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Back to Bonn

Im Abendunterhaltungssektor der deutschen TV-Landschaft klafft zwischen Jörg Palaver und dem Spielfilm eine dramatische Kluft des fehlenden Entertainments, die sich traditionell nur durch das Erleiden der Tagesschau überbrücken lässt. Man könnte sonst nur noch 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten' gucken. Das tut man aber nicht. Warum, weiß ich eigentlich auch nicht. Man tut es eben nicht. Keiner, den ich kenne, tut es. Also tu ich es auch nicht, denn ich will ja nicht als RTL-guckender Proll von der Gesellschaft verstoßen werden und in der Gosse enden. Was mir also jetzt so beim Tagesschaugucken aufgefallen ist, ist, dass die Tagesschauleute gar nicht mehr 'Bonn' sagen. Früher machten die das immer. Also immer, wenn die Bundesregierung ins Fernsehen kam. Dann sagte der Tagesschaumensch mit ernstem Blick in die Kamera: 'Bonn.', legte ein Blatt Papier auf die Seite und guckte auf das nächste Blatt Papier, und dann wusste die Nation, jetzt kommt wieder eine Steuererhöhung, oder im Parlament war wieder über den Haushalt debattiert worden oder halt irgendsowas, was eigentlich keinen so richtig interessierte, denn die richtig spannenden Sachen, die Bürgerkriege und das andere splatterige Zeug, das fand immer woanders statt. Jedenfalls nicht in Bonn. Bonn, das hatte immer so was Beschaulich-Gediegenes. Im allabendlich-tagesschaulichen 'Bonn' personifizierten sich Wohlstand, Sicherheit und Kohl’sche Leibesfülle. Wie ein Holzhammer rumpelte 'Bonn' nieder auf die Fernsehnation. Bonn war so was wie das Hugh der deutschen Häuptlinge. Bonn, ich habe gesprochen, und beeindruckt schwiegen die Erben Karl Mays draußen vor den Bildschirmen.

Als dann die ganze Mischpoke unter Kanzler Gerd umzog nach Berlin, da hat man anfangs noch das Regierungssitzgesage vor der Nachricht beibehalten. Mittlerweile machen die das aber gar nicht mehr, die Tagesschauangestellten. Da drängt sich doch die Frage auf: Wie konnte es zu solch beinahe schon anarchisch anmutenden Weglassungen traditionellen Regierungssitzgesages kommen? Was ist der Hintergrund für diesen radikalen Schnitt einer traditionsbewussten Nachrichtensendung? Liegt die Schuld mal wieder bei den Sozialdemokraten ihrem unfähigen Regierungsstil? Musste die Tagesschau aufgrund der dramatischen wirtschaftlichen Lage Sendezeit einsparen? Ist eine zweisilbige Hauptstadt zu teuer für die Öffentlich-Rechtlichen? Und wo soll das alles noch enden?
Vielleicht ist das aber auch ein direkter heimlicher Regierungserlass. Es wäre ja durchaus denkbar, dass dem Kanzler Berlin einfach zu frivol ist wegen dem schwuchteligen Wowereit. Dann sagt zum Beispiel Jens Riewa nach einem wichtigen Blick in die Kamera: "Berlin", und dann: "Die Bundesregierung hat in Zusammenarbeit mit der Bundesagentur für Arbeit ein neues Notgesetz erlassen, wonach Arbeitslose, die zwei Wochen nach Bewilligung von Arbeitslosengeld immer noch arbeitsscheu und sozialschmarotzend vor den sis-Computern der Arbeitsagenturen herumlungern, mit sofortiger Wirkung zum Latrinendienst des deutschen Kontingents der Bundeswehr in Kabul verpflichtet werden können."

Und zu Hause der Tagesschaugucker ist schon längst am Feixen und denkt sich: Ja klar, Berlin, da wo die verkniffene Christiansen jetzt mit dem Wowereit einen auf Bohème macht, nachdem der ihr Oller die Kock am Brink genagelt hat, und der Schröder vonne Regierung, hatte der nicht was mit der Maischberger, und hat die nicht möglicherweise was mit der Christiansen, oder haben die vielleicht sogar zu dritt…? Und schon nimmt das keiner mehr ernst mit dem Latrinendienst in Kabul, die eigentliche Nachricht ist total im Morast der medialen Unmoral verblubbert, die bundeskanzlerische Glaubwürdigkeit ist wieder mal am Arsch, und was für Folgen das dann wieder für die Wirtschaft und den Arbeitsmarkt hat, das weiß ich auch nicht.

Denkbar wäre aber auch die deutsch-amerikanische Solidarität als Grund für die allabendliche Entberlinisierung der Tagesschau. Weil: Es wurde ja nicht nur Bonn gesagt in der Tagesschau. Es wurde zum Beispiel auch Moskau gesagt. Oder Peking. Und auch Washington. Da regiert der Herr Bush, und der hat noch ganz andere Probleme als schwule Oberbürgermeister, denn so was gibt's bei dem erst gar nicht, oder Zickenalarm unter Fernsehmoderatorinnen. Der Herr Bush, der hat meist da seine Finger im Spiel, wo nachrichtentechnisch so richtig die Wutz abgeht, bei Kriegen gegen den islamistisch-fundamentalistischen Terrorismus zum Beispiel. Wenn jetzt der Herr Riewa nach der Kabuler Latrinennachricht sagen würde: 'Washington.' Und dann: 'In einer Presseerklärung des Weißen Hauses ließ der amerikanische Präsident George W. Bush heute verlautbaren, dass islamistisch-fundamentalistische Terroristen ganz doofe alte Säue sind, die heimlich Atombomben auf Amerika schmeißen wollen, und dass deswegen vorsorglich ein paar Bomben auf alle abgewrackten potenziellen islamistisch-fundamentalistischen Terroristenunterschlupfländer geschmissen werden, damit es gar nicht erst so weit kommt.' Da würde ich mir jetzt als islamistisch-fundamentalistischer Terrorist denken: Na so ein Arsch aber auch. Was hat dieser geschniegelte Schnösel da doch gleich gesagt, wo wohnt der Bush, in Washington? Und dann würde ich da hinfahren und ein bisschen Rabbatz machen im Weißen Haus mit meinen Atombomben. Oder meinem Krummschwert. So genau weiß man das ja noch nicht, was für fiese Massenvernichtungswaffen die so in ihren abgewrackten Terroristenunterschlupfländern vor sich hin basteln, die islamistisch-fundamentalistischen Terroristen. Jedenfalls würde dann irgendwann Frau Bush vom Shoppen nach Hause kommen, und das Weiße Haus sähe aus wie Hulle, und dann würde Frau Bush sagen: George W., würde sie streng rufen, hast du wieder zu den Herren Terroristen doofe olle Säue gesagt, da siehst du was du davon hast, ich fahr jetzt meine Mutter besuchen, und wenn hier nicht wieder alles piccobello ist wenn ich wiederkomme, dann kannst du aber sehen, wer dir in Zukunft deine Strümpfe stopft.
Dann hätte der mächtigste Mann der Welt Löcher in den Socken. Wie würde das denn aussehen? Wer würde den noch ernst nehmen? Die Terroristenunterschlupfländerbewohner würden mit Armstümpfen auf ihn zeigen, wenn er als siegreicher Feldherr durch die Trümmer ihrer Terroristenunterschlupflandhauptstädte wanderte, und sagen: "Hahaha, der hat ja Löcher in den Socken", und Jens Riewa würde sagen, "Terroristenunterschlupflandhauptstadtlamabad." (Oder so.) Und: "Nach Augenzeugenberichten von CNN wurde der amerikanische Präsident George W. Bush nach seinem erfolgreichen Kampf gegen den islamistisch-fundamentalistischen Terrorismus heute mit Löchern in den Socken gesichtet."
Und ich würde sagen: In Bonn wäre es nie so weit gekommen.

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