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Die Rolle seines Lebens

Ludwig R., seines Zeichens erfolgloser, alternder Schauspieler, schaltete das Handy aus. Er überlegte. Das, was ihm sein Agent eben mitgeteilt hatte, musste ein schlechter Witz sein. 10 Millionen Dollar für eine Rolle, die nur einige Minuten dauerte? Das Angebot kam aus Washington. Soviel wusste er, aber zu weiteren Informationen war sein Agent am Telefon nicht bereit. Er hatte noch nie mehr als einige Hunderttausender pro Film bekommen und diese neue Größenordnung machte ihm Angst. Dringend war es auch noch. Die US-Seite wollte ihn schon morgen vor Ort haben.

Peter, sein Agent klang atemlos. Kein Wunder bei der Summe, aber da war noch mehr. "Das ist nicht ganz sauber", teilte er Ludwig beim Abendessen im Frankfurter Hof mit, "aber das Gute ist: niemand wird es herausfinden und niemand wird dich erkennen! Und du hast 10 Millionen mehr in der Tasche. Steuerfrei!"
Die 15% Provision erwähnte er absichtlich nicht. Er konnte sehen, wie geschockt Ludwig war, die Gabel steckte vergessen in seinem Filet Mignon und er sah aus, als ob er sich gleich übergeben müsste. Trotzdem: 10 Millionen Dollar.

"Wieso gerade ich?"
"Alles passt! Dein Aussehen, die Sprache, Deine Herkunft, Dein Alter, keine Ahnung.. Mensch, ist doch egal!"
"Ich weiß nicht, Peter, ich..." doch weiter kam er nicht, Peters Handy klingelte in einem schrillen Beat, der Ludwigs Magen nicht gerade weiterhalf. Peter hob die Hand und bat mit einer Geste um Geduld. Die amerikanischen Auftraggeber saßen auf glühenden Kohlen, wie es schien, und mussten beruhigt werden.
"Yes, as a matter of fact I'm talking to him right now. Yes, we know. Sir, I ensure you, we'll keep it confidential. There is no.. yes Sir, I understand. No. Yes. Of course."
Seine solariumgebräunte Haut hatte ein paar Tönungen eingebüsst und als Peter sein Handy einklappte, war er grau im Gesicht.

"Peter, ich kann es nicht, ich...", setzte Ludwig nochmals an, und wieder brachte Peter ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.
"Dir bleibt keine andere Wahl. Wenn Du es nicht tust, bist Du ein toter Mann. Und damit meine ich nicht nur Deine Karriere."
Nun war es an Ludwig alle Farbe zu verlieren und nachdem er sich angehört hatte, was Peter zu sagen hatte, nickte er langsam. Er hatte wirklich keine Wahl.

Der Flug nach New York und die Dreharbeiten vergingen wie in einem Drogenrausch. Ludwig suchte Halt bei ungezählten Gläsern Johnny Walker und konnte sich später kaum an etwas erinnern. Ihm fiel zwar auf, dass die Crew, die die Aufzeichnung vornahm, zahlenmäßig zu der Kleinsten gehörte, mit der er je gearbeitet hatte, aber es wunderte ihn nicht wirklich. Je weniger Personen von dieser Aktion wussten, desto weniger mussten zum Schweigen gebracht werden. Die Schminke juckte und der Bart kratzte. Empfindungen, auf die er sich konzentrierte, um nicht an das Danach zu denken, während er die Worte sprach, die er vor zwei Stunden auswendig gelernt hatte; Worte, die ihm immer noch so fremd waren.

Und dann war alles vorbei. Das Geld war bereits auf einem Schweizer Nummernkonto und ihm stand es frei zu gehen. Wobei "frei" etwas unglücklich formuliert war, denn die Stillschweigevereinbarung, die er unterzeichnen musste, hatte unsichtbare Fesseln um seine Brust gelegt. Auch die zwei Männer, die ihm seit Verlassen des Gebäudes folgten, waren ihm nicht entgangen.

Als er im JFK am Gate darauf wartete, dass sein Flug aufgerufen wurde, setzte er sich so, dass er die Nachrichten verfolgen konnte, die auf einem der Terminal-Fernseher übertragen wurden. Aufgeregtes Gemurmel unter den anderen Fluggästen. Wie es schien, gab es eine brandneue Videobotschaft von Osama bin Laden. Als ein Ausschnitt davon gezeigt wurde, bekam Ludwig von seinem Sitznachbarn einen Rippenstoss und ein genervtes "Sssschhhh".

Er hatte automatisch angefangen, die Worte mitzusprechen. Worte, die ihm noch immer so fremd waren und die nun sein zur Unkenntlichkeit geschminktes Gesicht auf dem Fernsehschirm vervollständigte.

"Reihe 7 A, bitte hier entlang und nach vorne durchgehen, Mr. Schmidt"
"Im Krieg und im Wahlkampf ist alles erlaubt", sagte Ludwig der verdutzten Flugbegleiterin, die sein Ticket und seinen druckfrischen neuen Ausweis prüfte und ließ sie ohne weitere Erklärung stehen. Christian Schmidt, daran musste er sich noch gewöhnen.

"Eure Sicherheit liegt nicht in den Händen von Kerry, Bush oder al-Qaida. Eure Sicherheit liegt in euren eigenen Händen ." Osama Bin Laden 2004

"Wenn du die Wahl hast zwischen zwei Übeln, wähle keines von beiden." Charles Haddon Spurgeon (1834 - 1892)

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