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Mannschaftsaufstellung beim Auswärtsspiel

1. der Phrasendrescher
Der Phrasendrescher ist mit allem Eifer beim Fußballgucken dabei. Er freut sich über Tore und Flanken und sobald der Ball in den Strafraum rollt, steht er auf und schreit. Eigentlich hat er vom Fußball, seinen Regeln und Taktiken nicht viel Ahnung, aber er redet gern. "Das Runde muss ins Eckige", sagt er, wenn der Spieler danebenschießt. In der Nachspielzeit ruft er "Schiri, du überziehst! Der Ball ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten!". Dann pfeift der Schiedsrichter ab und der Phrasendrescher warnt mit einem originellen "Nach dem Spiel ist vor dem Spiel" vor allzu großem Übermut.
Bier hat der Phrasendrescher auch getrunken, und nachdem es den Weg alles Flüssigen gegangen ist, tritt der Phrasendrescher aus dem Toilettenhäuschen und sagt zum nächsten in der Schlange: "Ich habe fertig."

2. das Mädchen
Das Mädchen interessiert sich nicht sonderlich für Fußball, geht aber ganz gerne mit, weil sie es mag, schwitzenden Südamerikanern dabei zuzusehen, wie sie sich nach dem Spiel die Klamotten vom gestählten Gaucholeib ziehen. Sie fühlt mit: bei jedem in Zeitlupe wiederholtem Foul sagt sie "Autsch", bei jedem Fehlpass sagt sie "Och nö, ne" und wenn Spieler in der Mauer beim Freistoß den Ball auf die vor die Genitalien gehaltene Hand bekommt, lacht sie auf wie eine Fünfzehnjährige, der man einen schmutzigen Witz erzählt hat.

3. die Anti
Die Anti ist eigentlich nur mit zum Fußballgucken gekommen, weil das Mädchen sie mitgeschleift hat mit dem Argument, sie müsse mal wieder unter Menschen. Dafür sitzt sie das ganze Spiel über mit langem Gesicht daneben, trinkt in 110 Minuten eine kleine Cola light und sagt sonst nicht viel mehr als: "Kannst du deinen Rauch mal in eine andere Richtung blasen?".
Die Anti ist nie für Deutschland, lieber jubelt sie für spuckende, tretende und foulende Niederländer. Ein Sieg Deutschlands ist in ihren Augen ein Sieg aller böser –ismen, von denen ihre Hochschulgruppe, sie seien die Vorstufe zum Oberismus Faschismus. Direkt nach dem Abpfiff steht die Anti auf und geht mit einem säuerlichen Gesichtsausdruck nach Hause, nachdem sie sagt: "Ich muss morgen noch ein Referat in Gender halten."

4. der Prolet
Der Prolet weiß alles, sieht alles, kennt alle Spieler mit Kosenamen und hat schon mal Michael Ballack beim Pissen beobachtet. Wenn die Nationalhymne gespielt wird, steht er auf und singt aus voller Kehle mit. Dann zieht ihn die Anti von hinten am T-Shirt und keift: "Hallooooo! Kannste dich mal wieder hinsetzen? Ich würd’ gern noch was sehen."
Beim Fußballgucken ist er wie ein Siebenjähriger im Kino: er ruft den Akteuren Ratschläge zu. Wo der Siebenjährige kreischt "Vorsicht, Mogli, hinter dir steht der Tiger!", brüllt der Prolet "Über außen! Über außen müsst ihr spielen! Jetzt flank doch rein!". Wenn ein Tor fällt kommentiert er die Zeitlupenwiederholung: "Wunderschön ins lange obere Eck. Gut gesehen! Da hatte der Torwart keine Chance."
Er kann voraussagen, wie das Spiel ausgeht und behauptet, seinen Tipp mit fragwürdigen Statistiken begründen zu können: "Schau, Udo Lindenberg ist auch im Stadion. Sehr gut! Bis jetzt hat Deutschland noch kein Spiel gegen die Färöer-Inseln verloren, wenn Udo Lindenberg im Stadion war."
Kommt es zum Elfmeterschießen sagt er über den einen Schützen: "Der ist gut, der macht ihn wahrscheinlich rein." Und über den anderen: "Der schießt bestimmt mit links."
Eigentlich wäre der Prolet gerne Kommentator geworden, aber er weiß, dass er dann beim Fußballgucken kein Bier trinken darf und das ist es ihm dann doch nicht wert.
Wenn Deutschland ausscheidet ist der Prolet für England.

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Tilman Birr