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Tour de Farce

Ich habe die Tour de France nur am Rande verfolgt. Normalerweise schalte ich in dieser Zeit gerne mal ein um zu schauen, wie sich ein paar Verrückte darum bemühen, mit irrwitziger Geschwindigkeit durch Zuschauermassen zu rasen und Berge hochzuradeln die auch für Bergsteiger eine Herausforderung wären. Sie fahren dabei Geschwindigkeiten die ich vielleicht auf gerader Strecke mit Rückenwind schaffe. Solchen Wahnsinn konnte ich bewundern. Ich dachte mir dabei naiv: Ein oder zwei Fahrer sind vielleicht gedopt, aber die Mehrheit ist bestimmt clean.

Nachdem dieses Jahr - vor dem Start - gleich drei der Favoriten ausgefallen sind, hatte ich Schwierigkeiten die rechte Begeisterung aufzubringen für das große Spektakel. Ja, das muss ich gestehen, auch wenn ich mich jetzt wie ein Bild-Leser fühle. Plötzlich quälen mich vollkommen irrationale Fragen wie zum Beispiel: Was interessiert mich ein Haufen Leute, die ständig immer nur auf dem Fahrrad sitzen? Vor allem, wenn von der Handvoll Leute, deren Namen ich mir noch merken konnte, die Hälfte nicht mehr mitfährt?

Als ich dann erfuhr, dass dieser olle Landis, der mir schon vom Wegsehen unsympathisch war, die Tour gewonnen hatte, da fühlte ich mich wie am letzten Tag der Bundesliga, wie nach dem Finale der leidigen WM: So viele großartige Sportler, und am Ende gewinnen die größten Ärsche. Bayern München, dieser charakterlose Talentesammelverein ohne Herz und Seele, ist schon wieder deutscher Meister. Italien ist Weltmeister, die Mannschaft, mit dem unvergleichlichen Korruptionsskandal im eigenen Lande, und während der ganzen WM die Mannschaft mit den unfairsten Methoden auf dem Fußballplatz. Wie soll man da Jubeln?

Und jetzt das: Mr. Landis gedopt. Testosteron. Rein zufällig direkt am Tag nach seinem großen Einbruch am Berge. Rein zufällig an dem Tag, an dem er sich den Sieg sicherte. Und dann stellt er sich auch noch vor die Kameras und behauptet, er wäre unschuldig. So wie auch Jan Ulrich: "Ich mach' keinen Gentest, ich bin doch kein Verbrecher!" Nun, lieber Jan, das ist nun wirklich Ansichtssache, wenn ein ganzes Land sich an deinen sportlichen Leistungen berauscht und dann erfahren muss, dass du mit Hilfsmotor arbeitest. Wir alle zahlen dein Gehalt, weil wir dich bewundert haben. Und jetzt?

Jetzt stehen wir da, wir naiven Träumer, und verlieren unsere Illusionen. Ja, es ist offensichtlich naiv zu glauben, dass man bei der Tour de France ohne Doping mithalten kann. Was kann man tun? Als Kind saß ich vorm Fernseher und bewunderte die Leistungen all der Athleten. Was erzähle ich jetzt meinem Sohn, wenn er von Armstrong oder Ulrich schwärmt und selber Radprofi werden will? Wahrscheinlich drücke ich ihm eine Zigarette in den Mund und sage: "Fang lieber mit dem rauchen an, bevor du jeden Tag stundenlang deinen Körper schindest und mit Drogen und bestrahltem Blut vollpumpst, das ist gesünder."

Journalisten, Funktionäre und Fernsehansager reden immer davon, dass man erst Beweise braucht. Sie sprechen von Tests und davon, dass die anderen Fahrer unter den schwarzen Schafen leiden. Sie reden kaum davon, wie groß wohl die Dunkelziffer ist, denn es ist ja durchaus nicht so, dass sich die Sportler ernsthaft darum bemühen, beim Doping erwischt zu werden. Ich erinnere mich daran, dass selbst Obersaubermann und Tour-Übergott Lance Armstrong einmal unter Dopingverdacht geriet, weil man mit neuen Testmöglichkeiten illegale Substanzen in einer alten Blutprobe von ihm nachweisen konnte welche vorher vor Entdeckung sicher waren. Offensichtlich gehört es für Profisportler dazu, auch professionell zu dopen. Sonst wäre es ja auch erstaunlich, wie viele Leistungssportler ständig unter Asthma, Erkältungen, Schmerzen und zahllosen anderen Wehwehchen leiden, damit sich diese komischen Laborergebnisse erklären lassen, die nach jedem Dopingtest immer wieder auftauchen.

Was können wir tun? Ich habe einen Vorschlag! Lasst uns ein Denkmal stiften: das Denkmal vom unbekannten Toursieger. Gewidmet sei es demjenigen Radprofi, der als Schnellster ohne irgendwelches Doping die Tour mitfahren konnte. Wir werden nie erfahren, wer es ist, auf welchem abgeschlagenen Rang er sich abstrampelte und nur Kraft seines Willens all die Strapazen auf sich nahm, um auch uns zu Höchstleistungen anzuspornen. Aber ihm zolle ich meinen Respekt und meine Achtung. Und statt dem offiziell deklarierten Sieger Applaus zu spenden, lege ich in Zukunft lieber einen Kranz zu Füßen dieses Denkmals nieder. Das scheint die letzte Möglichkeit für einen Fan zu sein, dem der Sport am Herzen liegt.

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Studienführer Teil 9 - Medizin Nikolai Djarov