Schlangen
Ich mag keine Schlangen.
Ich meine nicht die Schlangen aus dem Dschungel oder aus dem Zoo, sondern die Menschenschlangen vor den Geschäften, an der Kinokasse, im einzigen Mainzer Schwimmbad bei 40 Grad oder im Biergarten - bei gleicher Temperatur.
Eines aber hat die menschliche Schlange mit den tierisch gemeinsam. Am Ende befindet sich ein Arsch.
Diese Erfahrung habe ich in der glorreichen Zeit des Kommunismus machen müssen. Da gab es Schlangen immer und überall, nur vor der Parteizentrale habe ich nie eine gesehen. Offensichtlich waren die Leute doch nicht so scharf auf die viel gelobten Parteibücher.
Man ist stundenlang angestanden, nur um von der Verkäuferin zu hören: wir haben nichts mehr, wir hatten nichts und wir werden auch in Zukunft nichts haben.
Meistens habe ich dann doch voller Hoffnung, natürlich mit einem Schein in der Hand, nachgefragt:
"Was haben Sie denn zu verkaufen?"
"Was man sieht!"
"OK. Dann bitte zwei Kilo von den Fleischerhaken." - Damit man sich wenigstens mit Stil aufhängen konnte.
Das hat sich in der Zeit nach der Revolution 1989 geändert. Heute stehen mehr Leute vor den Schaufenstern als im Laden selber. Kein Geld, zu teuer, Importware ohne Geschmack, das sind nur einige der Gründe. Früher hatte man Geld in der Tasche und konnte nichts kaufen, heute könnte man alles kaufen und hat kein Geld.
Seit 21 Jahren fahre ich zur 'Metro' einkaufen. Das bedeutet Schlange stehen, z.B. für einen Parkplatz. So auch heute. Nach einer viertel Stunde wird endlich einer frei und ich kann in Ruhe einkaufen gehen. Der Parkplatz ist etwa 800 m weit vom Eingang entfernt. Das macht mir nichts aus, schließlich bin ich ein Bär von einem Mann.
Ein Karpatenbär!
Ich bin gut aufgelegt. Nach einem schlechten Sommer fängt meine Kneipe, das 'Quartier', langsam wieder an zu leben. Die Stimmung ändert sich schlagartig, als ich Schlange stehen muss um einen Einkaufswagen zu ergattern. Die bauen alles um, es soll alles noch schöner und besser werden für uns Kunden. Die Leute suchen die Waren und finden nichts mehr. Von überall hört man sie fluchen, wie die Kutscher: "Verdammt, wo ist der Salat?"
Wo ist...? Das ist hier die Frage! Leider haben auch die Verkäufer oft keine Antwort, oder sprechen kein Deutsch. Wo sind die Eier, wo sind sie geblieben? Bei der Frage muss ich kurz nachschauen und suche anschließend glücklich weiter. Meine sind noch an ihrem Platz.
Wenn man dann das richtige Regal gefunden hat, muss man Schlange stehen bis sich alle bedient haben. Beim Schinken habe ich leider Pech, der Typ vor mir nimmt das letzte Stück mit. Mit den Tortellini geht es mir genauso. Und jetzt? Was soll ich meinen Studenten auf den Teller knallen? Studentenfutter!?
Alle lachen, aber aus Schadenfreude und nicht aus Fröhlichkeit. Ich denke an die Hungerzeiten in meiner Jugend, schau’ mich um, und alle Witze von damals fallen mir ein. Ich lache mit Tränen in den Augen und lade meine zwei Wagen voll. Ich überlege kurz, ob ich eine Flasche Averna kaufen soll, schließlich kommt der Slobo zu Besuch, der trinkt das Zeug so gerne. Ich mache ihm die Freude. Voll guter Stimmung gehe ich zu den Kassen. Da heißt es wieder Schlange stehen. Von 16 Kassen sind nur fünf offen. Gutes Personal ist schwer zu bekommen und wenn man die Leute endlich hat, sind sie entweder krank, im Urlaub oder in irgendeiner Pause, höre ich vom Geschäftsführer.
Ich schaue mir die Einkaufswägen der Kollegen an. Haben sie viel oder wenig drauf, kommen sie schnell durch, oder kann es länger dauern. Ich suche mir die schnellste Kassiererin aus und hoffe, dass kein technisches Problem mit der Kasse auftaucht. Es kann natürlich auch sein, dass einer nicht genug Geld dabei hat, seine EC-Karte gesperrt ist, oder er noch Restalkohol im Blut hat und sich mit der Kassiererin anlegt.
Alles schon erlebt.
Ich fühle, dass meine Wahl, Kasse Nummer drei auszusuchen, die richtige war. Die Frau ist verdammt schnell, hat wohl früher bei Aldi gearbeitet. Sie schickt einen Kunden mit einem Päckchen Fleisch zurück, da es nicht ausgezeichnet ist und der Computer den Preis nicht lesen kann. Was soll das, was will der mit dem Fleisch, hat der Idiot nie von BSE gehört?
Wahrscheinlich hat er die Kuh jetzt erst geschlachtet, solange braucht er, bis er zurück ist. Die Leute verfluchen ihn. Er entschuldigt sich, die Kuh war schuld. Welche Kuh meint er wohl? Er wird nervös. Es fallen ihm eine Flasche Jack Daniels und ein Glas Gurken auf den Boden. Der Nachbar von der linken Kasse lädt sein Auto ein und der von rechts ist wahrscheinlich schon zu Hause und hält sein Nachmittagsschläfchen. Der Typ will sich Ersatz holen, da trifft ihn eine Flasche Averna am Kopf. Er verzichtet und bezahlt auch die kaputten Gurken. Gut so, gleich komme ich dran. Er blutet wie ein Schwein. Was für schlechte Leute es doch gibt. Nebenan prügeln sich zwei, angeblich hätte sich einer vorgedrängt. Ich lache mich kaputt, kann mir nicht passieren.
Doch, ist mir passiert! Er ist an die 70 und schaut durch mich hindurch. Bin ich aus Glas, oder was? Vielleicht sieht der Arme nicht mehr richtig? Soll ich mich mit einem Opa anlegen? Nein, das machen wir anderes. Ich hole schnell 1000 Präservative und lege sie in Opas Wagen. Solche mit Geschmack, richtig nobles Zeug, ziemlich teuer. Habe vom Lachen Tränen in den Augen. Was wird wohl seine Frau sagen, wenn er damit nach Hause kommt? Soeben gibt die Kasse ihren Geist auf. Von hinten fliegt der Kassiererin ein Glas Peperoni an den Kopf. Die ist hin. Der Krankenwagen holt sie ab und wir warten auf Ersatz.
Die Stimmung ist gereizt, keiner will an der Kasse arbeiten. Kann ich verstehen, wir stehen ja auch schon über 90 Minuten an. Um die Wartezeit zu verkürzen, macht der Typ hinter mir eine Flasche Wodka auf. Gute Idee, die Stimmung lockert sich. Jemand öffnet ein Päckchen Sandwich und ich erzähle Witze. Es ist wie früher, in den kommunistischen Schlangen.
Als der Ersatz(mann) da ist, wird wieder geschubst, gestoßen und geflucht. Der Mann ist wohl als Zeitlupe auf die Welt gekommen, so wie er arbeitet. Der Alte hat endlich bezahlt und ich bin dran.
Wurde auch Zeit!
Wie, der Reis geht nicht durch die Kasse?
Was? Ich soll einen neuen Sack holen. Nein!
Ich bezahle und bin der Kunde, also der König! Was kann ich dafür, wenn ihr nicht imstande seid, eure Waren richtig auszuzeichnen. Dann hol du ihn doch.
Ich nicht!
Die Flasche Wodka trifft mich an der Schulter. Zum Glück war sie nur halb voll. Die Leute verfluchen mich und schmeißen mit dem Sack Reis nach mir. Wer braucht Reis? Ich nicht.
Time is money!
Endlich habe ich bezahlt und ziehe an den beiden Wägen wie ein Ackergaul. Warum zum Teufel habe ich so weit geparkt? Etwas außer Atem, lade ich alles ein und wieder besser aufgelegt fahre ich Richtung Heimat. Die Polizei hält mich an um mir zu sagen, dass mein Rücklicht nicht funktioniert. Ich muss zur Alkoholkontrolle ins Präsidium. Die glauben die Geschichte mit der Wodkaflasche nicht. Im Gegenteil, sie halten es für einen Witz. So eine Ausrede haben sie in ihrer 40-jährigen Dienstzeit noch nie gehört.
Die Stimmung im Präsidium ist gut!
Bei mir auch, als ich endlich im 'Quartier' ankomme, mit vier Stunden Verspätung. Die privaten Einkäufe muss ich sofort nach Hause bringen. Die Allerbeste hat schon dreimal angerufen.
Sie hilft mir auch ausladen, dass finde ich toll von ihr, schließlich hat sie ja genug Hausarbeit.
Irgendwie ist sie sauer. Was hat sie bloß?
Ich wollte es mir heute Abend mit ihr gemütlich machen, mit einer Flasche Wein und so...
Sie ist so kalt zu mir. Warum?
Ich bin fertig und parke das Auto. Als ich wieder ins Haus rein will, ist die Eingangstür zu. Schlüssel steckt von innen. Wusste ich doch, da stimmt was nicht.
Ich läute eine halbe Stunde.
Nichts!
Ich klopfe wie ein Verrückter.
Noch immer nichts!
Ich weine laut.
Gar nichts!
Schließlich gehe ich zu einem öffentlichen Telefon und rufe zu Hause an:
"Was ist los mit dir, mein Schatz?"
"Was mit mir los ist?
Dass du mit vier Stunden Verspätung nach Hause kommst macht nichts, kann passieren.
Dass du nach Wodka stinkst wie ein Säufer ist schon passiert, aber dass du im Salat 1000 teure Präservative mit Geschmack versteckt hast, das ist noch nie passiert.
So, und jetzt bleib draußen vor der Tür stehen, bis du eine Erklärung hast, wofür du die brauchst. Und vor allem, für wen!"