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Hüsch, Hüsch ins Körbchen...

Hüsch, Hüsch ins Körbchen - Zum Tod von Hanns Dieter Hüsch

So was von Pech aber auch: Kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag hat Hanns Dieter Hüsch seinen ersten Todestag erlebt. Ausgerechnet am Nikolaustag verstarb der liebenswerte Kuschelkabarettist an den Folgen eines Schlagsahneanfalls.
Der Katholikensohn vom Niederrhein war zeitlebens ein Unbequemer, der es gern bequem hatte. - Bzw. ein Bequemer, der gern den Unbequemen gab, sehr zur diebischen Freude seines ebenfalls zu feinsinniger Gemütlichkeit neigenden Publikums.
"Ich bin auf der falschen Seite der Mauer geboren", beklagte sich der pflegeleichte Rebell oft, wenn ihm von kaltherzigen Intellektuellen mal wieder vorgeworfen wurde, seine milde Spitzwegerei sei zu affirmativ und harmlos. In der Tat verkörperte Hüsch einen Künstlertypen, der gerade in autoritären Systemen wohlwollend geduldet und gefördert wird: Niemals giftig, niemals hämisch, keinerlei boshaften Spitzen, immer auf das Klein-Klein der Alltagproblemchen ausgerichtet, all zu menschliche Schwächen liebevoll auf die Schippe nehmend, die großen politischen Ärgernisse aber geflissentlich aussparend. Hüsch geißelte nicht, er geigte und gurrte. Wenn man das dann auch noch schlau als Bescheidenheit und poetischen Witz tarnt, dann kann man es so weit bringen und so viele Preise und Ehrungen einheimsen wie Hanns Dieter Hüsch.
Diese Art von Kabarett funktionierte wie eine weiche Droge: Hüsch markierte den vermeintlich Aufmüpfigen für die Machtlosen und Ausgebeuteten, damit die mal schön ablachen und sich frei fühlen konnten, frei wie Klosterschüler, wenn der Lehrer kurz weg ist. Ein humoristischer Gartenzwerg, der es den deutschen Michels und Michelles leicht machte, nachher wieder in ihre Reihenhäuschen und an ihren Sklavendienst zurückzukehren. Kurzfristig mit dem Dasein versöhnt und im tröstlichen Bewusstsein, trotz allem in der besten aller Welten zu leben.
Um nur ja nicht auf die Idee zu kommen, irgendwas verändern zu wollen weil "man ja sowieso nichts ändern kann". Kleine Leute.
Auf die Kacke hauen war nie Hüschs Ding, das überließ er anderen, ebenso wie das Anecken. Statt anzuecken, erzählte er lieber davon, wie es ist wenn man aneckt, und den ganzen Murmeltierverein überliefen lustvoll revolutionäre Schauer angesichts des bärtigen Frechdachses da oben auf der Bühne. Gott sei aus der Kirche ausgetreten, heißt es zum Beispiel in einer von Hüschs Geschichten, womit er Nietzsche, Marx, Feuerbach und sogar Voltaire vorwegnahm. Uiuiui. Wenn das unser Herr Paster hören würde, na der würd' schäumen, dachten die guten Leutchen dann wohl und gruselten sich ein wenig.
Und wenn der Hüsch mal politisch wurde, dann gings gleich gegen Nazis, so wie in 'Faschismus fängt in der Küche an' (1980) Mit diesem gewagten Protestsong hatte er damals natürlich alle 98 % Nicht-NPD-Wähler auf seiner sicheren Seite.
Vermutlich haben wir es sogar diesem Lied zu verdanken, dass auch 25 Jahre später Deutschland immer noch nicht von braunen Horden überrollt worden ist. Dafür sollte man ihm aber schon dankbar sein.

Der in Moers aufgewachsene Hüsch war über Umwege zum Kabarett gekommen, aber wer ist das nicht. Von Geburt an gehbehindert - in dem späteren Song 'Warum bin ich so unmuskulös?' nahm er sein Gebrechen launig auf die Schippe - war er oft von den Aktivitäten der anderen Kinder ausgeschlossen, und schrieb zum Zeitvertreib Reime in ein rosafarbenes Büchlein; - bei aller Scharfzüngigkeit immer menschlich bleibende Lyrik, die er dann den Hühnern des Nachbarn vorlas. Un poète en herbe, wie der Franzos' sagen würde.
Nach Wunsch seiner Eltern hätte er allerdings Arzt werden sollen, doch da man dazu Medizin studieren musste, gab er das schnell auf. Nach einem Semester Leichenaufschneiden hatte er genug von Blut, Eiter und Magensäften, und sattelte auf Literatur-, Kunst- und Weltgeschichte um. Später versuchte er es auch noch mit Theaterwissenschaft.
Mit einigen ähnlich arbeitsscheuen Kommilitonen gründete er 1947 das Studentenkabarett 'Die Tol(l)eranten', und fand heraus, dass ein deutsches Kabarettpublikum noch leichter zum Gackern zu bringen ist, als seinerzeit die Hühner des Nachbarn.
Da das Studieren jedoch arg mühselig war, brach er 1951 ab und ging zu Funk und Fernsehen wo sie damals wirklich jeden nahmen.
In den Sechzigern gründete er eine neue Kabarettbühne (Arsch Noah, pardon, Arche Nova.) nahm mit Jammergestalten wie Süverkrup, Degenhardt und Neuss Platten auf, und trat bei linken Kabarett- und Folkfestivals auf.
Aber das war nicht sein Publikum. Die 68-er warfen ihm brokatne Plüschigkeit und mangelnden Biss vor, und behandelten ihn auch sonst gar nicht nett. Nachdem er beim Folkfestival auf der Burg Waldeck von der Bühne gebuht worden war, kehrte er diesen harten Menschen, die ihn durchschaut hatten, den Rücken, fand in verhuschten Provinzschnucken und Mauerblümlein sein wahres Publikum, und wurde zum Jürgen Fliege des Kabaretts.
Mit schelmischem Gestus produzierte er sich als Hofnarr der dem König (welchem eigentlich? Dem von Deutschland?) den Spiegel vorhält (als ob Könige nicht selbst genug Spiegel hätten, um sich eitel darin zu bespiegeln) und sagte Sachen, die niemandem wehtaten weil sie allgemeingültig waren. Über den Niederrheiner zum Beispiel: "Wenn man ihm etwas erklärt versteht er nix. Das heißt er versteht es manchmal schon. Aber er will es nicht einsehen." - Dass das richtig ist, kann der Verfasser dieser Zeilen aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen. Wie anders sind dagegen die ranken, weltgewandten, unaussprechlich intelligenten, bis zur Selbstaufgabe gebildeten und darüber hinaus auch noch verstörend schönen Bewohner des Moseltals, bis hoch zur alten luxemburgischen Grenzfeste Koblenz. Aber gut. Weiß ja wie gesagt jeder.

Am besten war Hüsch wen er nicht zu sehen war und fremde Texte vortrug. Als Synchronsprecher für Laurel and Hardy oder Väter der Klamotte hatte er seine einsamen Sternsstunden.
Ab den Achtzigern an wurde seine staatstragende Nanokunst mit offiziellen Auszeichnungen überhäuft, von Miesmachern, wie der mittlerweile gar nicht mehr so neuen 'Neuen Frankfurter Schule' dagegen weiterhin gnadenlos verhöhnt und angefeindet.
Und nun hat ein als Nikolaus verkleideter Sensenmann ihn in seinen Sack gestopft und mitgenommen, irgendwohin wo alle lieb sind, wo es nur Schafe im Schafspelz gibt.
Und eine ganze Nation heult darob die Feuilletons voll.
Neben den drei Klein-Dieters (Hildebrand, Nuhr, Hallervorden) sind es vor allem die Mächtigen aller Parteien, die bittere Trauer schieben und nur Gutes über den Dahingegangnen zu sagen wissen:

"Einer der Großen des literarischen Kabaretts ist tot", Bundestagspräsident Norbert Lammert.
"Ein philosophischer Schelm mit feiner Beobachtungsgabe und scharfer Zunge", noch mal derselbe.
"…schmerzlicher Verlust für die große Kleinkunst in ganz Deutschland", Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CSU).
"…unbeirrbarer Humanist…nicht politisch vereinnahmbar", Fritz Pleitgen, WDR-Intendant.
"…für mehr Toleranz, Demokratie und Gerechtigkeit gekämpft", Kurt Beck, Ministerpräsident Rheinland-Pfalz.
"Ein Urgestein des politischen Kabaretts in Deutschland", Renate Künast/Fritz Kuhn, Fraktionsvorsitzende der Grünen.
"Mit Hanns Dieter Hüsch verliert Deutschland seinen wohl produktivsten und erfolgreichsten literarischen Kabarettisten", Christoph Böhr, CDU-Chef Rheinland-Pfalz.
"Das Nachkriegskabarett in Deutschland hat Hüsch unendlich viel zu verdanken", Jens Beutel, Mainzer OB.
"Deutschland verliert einen Mahner für das Menschliche", Bischof Wolfgang Huber, Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD).


Undsoweiter. Am schlimmsten an diesem Firlefanz finde ja ich dass Witzlosigkeit immer gleich literarisches Kabarett heißt, und meinungsfreie Harmlosigkeit als Sich-vor-keinen-Karren-spannen-lassen schöngepinselt wird. Um Dieter Nuhr zu zitieren: "Er war irgendwie links und irgendwie auch nicht." Ganz genau. Wie's grad passte.
Aber dafür kann der Hüsch letztlich nichts. Er hat sie halt alle reingelegt.
Was soll man jetzt noch weiter auf so einen Scharlatan draufhauen, auf jemanden der sein Lebtag keine ehrliche Arbeit angefasst hat, sondern als Alle-Mal-Anecken-Mann durch die Gemeinden zog, und gut davon lebte.
Gönnen wir dem alten Gauner, in dessen Adern ganz bestimmt ein Schuss Lotwitz-Blut floss doch sein Paradies. Von mir aus kann er jetzt im Katholenhimmel bequem auf einer rosa Wolke sitzen und den staunenden Engelchen erzählen wie er Gott und Teufel lästern würde, wenn er nur wollte, und dabei manchmal eine Saite seiner Harfe zupfen, weil richtig darauf spielen kann er natürlich nicht. Und warum auch, wenns ohne geht.
Überlassen wir ihn also einfach auf seinem Wölkchen dem Vergessen.

Und DAS schreiben die anderen:

"Milder Daseinsphilosoph des Kabaretts", Der Spiegel – das neue Managermagazin.
"Der Don Quichotte des kleinen Mannes", Kicker.
"Humorpoet des Alltags", Spiegel-online.
"Alltagspoet mit Humor", Focus-online.
"Humorist des poetischen Alltags", Stern-online.
"Sexy. Superniedlich", Young Miss.
"Poet der kleinern Leute und kleinen Dinge", Hanns Dieter Hüsch.
"Glücksfall für die Region", Kölner Stadtanzeiger.
"Gott ist tot", Dieter Hallervorden, Humor-Germanist.
"Der Unausstehlichste", Eckard Henscheid, Sturmtank.
"Orgel gegen Windmühle", FR-online.
"Der philosophische Clown", Süddeutsche Zeitung.
"Der letzte Hofnarr der Romantik", FAZ.
"Humorist mit Humor", Trierischer Volksfreund.
"Klimper-Klimper Wimmer-Winsel", Kokstantin Wecker, Klavierstimmer.
"Die Revolution frisst ihre Vetter", taz.
"Wir sind tot", Bild.
"Total Unfähig aber grundsympathisch, der Mann", Bäckerblume-online.
"Messer ohne Schneide", Die Fleischerlilie.
"…just left the building", Kritische Ausgabe.

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