Autoren I Autoren II Texte nach Themen Satiren in Bildern Kontakt Frankfurter Magazin
Startseite Autoren II Bianka Tewes

Autoren II


Bernhard Abb Flo W. Sebastian Andrae Elvira J. Bianka Tewes Nikolai Djarov Dr. Jörg Hellmann Bianca Stücker Tilman Birr Andrea Diener Angelo John Ashman Franis Kirps Senne Skaat Richard Jentsch Raymund Krauleidis Lothar Peppel Sybille Seid Daniel Woitoll Klaus R. Zweydinger Frank Bröker



Kampfdackellynchmob

Wir waren ja immer dagegen, dass Unsaomma sich noch einen Hund anschafft, in ihrem Alter und so. Unsaomma hat sich immer schon angezickt, wenn wir nur ihr Bestes wollten. Damals zum Beispiel, als sie umziehen sollte in so ein schönes Erdgeschosszimmer im städtischen Seniorenheim. Das Sozi hätte das sogar bezuschusst, aber nee, Unsaomma stur wie immer musste ja in ihrer Wohnung im achten Stock wohnen bleiben und sich auch noch den Wuffi anschaffen. Das hält sie fit, jeden Tag dreimal mit dem Wuffi die ganzen Treppen rauf und runter, meinte sie. Meinte auch ihr Arzt. Bloß der Tierarzt vom Wuffi hat sie auch immer schon gewarnt, für den Wuffi mit seinen kurzen Beinen wär' das gar nicht so gut mit den ganzen Treppen.
Und dann war da ja auch noch Turnhosen-Udo. Turnhosen-Udo hat sich auch einen Hund angeschafft, aber nicht um sich fit zu halten, Turnhosen-Udo wohnt sowieso im Erdgeschoss, da is nix mit Treppen laufen. Nee, Turnhosen-Udo hat seinen Hund mehr wegen seiner Sicherheit. Wenn's von irgendwas reichlich gibt in der Siedlung, dann ist das soziales Konfliktpotenzial.

Turnhosen-Udos häusliches Konfliktpotenzial ist vor vier Monaten mit blauen Augen und Nasenbeinbruch abgehauen ins Frauenhaus, als er grade im Lidl war, Palette Dosenbier kaufen. Und seit er den Brief vom Scheidungsanwalt gekriegt hat und auch noch 'ne Anzeige wegen Körperverletzung, muss Turnhosen-Udo sich das Potenzial für seine Konflikte woanders suchen.
Er hätte sich vielleicht nicht gerade mit Turhan Üzmürk hauen sollen, weil Turhan auf dem Rasen mit seiner Frau Fisch gebraten hat. Ich meine, Dosenbier hin oder her, auch nach 'ner Palette Hansa-Pils darf man einfach nicht vergessen, dass Turhan acht Brüder hat.
Jedenfalls, als Turnhosen-Udo aus dem Krankenhaus kam, hat er sich gleich den Brutus angeschafft, und das muss man wirklich sagen, seit Brutus Kolakowskis Katze platt gemacht und den kleinen Sven-Torsten Schmidtmüller ins Bein gebissen hat, hat Turnhosen-Udo das soziale Konfliktpotenzial ganz gut im Griff.

Nicht dass Unsaomma zum sozialen Konfliktpotenzial gehört. So wie Kolakowskis Katze, die immer in die Sandkiste gekackt hat. Oder wie Sven-Torsten Schmidtmüller, der mit zwölf Jahren schon Haschplätzchen auf dem Schulhof verkauft und die Post in den Briefkästen anzündet. Nee, wirklich nicht, ganz im Gegenteil. Unsaomma ruft mindestens dreimal die Woche bei den Bullen an, wenn einer die Musik zu laut hat oder die Blagen auf dem Rasen Fußball spielen. Quasi stehen Turnhosen-Udo und Unsaomma auf der gleichen Seite, nämlich auf der Gegenseite vom sozialen Konfliktpotenzial.
Trotzdem gab das auch zwischen Turnhosen-Udo und Unsaomma manchmal Konflikte wegen der Konflikte zwischen Brutus und dem Wuffi. Immer wenn Brutus den Wuffi gesehen hat, hat er richtig Schaum vorm Maul gekriegt. Und als Unsaomma Brutus eins mit dem Regenschirm übergezogen hat, weil er immer so'n Getöse macht, da hat Turnhosen-Udo auch Schaum vorm Maul gekriegt.
Als dann das Ordnungsamt Brutus eingezogen hat, weil Brutus auf der neuen Gefahrhunde-Liste eins stand und Turnhosen-Udos polizeiliches Führungszeugnis voll mit Straftaten war wie der Aldi samstags um halb eins mit Hausfrauen, haben wir erst gedacht, jetzt haben wir eine Sorge weniger wegen Unsaomma. Vor allem, weil sie den Brutus dann auch sofort eingeschläfert haben, nachdem der den Sesselpuper vom Ordnungsamt hintenrein gebissen hat.
Wer hätte das auch ahnen können? Der Wuffi war höchstens zwanzig Zentimeter groß, und auch wenn wir Unsaomma immer gesagt haben, gib dem Hund nicht immer die Hälfte von der Alpia, zwanzig Kilo hat der Wuffi bestimmt nicht gewogen. Auch sonst war der Wuffi eigentlich gar nicht als Kampfhund qualifiziert. Ich meine, der Wuffi war doch schon froh, wenn er schnaufen konnte nach den ganzen Treppen, der hätte gar nicht beißen können, selbst wenn er gewollt hätte.

Bestimmt war die Schmidtmüller schon wieder besoffen. Muss wohl so gewesen sein. Jedenfalls fing sie an vom Balkon zu kreischen, als Unsaomma mit dem Wuffi auf der Straße vorbeikam, weil der Wuffi keinen Maulkorb trug und auch keine Leine um hatte. Wofür sollte der Wuffi auch 'ne Leine um haben. Selbst Unsaomma mit ihrer Arthritis konnte schneller laufen als der Wuffi mit seinen kurzen Beinen.
Weiß der Gilb, was die Schmidtmüller sich gedacht hat. Unsaomma war auf keinen Fall ein "Kindermörder" und der Wuffi ganz bestimmt kein "Kampfhund", aber bei der Schmidtmüller ihrem Gekreische hat das ganze soziale Konfliktpotenzial sofort die Bildzeitung beiseite geschmissen, ist auf die Straße gerannt und hat Unsaomma und den Wuffi gekrallt.
Mit dem Identifizieren war das dann hinterher so eine Sache. Von Unsaomma war nicht mehr ganz viel übrig, aber dem Wuffi sein Fell haben wir dann schließlich erkannt, weil so borstige gelbe Haare hat kein normaler Dackel.
Dem Bestatter haben wir dann auch gesagt, er soll die Fellstückchen und was vielleicht sonst noch so vom Wuffi mit dabei war, einfach mit begraben.
Ich meine, was sollten wir machen, Unsaomma hat das ja irgendwie so gewollt. Wir haben ihr ja gleich gesagt, schaff dir keinen Hund mehr an, in deinem Alter und mit den ganzen Treppen und dem sozialen Konfliktpotenzial und so. Der Hund bringt dich noch ins Grab, haben wir gesagt.
Und recht hatten wir. Die Welt is numma schlecht.

Druckbare Version

Back to Bonn Fuck Freedom & Democracy