Ich hatte einen Traum: Ich sah aus dem Busfenster heraus einen aus der Landschaft herausragenden wunderschönen und darum sehr bekannten Berg. Man nannte ihn wegen seiner unwägbaren Instabilitäten den Problemberg. Er war durch ein unbegehbares Zwischental mit dem als geologische Kuriosität bekannten jährlich immer noch wachsenden Schuldenberg zu einer einheitlichen Gebirgsformation verwachsen.
Ich sah ihn mit vielen anderen mit mir im Bus Reisenden also schon von weitem. Da wir glaubten, es uns geistig leisten zu können, wollten wir uns den Problem- und Schuldenberg – vom Volk auch Proschu-Berg genannt - aus der Nähe ansehen. Dort angekommen wurden wir von mehreren Problembergführern in Empfang genommen. Sie sollten uns auf einem ausgebauten und gesicherten Rundgang um den Berg begleiten, denn Alleingänge wären angeblich zu gefährlich. Aber da kam es zum Streit zwischen ihnen: Die einen wollten uns rechtsherum führen, weil man von da den besseren Einblick gewinnen würde; die anderen dagegen behaupteten das Gegenteil. Die einen, die rechtsherum wollten, schwärmten von den sofort ins Blickfeld geratenden steil aufragenden und bizarren Felsenwänden, die sich aus rabiaten Steuersenkungen ergeben hätten, die man als erstes bewundern müsste. Die anderen dagegen schwärmten von den zuerst auftauchenden sanft ansteigenden und an Buckelpisten erinnernden vielen Hänge, die man mit den Reformen der Renten- und Krankenkasse in Verbindung brachte. Die Übergänge von der einen Gebirgsformation zur anderen bildeten die zwar kleineren, aber irgendwie zur Landschaft passenden und manchmal sogar selber strahlenden Abfallberge. Es gab da in den verschiedensten Farben schimmernden Abfall: den Chemiemüll in den verschiedensten Varianten; den Industriemüll, eingebettet in das darüber gewachsene Unkraut, was sehr die Phantasie anregend war, weil es skurrile Gebilde geschaffen hatte; die Alterspyramide, die dem Berg insgesamt ihren Charakter zu geben schien; und schließlich den moralischen Müll, der den gesamten Berg wie einen schlecht riechenden Dunstschleier überzog und niemand uns sagen konnte, woher der Gestank eigentlich kam. Als sich an der anderen Seite des Berges beide Gruppen trafen, hatten wir gemeinsam das wohl schönste Bergerlebnis vor Augen: Den geistig-kulturellen Müll der Wegwerf-Spaßgesellschaft. Man wusste gar nicht, wohin man zuerst blicken sollte. Alles glitzerte im Sonnenlicht so verführerisch, dass wir tief beeindruckt waren und in schweigender Ehrfurcht vor diesem sich so schnell ändernden Kulturniveau des modernen Menschen verharrten. Wenn man bedachte, wie viel hoch bezahlte intellektuelle und kulturelle Glanzleistungen hier nun vor sich hin moderten, dann bekam man einen tiefes Gefühl dafür, wie grausam Geschichte sein kann. Ich war natürlich bei der linken Gruppe. Es war wirklich spannend, aus immer wieder neuem Blickwinkel auf diesen Berg zu blicken, wobei natürlich auch das Licht eine Rolle spielte. Wir fühlten uns wahnsinnig bereichert. Es war ein tolles Erlebnis, den Problemen von allen Seiten so nahe gekommen zu sein! Dann waren wir wieder am Ausgangspunkt und fuhren gemeinsam wieder zurück. Bei den Gesprächen mit der anderen Gruppe hatten wir den Eindruck, dass die um einen ganz anderen Berg herumgegangen ist, aber das lässt sich leicht erklären, weil wir ja in verschiedener Richtung gegangen sind! Da kam uns die Idee, dass man den Proschu-Berg untertunneln und mit Kreuz- und Quergängen versehen sollte, damit man sich die Probleme auch mal von unten anschauen könne. Diese nahe liegende Idee, die allgemeine Zustimmung fand, hätte als Bedingung allerdings eine große Koalition der Links- und Rechtsgeher gehabt, was man im Prinzip nur begrüßen könnte.
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