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Hutablösung im Kraftfahrzeugbereich

Vorsichtig sollte man sein, gerade in lindenbergschen Zeiten, im Hantieren mit gar zu schnell ins Umgangssprachliche gedübelten Begriffen.
"Mann mit Hut", namentlich im Auto, ist ein solches Bildwerk, das nicht mehr recht greifen mag. Für meine Mutter selig, in ihrer Gedankenwelt lange noch in Gegenden zuhause, wo allenfalls Sänften das Damentransportmittel der Wahl darstellten, gehörte der Mann mit Hut als solcher ohnehin zum täglichen Gebrauchsgut.
Die böse hintergründig schwärenden Attribute, letztlich der 68er-Jugend und ihrem Schandmaul entsprungen, taugten ihr überhaupt nicht zur Diffamierung des gesetzten Herrn in seinem automobilen Wirtschaftswunderdrang.

Ihr entzog sich völlig mein giftvoll ausgespucktes "Jaja, Mann mit Hut...", wenn ich mit pochenden Halsschlagadern und rund ums Volkswagenlenkrad verkrampften Händen in der weiträumig ausstrahlenden egozentrischen Apathie eines behütet vor mir herjonglierenden Altvorderen zu stranden drohte, der, außer der ureigenen Welt, nichts Bewegliches in seinem Universum um sich zu dulden bereit war auf seiner mercedesbewehrten Reise ins Nirgendwo, wo übrigens meine Mutter mittlerweile längst selbst angekommen ist. Nebenbei bemerkt: ganz ohne Führerschein sogar.

Der Mann mit Hut. Er springt nicht mal eben schnell in sein Auto, um sich im nächsten Drive-In ein paar fleischbeklebte Fettbrötchen zu ziehen. Dazu gestaltet sich das logistische Vorbereiten seiner Ausfahrt als viel zu penibel schon im Planungsvorfeld. Die Kausalkette vom kleinen Appetit bis hin zum Einnehmen einer kleinen Zwischenmahlzeit in einer gepflegten Restauration, vorzugsweise an einem Waldrand mit Vogelbesatz, erfordert bedachtsames Vorgehen, lange bevor sich die schwieligen Hände tief unter der Oberfläche des ungarischen Dosensüppchens zum Dankgebet falten dürfen. Ist es Winter, so muss neben allerlei kraftfahrttechnischer
Vorbereitungen selbstverständlich die Konfektion dem mobilen Unterfangen angepasst sein. Mehrfach im Bund verstellbare Herrenfahrerhosen, dem etwas forscheren Herrn stehen in den Wärmemonaten auch solche in halblang zur Verfügung, sind das Mindestmaß an Reisekomfort neben einem adretten feldgrauen, höchstens maximalbeigen Nylon-Anorak in der Übergangszeit oder dem schwereren Mantel aus teurem Filzimitat für die frostigeren Tage.

All diese Bestrebungen hin zur notwendigen Reisestaffage werden schließlich gekrönt von einem in Form, Farbe und Beschaffenheit ebenfalls mit der vorherrschenden Jahreszeit korrespondierenden Hut, allenfalls auch einem frischflotten, sommerlichen Mützlein aus wertbeständigem Gewirk in soliden Farbqualitäten.

Nur der solchermaßen gut vorbereitete Herr ist überhaupt imstande, eine Reise, womöglich bis tief in den Nachbarort hinein, auf sich zu nehmen. Erst mit dem sicheren Wissen angefüllt, dass Portemonnaie und Fahrzeugpapiere sturmfest und wasserdicht verstaut an Bord sind und vom geschärften Blick auf prallgefülltes Reifengeviert zutiefst beruhigt, können sich Mann und Fahrzeug mählich in eine gewisse Art zielgerichteter Fortbewegung versetzen.

Ab diesem Moment aber bleibt weder Zeit noch Muße, sich um Umgebungen oder gar fremde Verkehrsteilnehmer zu bekümmern. Die ungeteilte Aufmerksamkeit des Fahrzeuglenkers umschmeichelt das beruhigende Brummen der Motoren, das Säuseln und Dröhnen im Hirnkästlein und das einlullende Auf und Ab der fernen Horizonte. Gelegentlich in den Anfangsjahren der Motorisierung noch vorzunehmende Schaltvorgänge forderten darüber hinaus zwar einst die letzten Reste der Aufmerksamkeit, die nach dem verlorenen Kriege noch rudimentär vorhanden schienen, automatische Getriebe haben aber selbst dieses letzte Aufbegehren an Vitalität längst betäubt. Ruhig und behäbig gleiten Land und Leute am beseelten Steuermann vorbei. Fast scheint's, als möge Deutschland jenen stillzufrieden Manövrierenden fröhlich zuwinken, die es einst hieß, die Ärmel fleißig wieder hochzukrempeln und allerhand in jugendlichem Übermut Zerschlagenes
hinwegzuschippen, um es hernach flugs wieder fein und fest zurechtzufügen.

Plötzlich und machtvoll aus den Tiefen des Unterbewussten aufkeimende Wünsche nach Richtungswechseln oder gar das Innehalten aus voller Fahrt zum Zwecke der Neuorientierung oder anderer Gedankenabläufe im innersten Unterhutbereich machen es ihres zeitnahen Umsetzungswillens wegen völlig unmöglich, eventuell existierende Parallelwelten hiervon in Kenntnis zu setzen. Man rollert in eigenen Dimensionen längs unsichtbarer Schienen aus gutem, altem Kruppstahl dahin bis zum vermeintlich sanften Andocken am Zielort. Ob es da zwischendurch holpert und hupt, ob Bremsen quietschen und Leuchtsignale flackernd über Häuserwände huschen, Radkappen all zu frühe Skalpierungen hinterlassend durch Kinderwägelchen hindurchzischen und scheppernd in Hofeinfahrten landen - egal, das alles sind verblassende Schimären an den Rändern des Tunnelblicks.

Was schert solch kraftfahrtgewaltige Eichen das Aufbäumen und Verglühen sich an ihnen schaben wollender Jungfahrwerker in ihren rostigen Kügelchen aus Altblech?
"Mann mit Hut!" - das verendende Aufschreien der allenthalben ausweichend sich an Hausmauern, Chausseebäumen oder gar aneinander entleibenden Rufer aus den schäumenden Fahrwassern ihrer alten Herrn, es verhallt ungehört.

"Mann mit Hut." Mann im Ohr. Mann im Mond. Mann über Bord.

Heute Morgen fährt mir ein böser Brief vom Amt schwer auf den Schreibtisch. Strafanzeige. Ampelanlage Lindenstrasse. Rotlicht missbraucht. Beweisfoto beigefügt. Ein blendendes Portrait de beifahrenden Gattin. Mein eigenes Gesicht hingegen verliert sich im Schatten der breiten Krempe...

Mann. Mann. Mann.

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Keine Reise in die Highlands Klaus R. Zweydinger