Autoren I Autoren II Texte nach Themen Satiren in Bildern Kontakt Frankfurter Magazin
Startseite Autoren II Flo W.

Autoren II


Bernhard Abb Flo W. Sebastian Andrae Elvira J. Bianka Tewes Nikolai Djarov Dr. Jörg Hellmann Bianca Stücker Tilman Birr Andrea Diener Angelo John Ashman Franis Kirps Senne Skaat Richard Jentsch Raymund Krauleidis Lothar Peppel Sybille Seid Daniel Woitoll Klaus R. Zweydinger Frank Bröker



Zur Lage der Nation

Manchmal sagen kleine, fast unscheinbare Ereignisse mehr aus über die Lage einer Nation als die großen weltbewegenden Themen. Wie z.B. diese Kurznotiz über eine Schülerin, die eine Damentoilette an einer städtischen Berufsschule in die Luft gejagt hat – aus einigermaßen seltsamen Beweggründen! Hier die schockierende Schlagzeile:

Schülerin jagt Toilette in die Luft
Sie war offenbar frustriert

Zitat:

München (ddp). Offenbar aus Frust hat eine Schülerin eine Damentoilette in der städtischen Berufsschule für Körperpflege in München in die Luft fliegen lassen. Wie die Feuerwehr mitteilte, hatte die unzufriedene junge Frau brennendes Material in die als Putzmittellager genutzte Toilette geworfen. (...) Dabei kam es zu einer Verpuffung, bei der die Kabinentür und die Eingangstür zum Sanitärbereich aus den Angeln gerissen wurden. (...) Der entstandene Schaden wird auf 50000 Euro geschätzt.
Merke: Die junge Frau hat ihr kleines privates Feuerwerk also nicht einfach 'mal eben so' veranstaltet. Sondern aus richtig tiefer Unzufriedenheit heraus! Das ist nun wirklich ein verdammt starkes Motiv, das muss man zugeben. Ein bisschen komisch werden kann einem dabei dennoch. An sich ist Frust ja nichts Verwerfliches, er gehört im Gegenteil gerade unter Jugendlichen zum Leben und ist mindestens so alt wie die Menschheit selber. Aber früher hat man in solchen Phasen bestenfalls laut Musik gehört, Kaugummiautomaten geknackt oder ist in ganz schlimmen Fällen auch schon mal bei Rot über die Ampel gegangen. Toilettenbombenmassaker als Mittel der Frustbewältigung standen jedoch nie ernsthaft zur Debatte. Und spätestens hier eröffnet sich, angesichts dieser neuen Dimension und der Masse an Frustrierten in unserem Land, eine bange Frage: Wie nur können wir verhindern, dass sich solche Menschen eines Tages in einer Bombenschmiede von Al-Kaida wiederfinden - und dann aus reinem Frust noch ganz andere Sachen in die Luft jagen?
Die Antwort darauf ist leider nicht eindeutig. Wie so oft stehen sich zwei völlig unterschiedliche Lösungsansätze einander gegenüber. Da sind zum einen die 'Nulltoleranzler', die das Problem mit rein ordnungsstaatlichen Mitteln bekämpfen wollen. Sie verfolgen ein klares Konzept, welches da heißt: Strafe muss sein, am besten auf dem Fuße! Bei ihnen müsste die Delinquentin als Sofortmaßnahme mindestens 500-mal an die Tafel schreiben:

'ICH DARF NICHT AUS FRUST TOILETTEN IN DIE LUFT JAGEN!'

(Wobei man die Formulierung 'aus Frust' vielleicht vorsichtshalber aus dem Satz entfernt, denn sonst könnte das unausgereifte Hirn der jugendlichen Straftäterin auf den verqueren Gedanken kommen, man dürfte Toiletten aus anderen, legitimeren Gründen in die Luft jagen...) Unabhängig davon ist das wiederholte Anschreiben an die Tafel sicherlich eine schwere und anstrengende Strafe, denn welcher Jugendliche schreibt heute noch 500 Sätze mit der Hand? Als nächste 'Erziehungsmaßnahme' hätte die Schülerin die zerstörte Toilette eigenhändig wieder aufzubauen. Das lehrt unsere kleine Gewalttäterin, dass Zerstören wesentlich leichter vonstatten geht als das Erschaffen. Und last but not least würde sie nach getaner Arbeit lebenslänglich in den Bau wandern, wo sie in Ruhe über diese Erkenntnisse nachdenken könnte. Hoffnung auf vorzeitige Begnadigung bestünde nur, wenn sie ihre Dienste als Undercover-Agentin zur Verfügung stellen und sich bereit erklären würde, die 'frustrierte Toilettenbomberszene' zu infiltrieren und ans Messer zu liefern.
Demgegenüber verfolgt die Gruppe der 'Teenieversteher' eine gänzlich andere Strategie. Sie setzt auf eine eher pädagogisch-psychologische Herangehensweise, um auf diesem Wege einen Umdenkprozess in Gang zu setzen. Die Schülerin müsste sich unangenehmen Fragen über ihre inneren Befindlichkeiten stellen: "Woher kommt mein Frust?", "Wohin geht er?" und "Was hatte diese unschuldige Toilette eigentlich damit zu tun?". Sehr wichtig sind in diesem Zusammenhang auch kleine Rollenspiele, in denen sich die Schülerin kurzfristig in die Rolle der Toilette versetzen kann. Gut möglich, dass sie sich in so einem Moment dann auch mal 'echt wie Scheiße' fühlt! Anschließend würde die junge Täterin mit Zeitzeugen zusammen gebracht; Menschen, deren Leben in vielfältiger Weise darunter leidet, dass sie von nun an nicht mehr diese Toilette benutzen können. So wird die Schülerin mit den unmittelbaren Folgen ihres Handels konfrontiert. Zu guter Letzt würde dann noch eine einwöchige Reise zu einem weit entfernten Touristenziel unternommen - einerseits natürlich wegen des tieferen pädagogischen Sinns, vor allem aber auch, damit die Betreuer mal wieder was anderes zu sehen kriegen als immer nur diese ganze Teenagerkacke.
Welches dieser beiden Konzepte Erfolg versprechender ist, kann noch nicht abschließend beurteilt werden, da es bislang zu wenige Vergleichswerte gibt. Die aber wären dringend geboten, um die Alarmsignale besser deuten und präventiv tätig werden zu können:

Unspezifisches Unlustgefühl - bei Rot über die Ampel gehen
Zoff zu Hause - Kaugummiautomaten knacken
Zoff mit der besten Freundin - Damentoilette in die Luft sprengen
Laufpass vom Lover bekommen - Herrentoilette in die Luft sprengen
Ex-beste-Freundin mit Ex-Lover im Kino herumfummeln sehen - spontane Geißelnahme aller Kinobesucher... usw...


Ein solches Profiling würde es bedeutend erleichtern, das drohende Gefahrenpotential bereits im Vorfeld zu erkennen und wirksam zu unterbinden.
Doch leider steht zu befürchten, dass es zu so einer gesellschaftlichen Kraftanstrengung nicht reichen wird. Wir sind einfach zu beschäftigt mit unseren vielen Verpflichtungen, die da immerhin heißen: Wir-sind-Papst, -Klinsi, -Kanzler, -das-Volk, -neuerdings-auch-noch-Deutschland – man kann sich ja nicht um alles kümmern. Schließlich und nebenbei sind Wir-irgendwo-alle-auch-nur-Mensch.
So ist es wohl folgerichtig, dass Wir-nix-lernen und Vandalismus dieser Art weitergehen wird, so wie unlängst auf dem Memminger Marktplatz, wo eine harmlose Sandskulptur dran glauben musste:

Über die Täter weiß man bislang herzlich wenig außer der Vermutung, dass sie offenbar 'hemmungslose Zeitgenossen' gewesen sind (würde es jemanden überraschen, wenn sie obendrein auch noch frustriert waren?). Dabei hätte sich in Kenntnis ähnlicher Vorfälle diese Tat wirkungsvoll verhindern lassen, wenn man direkt neben dem Kunstwerk eine Toilette aufgestellt hätte. Die Frustrierten, gleich welchen Alters sie waren, hätten die Toilette in die Luft jagen können, und die Skulptur würde noch heute in vollem Glanz erstrahlen. Wie hat doch ein kluger Kopf vor gar nicht allzu langer Zeit gesagt: 'Wir dürfen nicht zulassen, dass die Gescheiterten und Frustrierten erneut über die Zukunft unserer Toiletten und Sandplastiken bestimmen!' Recht hat er!

Druckbare Version

Flo W. Vom Hurrikan verweht