Schweineohren
Schweineohren. Das war heute tatsächlich mein erster Gedanke beim Aufwachen.
"Die hat sie nicht mehr alle!", werden Sie sagen und haben dabei wie immer Recht:
Ich habe keine Schweineohren mehr.
Vor noch gar nicht so langer Zeit habe ich mir nie Gedanken um Ohren machen müssen, ob vom Schwein oder Esel, ganz egal. Hauptsache, meine eigenen waren noch an Ort und Stelle, und die haben bewiesenermaßen keinerlei Ähnlichkeiten mit denen von Frühstücksspeck auf Beinen. Höchstens mit Fledermausohren. Oder aber, wer gemein sein will, kann auch einen Elefanten als Vergleichshilfe hernehmen.
Jetzt habe ich aber einen Hund. Einen richtigen und keinen von diesen inneren Schweinehunden, die man erst überwinden muss. Obwohl die den Ohren bestimmt auch nicht ganz abgeneigt wären.
Mein Hund liebt Schweineohren heiß und innig.
Er selbst nennt zwei von diesen aufklappbaren kuscheligen Schlappohren sein eigen, die mich irgendwie immer an Handschuhleder erinnern. Das kann aber daran liegen, dass der Hund ein vorweihnachtlicher Kompromiss war: Ich wollte eine Lederjacke und mein Sohn ein Raumschiff.
Zusammengefasst ergeben diese Wünsche tief im Inneren das Verlangen nach einem Hund. Freudsche Interpretation. Das lernt man doch schon im ersten Semester Psychologie. Habe ich mir jedenfalls von dem Pet Shop Boy sagen lassen, der - bei genauem Nachdenken - gar nicht wie ein Freudianer rüberkam. Geschweige denn wie einer, der auch nur ein Semester irgendwas, und sei es BWL, studiert hatte. Kann aber sein, dass Freudsche Tierpsychologie in den USA Einstellungsvoraussetzung in Zoohandlungen ist.
Egal!
Statt Lederjacke und Raumschiff musste also ein Hund her. Nun konnte ich als Ersatzhandlung die Nappa-weichen Ohren meines Welpen befingern, während mein Sohn versuchte, ihn auf den Mond zu schießen.
Ich muss wohl nicht extra erwähnen, dass die Ergebnisse für uns höchst unbefriedigend, um nicht zu sagen schmerzhaft ausfielen.
Vorweihnachtlicher Kompromiss. Mit Biss.
Jetzt habe ich vom Hundehalten in etwa genauso viel Ahnung wie von Schweinezucht, daher brauchte ich fachmännischen Rat. Da es mich - trotz Hund - noch immer nach einer (zahnlosen) Lederjacke gelüstete, traute ich dem ersten Laden nicht mehr über den Weg und suchte ein anderes Tierzubehörfachgeschäft auf.
Die Angestellte dort machte mich erstmal recht überschwänglich mit den Schweineohren bekannt: "Dogs love pig ears! They are crazy about it."
Ihrem Enthusiasmus hatte ich nichts adäquates entgegenzusetzen, und das schlechte Gewissen, noch immer die Haut eines toten Tieres - vermutlich Schwein - tragen zu wollen, brachte mich dazu, einen ganzen Sack voll totes Tier, genauer: toter Schweineohren, zu kaufen.
Diese Logik ist schon höhere Psychologie, etwa 15. Semester und fiel der Verkäuferin daher gar nicht auf.
Nun machen Schweineohren eine riesige Sauerei. Klingt im Nachhinein logisch, obwohl man da so aus heiterem Himmel gar nicht darauf kommen würde, denn die abgeschnittenen Hörmuscheln werden vor Verkauf geräuchert und getrocknet und mit künstlichen Geschmacksverstärkern und Fettneutralisatoren versetzt. Ohne die geht es hier in Amerika nämlich selbst bei Tierfutter nicht. Trotzdem sind und bleiben Schweineohren speckig!
So kommt es, dass mein Wohnzimmer riecht wie ein Metzgerladen. Vor allem hinter dem Sofa, wo sich der strategische Rückzugspunkt und Schweineohrenfriedhof meines Vierbeiners befindet.
"Dann kauf' doch einfach keine Schweineohren mehr, du blöde Sa... äh... Kuh!"
Ja! Das höre ich öfter. Aber so einfach ist das nicht.
Schweineohren machen süchtig, jedenfalls Hunde. Von Menschen habe ich noch nichts dergleichen erfahren und ich weigere mich auch, mich auf die Ebene eines Lebewesens zu begeben, das seine eigenen Ausscheidungen frisst, wenn man nicht schnell genug mit der Plastiktüte hinterherkommt.
Aber Sorgen mache ich mir doch! Um die Schweine! Mein suchtgesteuerter Hund frisst so um die 3 Ohren pro Woche. In der Annahme, dass nicht nur mein Haustier auf Drogen ist, sondern ca. 70% aller Köter Manhattans, macht das bei einer Million Hunde 2,1 Million Schweineohren wöchentlich nur für New York City!
Das kann doch nicht sein! Eine Million hörgeschädigter Borstentiere muss doch auffallen, selbst im Big Apple. Ich glaube nicht, dass sich ohrlose Schweineherden dieser Größenordnung unbemerkt im Central Park verstecken können. Der müsste ja umbenannt werden in 'Central Pork'!
Ich vermute also, dass ein Grossteil davon verdeckt vor den Augen der Öffentlichkeit im Telemarketing arbeitet. Das würde erklären, warum mir kein Schwein zuhört, wenn ich diesen Telefonzecken erkläre, dass ich wirklich keine neue Kreditkarte mehr brauche, vielen Dank.
Ein paar habe ich auch auf bewachten Parkplätzen entdeckt. Nennen sich 'porking attendant' und tragen immer diese Wollmützen, damit man ihre Verstümmelung nicht sieht. Wenn man es nicht passend hat, grunzen sie einen unfreundlich an und geben nur Pennies raus. "For your son's Piggy-Bank, haha."
Eine Herde wanderte offensichtlich nach Washington aus. Sie hörten, dass im Weißen Haus Kandidaten gesucht werden, die sülzen können, sich nicht scheuen, im Schlamm zu wühlen und wissen, wie man Demokraten zu Kerrywurst verarbeitet.
Die weniger Skrupel- und Knorpellosen riskieren dort ihre Rippchen als Bodyguards, auch als 'Pigs in Black' bekannt.
"Schnitzel 1 an Schnitzel 2, alle in Position?"
"Ja Boss, wir sind alle kotelett... öh, komplett!"
Dann gibt es aber noch die ganz armen Schweine, die nicht soviel Glück hatten.
Die tagein, tagaus durch die Straßen New Yorks ziehen, ihren Wagen vor sich herschieben und für einen Dollar fuffzig sogar ihre eigene Großmutter verkaufen.
Und damit sie nicht vergessen, wem sie diesen erniedrigenden Zustand zu verdanken haben, rufen sie hasserfüllt alle Minute:
"Hot Dogs! Yummy Hot Dogs! Only One Dollar Fifty!"
"Des Schweines Ende ist der Wurst Anfang." Wilhelm Busch