Unbekannt verzogen
Kurz nach 18 Uhr klingelte es an meiner Tür. Der sympathisch wirkende, ältere Herr enttarnte sich nach kurzem Smalltalk als Bediensteter der Gebühreneinzugszentrale der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, kurz GEZ.
Ich bat ihn, einzutreten. Während er sich in meinem Wohnzimmer umzusehen begann, entdeckte ich mit Entsetzen, dass in meinem Fernsehgerät gerade ein Privatsender lief. Schnell stocherte ich ziellos auf der Fernbedienung herum, in der Hoffnung möglichst schnell eins der von mir eher sporadisch genutzten öffentlich-rechtlichen Programme zu finden.
Dann setzte ich einen Kaffee auf, um mir sein Anliegen in gemütlicher und entspannter Atmosphäre anhören zu können.
"Ich zahl übrigens schon", merkte ich beiläufig an, um nicht in ein falsches Licht zu geraten. "51 Euro und neun Cent im Vierteljahr. Zusätzlich zahl ich übrigens noch ein Radio in meinem alten Wohnsitz. Da wohn ich zwar schon seit drei Jahren nimmer, aber ich denke, sie können das Geld gut gebrauchen!", berichtete ich wahrheitsgemäß.
"Sind sie schon Gold-Seher?", fragte mich der ältere Herr. War ich nicht - hörte sich aber interessant an. "Nein, was bedeutet das?", wollte ich wissen. "Sie zahlen als Gold-Seher 30 Euro mehr und können dann auch Videotext nutzen."
"Wow! Obwohl...das kann ich doch heute schon?!", entgegnete ich etwas irritiert. "Aber als Gold-Seher tun sie es endlich ganz legal!"
Ich unterschrieb freudig mein GEZ-Upgrade und war gerade im Begriff, dem älteren Herren eine weitere Tasse Kaffee einzugießen, als das Telefon klingelte.
"Reiseagentur Up-and-Away, Müller mein Name", überforderte mich eine hektische Stimme am anderen Ende der Leitung. "Sie wollen doch sicher bald verreisen, oder?", wollte mein Gegenüber wissen. Ich bejahte.
"Dann bräuchten wir nur noch ihre Bankdaten."
Ich tat wie mir befohlen und bedankte mich für das Gespräch. "Wann geh ich denn auf Reisen?", fragte ich vorsichtig. "Wir melden uns, sobald wir ihre Bonität geprüft und das Geld eingezogen haben!" Dann klickte es in der Leitung und Herr Müller war weg.
Als ich gerade wieder meinem Besuch von der GEZ Gesellschaft leisten wollte, klingelte es erneut an der Tür. Zwei nette junge Damen kräftigerer Statur strahlten mich an: "Hätten Sie Zeit, sich mit uns über den biblischen Gedanken zu unterhalten?"
Ich ließ sie ein und machte sie mit dem GEZ-Herren bekannt. "Wo muss ich unterschreiben?", fragte die beiden beleibten, sackartig bekleideten Damen. Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich etwas unter Zeitdruck stand: Um Sieben hatte sich ein Versicherungsvertreter bei mir eingeladen und ich wollte eigentlich noch Schnittchen vorbereiten.
Als ich gerade den Kugelschreiber auf dem Mitgliedsantrag der 'Zeugen Judäas' ansetzen wollte, klingelte es dann auch schon.
Verwunderlicherweise stand neben meinem Versicherungsvertreter noch ein junger, tätowierter Mann, welcher sich unmittelbar nach dem Öffnen der Tür für unsere Zeitschriften-Lesegewohnheiten zu interessierten begann.
Ich bat die beiden herein und war gerade dabei, mich dafür zu entschuldigen, dass ich noch keine Schnittchen vorbereitet hatte, als meine Türklingel ein weiteres mal ertönte.
"Huber, mein Name. Gerichtvollzieher. Kann es sein, dass Sie einige offene Forderungen haben?", begrüßte mich mein neuer Besucher. "Kommen Sie erstmal rein!", entgegnete ich freundlich.
Ich stellte den Gerichtvollzieher dem Herrn von der GEZ, den beiden Zeugen Judäas, meinem Versicherungsvertreter sowie dem jungen Mann mit den Zeitschriften-Abos vor. Als er sich in der Wohnung umzusehen begann, klingelte das Telefon. "Ostwestdeutsche Klassenlotterie, schönen guten Abend..."
"Für Sie", sagte ich, reichte das Telefon an den Gerichtsvollzieher weiter und nutzte die Gunst der Stunde dazu, mich schnell und unauffällig aus der Wohnung zu schleichen.
Seither bin ich einfach nur 'unbekannt verzogen'. Außerdem mache ich gerade eine Therapie gegen Gutmütigkeit. Mein Konto habe ich mittlerweile aufgelöst, meine Telefone verkauft und die Türklingel abmontiert.
Herrlich, diese Ruhe!