Kinderlieb?
Kinder muss man lieben! Ob man will oder nicht, denn alles andere ist politisch unkorrekt und moralisch verwerflich. Vor allem in der Öffentlichkeit.
Als Elternteil braucht man dafür bestimmte Fähigkeiten, die kinderlosen Menschen abgehen. So kann ich zum Beispiel aus dem Mundwinkel in einem Frequenzbereich, den nur mein Sohn versteht, mit Prügel drohen. Und dabei gleichzeitig mildtätig lächeln. Auch der Griff "Schraubzwinge" um das kindliche Handgelenk gehört in die Kategorie "Machen Sie eine typische Handbewegung aus Ihrem Arbeitsalltag".
Nicht, dass ich Kinder wirklich schlagen würde. Die können schließlich nichts dafür, dass mein Nervenkostüm eher für die Aufzucht von Champignons gedacht ist und ich anscheinend so nuschele, dass sich "Nein!" wie "Ja, klar, mach ruhig und wundere dich nicht, ich wiederhole mich gerne!" anhört.
Ich hatte schon immer Angst vor Kindern. Als ich noch klein war, habe ich mich vor mir selbst gefürchtet.
"Lächerlich", sagen Sie, "Kinder sind doch kleiner, schwächer, dümmer und im Grunde harmlos!"
Ja, aber das sind Spinnen auch!
Ich habe mich immer gefragt, ob Kindergärtnerinnen selbst Nachwuchs haben, oder ob das Phänomen das Gleiche ist, wie bei den Metzgern, von denen viele Vegetarier sind. Dieser Job wird meiner Meinung nach unterbezahlt. Obwohl fremde Kinder sind ja auch immer was anderes. Die kann man mit der gleichen heimlichen Erleichterung wieder zurückgeben wie die Boa Constrictor, die man sich für das Urlaubsfoto um den Hals hat legen lassen.
Apropos! Vor einigen Wochen war ich mit meinem Sargnagel im Frankfurter Zoo und es ließen sich keine Tiere blicken. Dazu muss man wissen, dass Tiere Gefahr von weitem wittern können. Bei dem Bärengehege erhaschte ich gerade noch einen schnellen Blick auf eine Pranke, die aus einer Höhle mit einem Ast ihre Spuren verwischte. Auch die Reptilien hatten sich verkrochen oder waren, wie die Krokodile, auf freiem Fuß. Jedenfalls dem Geschrei außerhalb des Grzimekhauses nach zu urteilen. Nur ein einsamer, anscheinend blinder und tauber Frosch saß noch in seinem Glaskäfig, doch als ich Hellraiser rief "Komm her, Schatz, ein Frooooosch!" beging die olle Kaulquappe feige Selbstmord in dem Maul einer Schlange.
Dabei ist mein Sohn ein richtiger Engel.
Vor allem wenn er schläft und seine Batterien auflädt, um am nächsten Morgen wieder als von einem Dämon besessenes Duracell-Häschen aufzu(er)stehen. Ich frage mich, von wem hat er das nur?
Meine Mutter sagte immer "Wenn Du mal ein Kind hast, dann soll das genauso werden wie Du!". Ich hielt das bisher immer für ein Kompliment, aber inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher.
Ich selbst lief das erste Mal von zuhause weg als ich zweieinhalb war. Statt stolz auf so viel Eigenständigkeit und Abenteuerdrang zu sein, legten meine Eltern als Dank den Grundstein für die Hornhautschicht an meinem Hintern. Später wünschten sie sich dann wahrscheinlich, sie wären nicht ganz so streng gewesen und hätten mich einfach laufen lassen. Ich war schon Mitte 20, als ich mein Elternhaus verließ.
Seit ich selbst Mutter bin, danke ich meinen Eltern Jahr für Jahr an meinem Geburtstag, dass sie mir das Leben geschenkt und vor allem auch gelassen haben.
Ich würde das nie zugeben, vor allem nicht schriftlich, aber ein winziger Teil von mir kann verstehen, wie Eltern ihre Sprösslinge beim Einkaufen 'vergessen' können.
"Little JC Junior is looking for his mommy!" schallt es fast jedes Mal, wenn ich Broteiermilch kaufe, aus den Lautsprechern des Supermarktes meiner Wahl. Ich habe das auch schon versucht, aber meiner kennt den Weg vom Stop&Shop nachhause, seit er zwei ist.
Diese Kinder sind es aber meistens auch selbst schuld. Ignorieren den eisernen Sitz im Einkaufswagen und fahren lieber an der Seite mit wie Kapitän Hook auf einem Segelschiff. Natürlich immer dann, wenn im Wagen noch nicht genug Milch und Dosenspaghetti sind, um das Gleichgewicht zu halten. Entwickeln plötzlich acht Tentakeln mit Saugnäpfen, mit denen sie sich an jedem Regal zwischen Milchschnitten und Kasse festhaken.
An dieser Stelle auch nochmals herzlichen Dank an die Marktbestücker, die Süßigkeiten, Fruit Loops und Plastikspielzeug in 85 cm Höhe einordnen. Sie hören von meinem Anwalt und dem Kinderarzt!
Nicht, dass Sie mich falsch verstehen und ich morgen von einer Bilderbuchmutter mit einer elektrischen Milchpumpe erschlagen werde, wenn ich das Haus verlasse: ich liebe mein Kind! Selbst wenn ich es nicht müsste! Und mein Sohn weiß das auch, sonst würde er meine Drohungen, ihn während der Rush-Hour auf dem Bronx-Expressway auszusetzen, viel ernster nehmen.
Ein bisschen Rebellion ist mir auf jeden Fall lieber als ein devotes "Ja, Mutter!", schließlich habe ich Hitchcocks Psycho als Original und im Remake gesehen und weiß, was aus so was wird. Ich habe die Hoffnung auch noch nicht aufgegeben, dass die Brennstoffzelle nach einigen Jahren Dauerstrom ausgeschöpft ist und nur noch auf Sparflamme läuft.
Doch bis dahin eine Frage: Beruhigungsmittel, sind die vorne an der Kasse oder hinten bei den Pflegeprodukten?
In Liebe für Tristan
"Erst wenn man eigene Kinder hat, weiß man wie groß die Liebe der Eltern war."
Aus Japan