Kuchen-Ursel
Warum sich meiner Meinung nach die Leute nicht mehr ordnungsgemäß fortpflanzen und was Kuchen-Ursel dagegen machen will
Es wird ja viel spekuliert, warum die Menschen, speziell diejenigen, die von den Segnungen der Zivilisation, der Globalisierung und der sozialen Marktwirtschaft profitieren, sich nur unwillig fortpflanzen und somit wacklige Alterspyramiden errichten, die dereinst einstürzen und unser schönes Generationenvertragsrentensystem unter sich begraben werden. Auch ich habe so meine Vermutungen, warum das alles so ist und dass es wohl noch schlimmer kommen und auch ohne Zweifel ganz schlimm enden wird.
Meiner ganz persönlichen Ansicht nach fängt das Unwilligsein schon bei den Wänden an. Die meisten Leute haben ja gerne Wände um sich, wenn sie sich fortpflanzen, und nicht selten sind die Zwischenräume zwischen den Wänden angefüllt mit Sofas, Tischen und auch Betten. In letzteren wird sich, wenn schon, dann noch am häufigsten fortgepflanzt. Da der zivilisierte Mensch einen Hang zur Reinlichkeit hat, folgt auf das Fortpflanzen oft das Duschen und manchmal auch bei den ganz Pingeligen das Bettlakenwaschen. Das macht viel Arbeit. Es ist so ähnlich wie beim Kochen. Erst saut man eine Stunde lang die Küche ein, gegessen ist des Produkt des Kücheeinsauens in zehn Minuten, und dann muss man eine Stunde lang alles wieder wegräumen und -putzen. Als ausgewogenes Verhältnis von Aufwand und Nutzen kann so etwas nicht mit Fug und Recht bezeichnet werden, davon lasse ich mich nicht abbringen, auch wenn man mir im Freundes- und Bekanntenkreis deswegen gerne einen gewissen Hang zur Sonderlichkeit nachsagt und dieser Tendenz auch meinen eklatanten Mangel an männlichen Lebenspartnern, kleinen Nachkömmlingen und Küchenutensilien zuschreibt.
Doch nicht nur Mangel herrscht in meinem Leben. Zum Beispiel besitze ich einen Fernseher. In dem war neulich Ursula von der Leyen zu sehen. Ursula von der Leyen ist, soviel habe ich schon mitgekriegt, die staatlicherseits eingesetzte oberste Instanz für die menschlichen Fortpflanzung und ihre Folgen. Qualifiziert hat sie sich für dieses Amt hauptsächlich durch die Produktion einer größeren Anzahl kleinerer von der Leyens. Frau von der Leyen war aber nicht in einer RTL-superplusquamperfekt-Doku-Soap über Großfamilien zu sehen, die meist aus einem kleinen spillerigen Mann, einer apathischen, aufgedunsenen Frau in schlimmen XXL-Pullovern und einer Horde mürrischer Kleinkrimineller bestehen, die verzweifelt auf die Super Nanny warten. Frau von der Leyen ist nicht unbedingt der Typ für Aufgedunsenheit und schlimme Pullover. Ganz im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass ihr straff zurückgekämmter, zugeknöpfter Eisenfresserstil durchaus dazu angetan ist, in den Dominastudios der Republik ganz neue Trends zu setzen.
Neben Frau von der Leyen waren noch zwei abgehalfterte Schauspieler zu sehen, Hillu Schröder, ein Feindbild in Form einer kinderlosen taz-Redakteurin und noch jemand, den ich vergessen habe. Außerdem ein Moderator, denn das ganze war eine streitbare Talkrunde, und gestritten wurde über die Frage, warum die Leute sich nicht ordnungsgemäß fortpflanzen und somit wackelige Alterspyramiden usw, ... s.o. Mich hatte man nicht eingeladen, sodass ich meine These vom schädigenden Einfluss zivilisatorischer Errungenschaften wie Duschen, Bettlaken und Küchen nicht vorbringen konnte, und so kam es, wie es kommen musste, da die Stimme der Vernunft fehlte: Man laberte und wurde zänkisch. Wäre ich zugegen gewesen, um aufzuklären, so hätte man vereint "Aha! Ach so! Ja klar!" gerufen, wäre gemeinsam einen saufen gegangen und hätte Sendeplatz für sinnvolleres Programm gemacht, für einen schönen Heinz-Erhard-Film zum Beispiel. So aber erlitt der weibliche abgehalfterte Schauspieler einen hysterischen Anfall nach dem anderen, warf die Arme gen Himmel und beklagte das Fehlen einheitlicher deutscher Schulzeiten, welches eine reibungslose Sprösslingorganisation unmöglich macht und abgehalfterte Schauspielerinnen in ihren Selbstverwirklichungsbestrebungen stark beeinträchtigt. An ihrem Zweitwohnsitz auf einer spanischen Ferieninsel sei das besser gelöst.
Angesichts der Tragweite solcher Problematik war selbst Ursula von der Leyen überfordert. Immerhin hatte sie Lösungen für alle Bevölkerungsgruppen parat, die nicht zugegen waren, um hysterisch herumzukreischen. Zum Beispiel hat sie das Elterngeld erfunden, das 67% des letzten Nettogehaltes beträgt und einen schonend und schrittweise auf das Leben mit Hartz IV vorbereitet, wenn man so blöd ist zu glauben, dass nach dem Erziehungsurlaub die familienorientierten Großunternehmen nur auf einen warten.
Aber selbst wenn man nicht so blöd ist, ist das noch lange kein Grund, sich nicht fortzupflanzen, tutete selbstbewusst Frau von der Leyen und präsentierte ungeniert das strahlendste Beispiel zukunftsorientierter Doppelbelastbarkeit: Sich selbst! Trotz der beständig anwachsenden Schar kleiner von der Leyens habe sie es kraft ihres dynamischen Einfallsreichtums immer geschafft, unbehelligt von Masernepidemien und Unterrichtsausfällen ihre uneingeschränkte Arbeitskraft der Volkwirtschaft zur Verfügung zu stellen, indem sie - TRARA!!! - einfach eine Haushälterin eingestellt habe!
Da fiel es mir wie Hautschuppen aus der Bettwäsche. Jawohl meine Damen Arzthelferinnen, Floristinnen und Einzelhandelskauffrauen da draußen, Schluss mit der Drückebergerei, mit den faulen Ausreden, mit der egoistischen Genusssucht! Nehmen wir uns ein Beispiel an Frau von der Leyen! Anstatt das, was von rund tausend Euro Nettolohn im Monat übrig bleibt, hemmungslos für wilde Parties, schicke Autos und Cluburlaube auf Ibiza zu verbraten, lasst uns (am besten in der Mittagspause) Kinder gebären und Haushälterinnen einstellen! Und zwar keine promovierten Kernphysikerinnen aus Weißrussland, die hier für Dumpinglöhne examinierten Fachkräften die Arbeit wegnehmen, obwohl sie gar nicht qualifiziert sind!
Wie sagte angeblich schon Marie Antoinette: Wenn das Volk kein Brot hat, dann soll es doch Kuchen essen. Genau das ist der Geist, der den Umbruch bringt! Packen wir es endlich an, mit dem Mut, der Kreativität und der Initiative einer Ursula von der Leyen! Wir sind Deutschland! Mehren wir es!
Ich jedenfalls habe mir gleich am nächsten Tag im Lidl einen Kuchen gekauft (Butter-Marzipan-Torte, in Plastik verpackt und vier Wochen haltbar, nur 1,59!) Und am nächsten Morgen war mir auch prompt übel.