Autoren I Autoren II Texte nach Themen Satiren in Bildern Kontakt Frankfurter Magazin
Startseite Autoren II Bianka Tewes

Autoren II


Bernhard Abb Flo W. Sebastian Andrae Elvira J. Bianka Tewes Nikolai Djarov Dr. Jörg Hellmann Bianca Stücker Tilman Birr Andrea Diener Angelo John Ashman Franis Kirps Senne Skaat Richard Jentsch Raymund Krauleidis Lothar Peppel Sybille Seid Daniel Woitoll Klaus R. Zweydinger Frank Bröker



Nebelscheinwerfer

Als ich vor zwei Jahren meinen gebrauchten Kleinwagen erwarb, hatte der ein Loch in der Zylinderkopfdichtung und zwei vorne in der Stoßstange. Das Loch in der Zylinderkopfdichtung musste der Autohändler aus Kulanzgründen reparieren, weil daraus widrigerweise Öl in die Natur entwich. Bei den Löchern in der Stoßstange war er weniger kulant. Da hatte das Auto früher Nebelscheinwerfer gehabt. Die hatte der Vorbesitzer aber ausgebaut und mit nach Hause genommen, bevor er das löchrige Gefährt auf dem Gebrauchtwagenmarkt entsorgte. Wenn ich keine Löcher in meiner Stoßstange haben wollte, müsste ich neue Nebelscheinwerfer einbauen lassen, sagte der Autohändler.
Ich bin kein Freund von Nebelscheinwerfern. Ich bin nicht einmal ein Freund von Nebelschlussleuchten. Einmal, da hatten wir Winter, und meine Heckscheibe war zugefroren. Ich drückte eins von den beiden Knöpfchen mit welligen Piktogrammen drauf in der naiven Erwartung, dass daraufhin die beheizbaren Fädchen in der Heckscheibe ihrer Bestimmung nachkommen würden. Die beheizbaren Fädchen indes verweigerten sich der Erhitzung, und die Heckscheibe verharrte in eisiger Undurchschaubarkeit. Daher bekam ich auch nur schemenhaft mit, dass hinter mir eine Lichthupe betätigt und Unflätiges aus dem Fenster geschrieen wurde. Als ich irgendwann einmal an einer roten Ampel stehen bleiben musste, erschien ein ebenso rot verfärbtes Männlein an meinem Seitenfenster und bezichtigte mich, es in böswilliger Absicht mit meiner Nebelschlussleuchte bis zur beinahigen Blindheit geblendet zu haben.
Warum sich also Menschen freiwillig noch mehr Blinkendes und Funzelndes an ihre Autos schrauben als vom deutschen TÜV vorgeschrieben, ist mir unverständlich. Es scheint mir dem zwischenmenschlichen Miteinander abträglich, Blinkendes und Funzelndes zwischen lauter rotgesichtigen Cholerikern spazieren zu fahren, die einem Geblinke und Gefunzel gleich persönlich übel nehmen. Und weil ich einen nicht zu leugnenden Hang zum Grübeln habe, lässt mir dieser sonderbare Umstand keine Ruhe. Immerhin lebt ein ganzer Industriezweig von dem Drang meist männlicher Zeitgenossen, den fahrbaren Untersatz mit allerlei überflüssigem, teurem und schwer zu reinigendem Tand zu verunzieren.
Zum Beispiel eben mit Nebelscheinwerfern. Wir leben in einem Land, in dem der Regen in all seinen poetischen Variationen wie dem ergiebigen Regen, dem Niesel-, Griesel- und Bindfadenregen, dem Landregen, dem starken Regen und den nicht zu vergessenden Schauern in all ihren Variationen von leicht über wechselnd bis stark, in dem also der Regen doch das am häufigsten anzutreffende Wetterphänomen ist. Für einen ordentlichen Nebel ist ja gar kein Platz bei all dem Regen. Trotzdem gibt es keine Regenscheinwerfer oder amphibisches Sonderzubehör für Autos zu kaufen. Nebelscheinwerfer hingegen gibt es in allen Preislagen, für alle Modelle und in allen Variationen. Worin besteht also die Faszination des Nebelscheinwerfers für das Homo-Sapiens-Männchen?
Schauen wir uns doch einmal den klassischen nebelscheinwerferbestückten Autofahrer an. Da sticht uns gleich ins Auge, dass der gemeine Nebelscheinwerfer gehäuft in Verbindung mit einem gleichfalls ausgesprochen überflüssigen Utensil aus der Zubehörbranche an einem bestimmten, signifikant überflüssigen Fahrzeugtyp auftaucht. Die Rede ist natürlich vom chromblitzenden Kuhfänger am chromblitzenden Geländewagen.
Sie werden jetzt vielleicht richtigerweise einwenden, dass gerade hier bei uns in der Provinz Kühe, und dabei im Besonderen Kühe, die im Gelände installiert sind, einen gar nicht so selten anzutreffenden Umstand darstellen. Ich halte dem entgegen, dass ich noch nie einen Kuhbesitzer mit einem blankpolierten Geländewagen auf irgendwelchen Kuhwiesen herumholpern gesehen habe. Der Anblick röhrender, nebelscheinwerferlichtwerfender Geländewagen mit verchromten Kuhfängern ist nicht nur den weitaus häufiger davon betroffenen Radfahrern und Kleinkindern ein Schrecknis. Auch den Kühen wird davon die Milch sauer. Kuhbesitzer wissen das. Daher fahren Kuhbesitzer auch keine Geländewagen, sondern gammelige alte Mercedesse mit karierten Wolldecken auf dem Rücksitz. Und selbst die werden außerhalb des von Kühen bewohnten Geländes geparkt. Bei uns in der westfälischen Provinz ist das traditionelle Gerät zum Fangen von Kühen nach wie vor das Stöckchen und das traditionelle Fortbewegungsmittel in kuhbestandenem Gelände immer noch der Gummistiefel. Das hat sich nun mal einfach so bewährt.
Und immer noch treibt mich die Frage um: Wozu diese unheilige Allianz von Geländewagen, Kuhfänger und Nebelscheinwerfer? In einer kuhreichen Region wie der unseren mögen die ersten beiden ja noch eine Alibifunktion erfüllen. Aber woher nimmt der Nebelscheinwerfer denn nun seine Daseinsberechtigung?
Ich denke, wir sind hier einem archaischen Relikt aus den Urzeiten unserer finstersten Vergangenheit auf der Spur. Schon bei den alten Germanen wurde es im Winter früh dunkel, und dann kamen die Wölfe und Bären und klauten heimlich die Bratkartoffeln, bis ein schlauer Germane dann irgendwann sagte, wir lassen jetzt das Licht mal an, dann ist das nicht mehr ganz so dunkel. Und es ist ja auch nicht nur so, dass diese frühgermanische Urform des Nebelscheinwerfers Wölfe und Bären von der heimischen Futterstätte fernhielt. Es ist darüber hinaus eine biologische Tatsache, dass sich die Lichtverhältnisse auch auf das Balz- und Fortpflanzungsverhalten aller Lebewesen auswirkt. Je mehr Licht, umso mehr Fortpflanzung, so kann man das vereinfacht zusammenfassen. Meine Theorie ist folgende: Die germanischen Männchen funzelten erst mal wie wild herum, damit sie sich nicht dauernd mit Wölfen und Bären um die Bratkartoffeln hauen mussten. Irgendwann entdeckten sie dann den erfreulichen Nebeneffekt, dass die germanischen Weibchen umso weniger Migräne hatten, je mehr die germanischen Männchen herumfunzelten. Im Lichte der Vernunft betrachtet, braucht man sich also gar nicht angesichts der neuzeitlichen Tendenz zu Weihnachtsbeleuchtung, Nebelscheinwerfern und anderen Lichtorgeleien – und die linguistische Nähe zur „Orgie“ ist hier mit Bedacht gewählt – erstaunt am Kopf zu kratzen. Die Ursache dieses so modernen Phänomens liegt, wie üblich, mal wieder in den finstersten triebgesteuerten Tiefen des kollektiven Unterbewusstseins.
Da kann ich wirklich nur sagen: Schämt euch, ihr perversen Ferkel!

Druckbare Version

Vogelgrippes Feuertod Back to Bonn