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Piepen im Ohr

1986 bin ich bei der Motorradprüfung durchgefallen. Manche Leute führen mein Versagen auf die Tatsache zurück, dass mir beim Aufbocken die 400er Suzuki entglitt und meinen Fahrlehrer unter sich begrub.
Dieser doch sehr oberflächlichen Betrachtungsweise kann und will ich mich nicht anschließen. Überhaupt bin ich ja der Meinung, dass unsere Gesellschaft eine unheilvolle Tendenz zur allzu voreiligen Akzeptanz des Offensichtlichen zeigt, welche in einem sehr ambivalenten Verhältnis zur kritischen Hinterfragung desselben steht. Und auch wenn ich diesen Satz beim nochmaligen Lesen selbst nicht mehr kapiere, klingt er doch sehr sinister und trifft bestimmt den Kernpunkt dessen, was ich damit sagen wollte.

Jedenfalls bin ich bei einer schönen Tasse Kamillentee einmal in mich gegangen und dabei auf ein vorweihnachtliches Kindheitstrauma gestoßen, das vielleicht einen tiefenpsychologischen Ansatzpunkt zum analytischen Verständnis meiner die Straßenverkehrsordnung betreffenden Defizite bietet. Es ist ja ein Segen für die Menschheit, wenn Eltern zu der seltenen Einsicht gelangen, ein musikalisch unbegabtes Kind zu haben. Leider wollen die wenigsten das wahrhaben. Das kann schlimme Folgen haben. So habe ich beispielsweise mal neben einer Architektin gewohnt, die ihren verhaltensgestörten Sprösslingen ein Waldhorn und ein Schlagzeug gekauft hatte, mit deren Hilfe die kleinen Monster höchst unerquickliche atonale Symphonien erzeugten, wenn sie nicht gerade damit beschäftigt waren, ihre Stallhasen anzuzünden oder ihre doppelbelastete Architektenmutter in die Hand zu beißen.

Als ich selbst noch ein instrumentenloser kleiner Hosenscheißer war, wurde insbesondere die Vorweihnachtszeit für mich und die anderen instrumentenlosen Kinder zu einer akustischen Qual. Ich weiß nicht, wie das heute ist, aber damals gab es in jeder Klasse so ein elitäres Trüppchen artig gekämmter Gänse mit guten Noten, die über Hanni und Nanni die Nasen rümpften und wussten, dass die Kindertotenlieder nicht von Joachim Witt waren. Pervers, so was, aber diese Schleimzwerge standen bei allen Lehrern unter Naturschutz und durften zur Weihnachtszeit ungestraft alle anderen mit ihrem Blockflötengepiepe malträtieren. Kurz nach dem ersten Advent erklang aus jedem Klassenzimmer unmelodiöses Tröten, und wenn man den Blockflötenkindern die Blockflöten wegnahm und ihnen völlig zu Recht auf die blassen Näschen schlug, wurde man zur Strafe auf den kalten Schulhof gejagt, damit die piependen Quälgeister in Ruhe weiter ihrem frevlerischen Tun nachgehen und für die Weihnachtsfeier üben konnten, wo man dann ihre talentlosen Darbietungen noch mal über sich ergehen lassen musste.

Einmal saß ich zu Hause vor dem Fernseher und sah mir eine Sendung zur Verkehrserziehung an. Darin holte ein Vater sein Kind vom Blockflötenunterricht ab. Das Kind saß auf dem Rücksitz von Papas Auto, trötete in seine Blockflöte und ging Papa damit ziemlich auf die Eier. Als Papa sich schließlich umdrehte und das Kind ordentlich zusammenschiss, stoppte vorne der Verkehr, Papa brezelte volles Pfund auf den Vordermann, und das Kind wurde von den Fliehkräften und seiner Blockflöte an die Rückbank genagelt wie ein Käfer auf ein Stück Käfersammlerstyropor. Ketchup spritzte in Fontänen, Chappi blubberte dem Kind aus dem Mund, dramatische Musik erklang.
Ich deutete damals die Intention dieses lehrreichen kleinen Juwels der Cineastik dahingehend, dass Kinder, die anderen mit ihren Blockflöten auf die Eier gehen, irgendwann einmal von der gerechten Strafe ereilt werden. Die verkehrspädagogische Bedeutung des Films entging mir vollkommen. Jahrelang sah ich mir verkehrserzieherische Filme für Kinder an und wartete darauf, dass vielleicht mal ein 40-Tonnen-LKW in eine Turnhalle raste und die Angeber plattwalzte, die sich nicht vorm Zirkeltraining in den Geräteraum flüchteten, aber der splatterige Arm der Gerechtigkeit richtete kein zweites Mal unter meinen Feindbildern.

Wenn ich heute wieder einmal eine rote Ampel überfahre oder mit Sätzen wie "Aber das Auto fährt doch auch ohne Bremsen" uneinsichtige TÜV-Bedienstete zu überzeugen versuche, so kann man mir dies, finde ich, nicht übelnehmen. Es ist dieses frühkindliche vorweihnachtliche Blockflötentrauma, welches mir den Blick auf das Wesen der Straßenverkehrsordnung verschleiert. Kann man mich dafür verurteilen? Haben wir denn nicht bei näherer Betrachtung alle unsere innere Blockflöte? Endet nicht unser aller Traum von einer besseren Welt in einem Scherbenhaufen am Stauende des Lebens? Rasen wir etwa nicht auf der Autobahn des Schicksals dem kosmischen Auffahrunfall entgegen?
Darüber sollten Sie wirklich mal nachdenken, wenn Sie bekifft genug sind.

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Supermarkt- Kassenlaufband- Plastikklötzchen... Apfelschorle