'Möbelgigant' Segmüller
Gibt es etwas trashigeres als Möbelhauswerbung? Ich habe ja eine Vorliebe für Trash, und das, was da ins Haus kam, ließ mein Herz höher schlagen. Zwei Hefte in Tageszeitungsformat, großzügig A1, den gesamten Frühstückstisch abdeckend. Das kann man sich nur noch am Boden knieend anschauen, so ein Lappen ist das. Guckt doch ein bisschen mit. Dann zeig ich Euch, was ich so faszinierend an Möbelhausprospekten finde, dass ich sie mir stundenlang anschauen kann.
Das grüne Heft titelt: "Der Möbelgigant! Endlich auch im Rhein/Main-Gebiet! Das Einkaufsparadies für die ganze Familie! Der neue Segmüller!" Die Fußzeile lässt gleich noch einmal verlauten, als könne man das nicht oft genug festhalten: "Der Möbelgigant! Endlich auch im Rhein/Main-Gebiet!" Ja, das wissen wir jetzt schon, danke.
Der Rest der Seite ist mit zwei Anfahrtsskizzen (grobe und feine) bedeckt, ferner mit Bildchen der umliegenden Städte (das potentielle Einzugsgebiet). Die Städte werden jeweils durch eine Sehenswürdigkeit repräsentiert (Alte Oper, Mainzer Dom, irgendein Fachwerkhaus in Groß-Gerau... na ja, das bekannteste in Groß-Gerau ist der Starkenburgring, und den würd' ich auch nicht abbilden wollen), darunter vermelden alarmrote Balken die Entfernung zum Möbelgiganten (nicht Möbelhaus, nicht Möbelmarkt, nein: Möbelgigant) in ungefähren Autominuten.
Ich fühle mich natürlich wieder mal nicht angesprochen. Nicht, dass ich etwas gegen Möbel hätte, durchaus nicht, aber ich fahre nun mal ausschließlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Welche S-Bahn-Haltestelle sich an der A5 bzw. der B42 befinden, wird mir aus diesen Skizzen nicht ersichtlich - obwohl großmundig von "wenigen Fahrminuten" die Rede ist. Vermutlich sind nur Autofahrerfamilien ganze Familien, für die es sich Einkaufsparadies zu sein lohnt.
Das rote Heft titelt noch ein bisschen größer als das grüne, nämlich in bis zu 13 cm hohen Lettern. "Der neue Segmüller" titelt es, aber der Schriftzug in solidem Messing mit Glanzsternchen wurde nicht einfach kopiert. Der wurde noch mal extra neu gebaut für das rote Heft, denn die perspektivische Verzerrung ist eine etwas andere, und die Glazsternchen, die dem ganzen wohl eine gewisse Festlichkeit verleihen sollen, sitzen auch an unterschiedlichen Positionen. Das ist noch echte Handarbeit, hier.
Offenbar war für das rote Heft auch ein anderer Texter zuständig, denn es kommt fast ganz ohne Ausrufezeichen aus. Man gibt sich auch sonst ein bisschen bescheidener: "Endlich - Das Einrichtungshaus der Extraklasse für das Rhein-Main-Gebiet". Man beachte: Hier hat jemand Rhein und Main ordentlich per Bindestrich zusammengeführt, anstatt sie mit rohen Schrägstrichen aneinanderzunageln. Das ist Feingefühl. Eins zu Null für das rote Heft.
Wirft man nun einen Blick auf die aufgeschlagene Pracht der ersten Doppelseite im roten Heft, quillt einem barocke Fülle entgegen. "Die Weltstadt-Auswahl für das Rhein-Main-Gebiet! Neueröffnung! Der Möbelgigant in Weiterstadt". Gut, die Informationen beginnen sich allmählich zu wiederholen.
Optisch aber macht diese Doppelseite richtig was her. Über die ganze Breite der schneeweiße Möbelgigant unter ultramarinblauem Himmel, die Sonne bricht sich in Linsenreflexen in der gläsernen Eingangsfront. Fahnen stehen starr in der Gegend herum, und das steifleinerne Textil kündet halbdutzendfach den Familiennamen des Giganten in alle Welt, zumindest aber bis nach Weiterstadt: Segmüller, Segmüller, Segmüller, Segmüller, Segmüller, Segmüller. Über dem Eingang: Segmüller. Fußzeile: Segmüller. Wer sich von so was nicht hirnerweichen lässt, der hat keins.
Die Attraktionen der Doppelseite bieten nun ein munteres fotografisches Potpourri nie dagewesener Attraktionen, die den Besucher dort erwarten. Unter zwei etwas zu grobgepixelten Posaunisten mit Gamsbarthüten steht: "Hier spielt die Musik!"
Zwei Luftballons weiter, die zu einem anderen Bild gehören aber nichtsdestotrotz hier mal in die Szenerie ragen, ein von einer Tuba etwas verdeckter Clown mit wurstförmigen Extremitäten. "Hüpfburg!" steht daneben, das ist gut, das hätte ich sonst vermutlich nicht identifizieren können. Falls ich nicht wüsste, was eine Hüpfburg ist, hätte ich auch noch folgende Erklärung lesen können: "Der Renner bei den Kleinen: Rumtollen in der Hüpfburg". Aber ich weiß ja, was eine Hüpfburg ist.
Die Luftballons gehören übrigens zu einem Kind, das auf Papas Schultern reitet. Ihm sitzt ein grobzackiger gelber Stern im Nacken, der "Kostenloses Vergnügen im Freien!" verspricht. Ein schöner Satz. Kostenloses Vergnügen im Freien. Hat so einen Hauch von Ungebundenheit und Abenteuer, von Laissez-faire und Libertinage. Wird aber gleich wieder spezifiziert: "Das Riesen-Fest für die ganze Familie, da kommt Spaß und Freude auf!". Mist. Ich bin ja nun eher nicht soo groß, und richtig viel Familie hab ich auch nicht. Außerdem drückt es das Gegenteil von untenstehender Zeile "Viel Spaß für Groß und Klein!" aus. Aber was haben die dauernd mit ihren Größenangaben? Größe ist ja nun nicht alles.
Dann hätten wir da noch ein "Doppelstöckiges Etagen-Pracht-Karussell", das jemand "im Stil der Jahrhundertwende liebevoll restauriert" hat. Ganz klar wird mir nicht, ob es sich hier um ein echtes Jahrhundertwendekarussell handelt oder lediglich um eines, das mit völlig veralteten Methoden, eben denen von vor hundert Jahren, wiederhergestellt wurde. Die Grammatik legt letzteres nahe, die Logik ersteres.
Das alles für die Kleinen. Die Großen dürfen fressen und saufen, und zwar so richtig maßlos, denn es ist billig. Dicke Fleischbrocken mit Pampe geben sich als "Schwenkbraten mit Kartoffelsalat" aus und kosten zwei Euro. Für die Kleinen hat's "Bratwurst mit Semmel" und Bayernserviette. Im "Fest-Zelt" oder "Festzelt", da ist man sich nicht so ganz einig bei Segmüllers, gibt's "Jede Menge Unterhaltung, Spaß und kulinarische Angebote!" - die müssen tatsächlich die Fleischbrocken meinen.
Gleich daneben werden Autos verlost. So ein Schwachsinn. Die, die es bis Weiterstadt geschafft haben, haben doch eh alle ein Auto, die brauchen doch keins mehr. Die hätten Geld verlosen müssen, das hätten die Segmüllers nullkommanix wieder zurückbekommen, zumindest einen Teil davon. Und dann auch noch einen Mercedes Zweisitzer Cabrio. Der hat nicht mal 'nen vernünftigen Kofferraum. Wie soll ein Mensch damit shoppen fahren? Damit kriegt man nicht mal 'nen Billy um die vier Ecken.
Auf den nächsten Doppelseiten sehen wir noch ein paar mal das tolle, schneeweiße Segmüller-Gebäude, darunter akkumulieren sich Angebote. An jedem Objekt pappt ein Sternchen, jedes in einer anderen Farbe, darin stehen Zahlen, auch immer wieder in anderen Farben. Die Farben sind dann jeweils mit unterschiedlichen Farben eingerahmt, manchmal hat auch das Sternchen noch einen kontrastierenden Rahmen oder wirft Schatten. Durch diese Kombinationstechnik wird der Eindruck maximaler Buntheit erzeugt, der diese Angebotsseiten optisch so augenprickelnd macht. Wenn man dann noch unterschiedliche Farben oder gar Muster hinterlegt und unterschiedliche Rahmen verwendet, hat man es geschafft, dass ich vor lauter Angeboten keine Möbel mehr sehe. Aber der Horror Vacui der Segmüllers kennt keine Grenzen: Erbarmungslos wird jedes sich auftuende Lückchen, wird jede noch so verlegen gähnende Leere mit Parolen zugeklotzt, die der Grafiker in unterschiedlichen Fonts in unterschiedlichen Kästen unterschiedlicher Farbgebung gestaltet hat. In diesen Kästen liest man nun (Wiederholungen lass ich weg):
Seiten 4/5 (Wohnbereich)
Sensationelle Eröffnungspreise!!!
Das gab's ja wohl noch nie!
Top-Preis!
Extreme Preishammer!
Das Mega-Angebot!
Segmüller Extrem-Niedrigpreis!
Mega-Tiefpreis!
Die Preishämmer des Jahres!
Der Sensations-Preis!
Mega-Eröffnungsknaller!
Eröffnungs-Preis!
Alles Abholpreise Gerne liefern wir gegen geringen Aufpreis!
Die gigantische Auswahl zu Niedrigpreisen!
Warum woanders mehr bezahlen?
Seiten 6/7 (Schlafbereich)
Set-Preis komplett!
Da muss man unbedingt hin!
DIE WELTSTADT-AUSWAHL auch bei Schlafzimmern
Über 10 000 Artikel zu sensationellen Eröffnungspreisen!
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Ab Seite 8 erlahmt der Wortschatz dann ein wenig. Dabei war ich ehrlich gespannt, was die sich noch alles ausdenken. Ich bin zugegebenermaßen etwas enttäuscht. Dafür werde ich auf Seite 11 mit einem wunderschönen Deppen-Apostroph entlohnt, der tatsächlich hier in freier Wildbahn beobachtet werden kann: "Deutschland's große Badabteilung! jetzt auch für's Rhein-Main-Gebiet!"
Ja wer wird denn für so was bezahlt? Alex meint, dass das nur eine Ingolstädter Werbeagentur verbrochen haben kann, stimmt aber nicht, die sind irgendwo aus dem Hintertaunus. Auch nicht besser.
Ich überspringe jetzt mal die Rückseite, obwohl es dort "Einfach unglaubliche Eröffnungspreise!" und eine "Einfach unglaubliche Auswahl!" in Sachen Teppichen gibt. Gegen die "reine Naturseide mit feinem Flor und wertvollem Seidenglanz" kann ich mit den ollen Urlaubssouvenirs meines ägyptenreisenden Großonkels ohnehin nicht mithalten und nehme mir nun das grüne Heft vor, das sich eher an meine Altersstufe richtet. Hinter der Titelseite mit den Anfahrtsskizzen findet nämlich die ultimative Hipness statt: MEGA STORE. "Junges Wohnen zum Mitnehmen oder Liefern lassen!" Das ist "Total Trendy!" Hier sind "Millionenwerte zig-fach bevorratet!"
Das sieht so aus, dass sich junge, nicht allzu keusch verhüllte Damen sich auf Sofas und Sitzsäcken räkeln oder gerade ihre Brille zurechtrücken. Die Möbel sind rot oder blau mit Stahlrohr. Junge Menschen lieben Stahlrohr. Junge Menschen blicken heutzutage unsicher in die Zukunft, daher benötigen junge Menschen zum Ausstaffieren ihres mobiliaren Umfeldes dringend zukunftsoptimistische Möbel. Und da kommt nur Stahlrohr infrage.
Neben der Rundung des knatschblauen Sitzsacks bekommt der Neugierige auch gleich einen Einblick in das Innere des Möbelgiganten. Aber wer da Möbel erwartet, der verlangt ein bisschen viel. Vor allem gibt es da Steine. Die bilden, zusammen mit ein paar Pflanzen der tropischen Zone und etwas Wasser den Vordergrund für ein "Bistro", das mit albernem Neonschriftzug als solches gekennzeichnet ist. Na gut, ein paar Möbel sieht man doch, nämlich die Tische und Stühle, auf und an denen die von der ganzen Latscherei ermüdeten Frauen (dort sitzen nur dauergewellte Mittvierzigerinnen) sich ausruhen können. Der Rest ist scheußliche Möbelhausarchitektur.
Wer die Angebote des MEGA STORE überblättert, findet sich in der ganz anderen Abteilung wieder: "Die besondere Art sich einzurichten" zeichnet sich vor allem durch mangelnde Farbigkeit in der Hintergrundgestaltung aus. Alles in Schwarzweißgrau, dafür hat die Schrift Serifen. Denn hier hat es "Erstklassige Marken zu super Eröffnungspreisen!" Auf das Ausrufezeichen hat man dann doch nicht ganz verzichten können, trotz aller Distinktion.
In der Mitte befinden sich vier Kästchen mit Bildern von etwas, das unter Kataloggestaltern ganz bestimmt "Wohnsituation" heißt. Also so ein Einblick in ein Zimmereckchen, und da stehen dann Möbel und ein paar Leute, die dafür bezahlt werden, tun so, als ob sie sich da wohlfühlen, während das kalte Studiolicht jedes Fältchen ausleuchtet.
Toll ist das Bild, das schwungvoll "Schlafen Exclusiv" untertitelt ist. Man weiß ja, dass es da, wo "exklusiv" mit ceh geschrieben wird, richtig teuer wird. Je mehr ceh, desto teurer. Chices ist teurer als einfach nur Schickes, und Excellentes exzellenter als Exzellentes. Aber zurück zur Wohnsituation: Eine Frau sitzt auf einem Bett und starrt einen nackten Hintern an. Einen Männerhintern. Man sieht auch was vom Rücken und von den Beinen. Und, dass er dunkelhaarig ist, sieht man auch. Am Hinterkopf! Was denkt ihr denn. Um die Szene noch etwas lebendiger zu machen, liegen die Kleidungsstücke von dem Mann um das Bett herum verteilt, die Frau ist jedoch komplett bekleidet, bis hin zu den hochhackigen Schuhen. Andersrum ginge das nicht. Nicht in dem Preissegment. Nackte Frauen sind billig, nackte Männer sind exclusiv. Wobei man die Unterzeile "Schlafen Exclusiv" in diesem Bildzusammenhang auch ganz anders interpretieren könnte, wörtlich nämlich.
Auf, noch eine Doppelseite, dann haben wir's geschafft. Hier gibt es noch mal ein paar Schnäppchen aus dem MEGA STORE, zum Beispiel "Preis-Hits aus unserer Bilder-Abteilung!" Michelangelo, Stein oder Blüte in den Größen OVERSIZED! und RIESIG! Auch toll: „Moderne Klassiker mit verschiedenen Motiven“ und schwarzem oder blauem Rahmen. Ich sehe da zwar nicht nur verschiedene Motive, sondern durchaus auch verschiedene Stile und Künstler, etwa Kandinsky und Macke, aber ich muss das ja auch, sonst studier ich das falsche.
Mein Liebling nun befindet sich ganz unten auf der Seite. Die "Colonial Style Sonderschau". Da stehen also klotzige Ledersofas herum, wie sich irgendwer offenbar vorstellt, dass der Generalgouverneur von Tahiti mal eins hatte oder der Verwalter von Belgisch-Kongo. Allein diese Bezeichnung "Kolonialstil" führt ja ins moralische Abseits. Das Sofa heißt nun "3-Sitzer mit Rundung" und hat "massive Holzfüße kolonialfarbig", wobei man sich ja schon fragen kann, ob eine Kolonie eine andere Farbe hat als ein Kolonialherr oder irgendein x-beliebiger Schurkenstaat. Wie kommt man dazu, etwas als kolonialfarbig zu bezeichnen?
Großartig dazu das Bild der exotischen Schönheit mit dschungelfeuchtem Haar. Was soll die da? Soll die zeigen, dass auch Opfervölker Spaß am Kolonialstil haben? Oder soll die den kleinen privaten Traum vom Kolonialgouverneur veranschaulichen, den man sich mittels Kauf dieser Möbel erfüllen kann? Ich warte auf die protestierenden Massen, die gegen diese offensichtliche Verharmlosung des Kolonialismus vorgehen. Wo seid ihr, Massen? Kein Interesse?
Das war mein kleiner Rundgang durch die Möbelwerbung. Ich hoffe, es war für Euch genauso faszinierend wie für mich. Mir hat es sehr gefallen. Wenn ich da schon nicht mit der S-Bahn hinkomme und selbst kostenloses Vergnügen im Freien haben kann, so hab ich mich doch wenigstens auf diesem Wege ein bisschen beteiligt.