. Vielleicht wegen der Aussicht, das Auto gleich verlassen zu können. Ja, ich stehe dazu: Hallo, ich bin die Hedda, ich habe den Führerschein, aber ich kann nicht Autofahren. Autofahren widert mich geradezu an. Seit zwei Jahren hat mich nichts, aber auch gar nichts dazu bewegen können, mich auf den Fahrersitz eines Autos zu setzen. An den Beifahrersitz habe ich mich so langsam gewöhnt, doch ganz grün sind wir uns noch nicht. Ich kriege Schweißausbrüche, wenn ich auf dem Beifahrersitz sitze und neben uns ein LKW vorbei brettert. Ich bremse auch immer mit. Ich bin nachtblind und werde panisch, wenn der Fahrer mir eröffnet, dass er seine Brille vergessen hat und die Schilder da vorne "irgendwie gar nicht entziffern kann" ("Du Hedda, ist das da vorne ne Bremsleuchte oder ein Baustellen-Blinklicht??"). Ich bin dem Herzinfarkt nah, wenn der Fahrer "nur mal schnell rausspringt" und den Motor anlässt, damit ich den Wagen "eventuell zur Seite fahre, falls einer kommt". Ich H-A-S-S-E Autos.
Allerdings bin ich dadurch auf den Bus angewiesen. Und manchmal frage ich mich ernsthaft, ob es nicht vernünftiger wäre, einfach eine Nachschulung zu machen und nie wieder einen Bus zu betreten. Auch dafür gibt es verschiedene Gründe: Die anderen Passagiere zum Beispiel. Manchmal möchte ich ihnen in einem Anfall von Egomanie ausdrücklich nahe legen, den Bus einfach zu verlassen und ihn nicht wieder zu betreten, solange ich drinsitze (wenn ich sitzen kann). Dieses Gefühl beschleicht mich immer dann, wenn ich mittags Busfahren muss, denn dann sind meistens Horden von Schulkindern unterwegs, die mit Freuden ihren Platz für mich räumen würden, wenn sie wüssten, was ich ihnen in meiner Fantasie gerade antue. Neulich habe ich mal wieder den Kardinalsfehler schlechthin begangen und bin mittags um halb zwei in die Stadt gefahren. Ich lerne aber auch nichts dazu! Kreischende vorpubertäre Mädchen mit H&M- Strickjäckchen und billiger Schminke musterten mich abschätzig bis eifersüchtig, während zehnjährige hyperaktive Jungs mit Igel-Haarschnitt Papierkügelchen durch ein Papprohr spuckten, mir ihre Scout- Schulranzen in den Rücken rammten und die kreischenden Mädchen an den Jäckchen zogen. Als mich einer dieser evolutionären Fehlschüsse gezielt mit einer angesabberten Papierkugel traf, hab ich ihm beim Aussteigen leise zischend gedroht, ihm sein Papprohr bis zum Anschlag in den Schlund zu stopfen, sollte er das noch mal versuchen. Auf der Rückfahrt aus der Stadt saß er im selben Bus wie ich. Jedes Mal, wenn er mich ängstlich beobachtete, antwortete ich mit einem hasserfüllten Blick und formte lautlos das Wort "stirb" mit dem Mund. So was passiert mir etwa alle zwei Wochen.
Ein anderer Grund, den Bus zu meiden, sind die Haltestellen. Wenn ich auf den Bus warte, kann es natürlich nicht schnell genug gehen bis er da ist, aber muss dieser Busfahrer denn wirklich alle zweihundert Meter halten?? Was wollen die denn bloß alle in der Pampa, da gibt's doch nix, können die nicht einfach alle in der Stadt aussteigen?? Und wieso muss der noch andere Fahrgäste aufnehmen?? So kostet eine Fahrt von fünf Minuten gleich mal das fünffache an Zeit! Und wieso müssen Busfahrer nach neunzehn Uhr immer gleich drei Minuten zu früh kommen (also mit dem Bus), das schafft doch kein Mensch, da pünktlich zu sein! Und dann halten sie alle am ZOB fünf Minuten länger, in denen man tatenlos rumsitzen und sich andere Menschen (!!) angucken muss, denen es auch nicht anders geht, während die Halbgötter in dunkelblau erst mal eine rauchen. Würde ich aussteigen und dasselbe tun, würden sie ohne mich weiterfahren. Oder ich müsste noch mal zahlen. Zum Glück hab ich ein Semesterticket. Ich lasse jetzt mal die Rentner außer acht, die mich immer vorwurfsvoll anbellen, ob der Platz neben mir noch frei ist (NEIN!) oder sich kommentarlos neben mich auf die Bank quetschen, so dass ich einen vollen Rucksack und drei schwere Einkaufstüten auf dem Schoß balancieren muss. Von der Aussteige- Arie mal ganz abgesehen ("Dürfte ich bitte aussteigen? Hallo? HALLOOOO!!! ICHMUSSHIERRAUS!!!"). Um nicht zu erwähnen, dass man oft jemanden trifft, den man einfach nicht treffen will, und den man auf der Straße mit einem hektischen "Du, keine Zeit, aber wir MÜSSEN telefonieren!" abwimmeln würde. Oder eben einfach ignorieren. Im Bus geht das nicht. Klappe zu, Affe tot. "Öh ja, hallo...äh...ja. Unnsonnstso?"
Außerdem: ein Bus ist auch ein Auto. Zumindest hat er wenigstens vier Räder. Ein Grund mehr, ihn zu hassen.
Es gibt kein Entrinnen. Ich habe keine Chance. Doch, halt, eine hab ich noch! Meine nächste Anschaffung wird eine Smith & Wesson. Den Waffenschein hab ich ja schon.


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