Wein, Weiber, Cha Cha Cha
Diesen Sommer war ich auf dem „Sziget-Festival“ in Budapest und obwohl ich neben lauter Musik nur ein paar Kannen Bier unter knallender Sonne genießen wollte, informierte ich mich natürlich über das schöne Ungarn. Der ADAC-Reiseführer lehrte mich folgende Weisheiten:
- nicht alle Ungarn sind Zigeuner!
- man sollte niemals versuchen, „egészség!“, den Ausdruck für „Prost!“, wörtlich auszusprechen. Eine falsche Betonung - und gemeint ist der vulgäre Ausdruck für
»das ganze Gesäß«.
- vor Bahnübergängen gilt innerorts ein Tempolimit von 30 und außerorts von 40 km/h.
Mit diesem Insiderwissen konnte ich mich getrost auf die ungarischen Frauen stürzen. Ehrlich gesagt, hätte der kulturelle Körperkontakt ein bisschen intensiver ausfallen können, aber der »Harre Krishna -Punk« und der Bierpreis, von einem knappen Euro, hatten mich schon in ihren Bann gezogen. Es blieb also kaum Zeit um die deutsch-ungarischen Beziehungen zu vertiefen. Nur an einem Abend hatte ich die Gelegenheit eine süße Ungarin kennen zu lernen. Im Verlauf des Gespräches stellte sich heraus dass es auch Reiseführer für Deutschland gibt. Ehrlich. Sie besaß ein solches Exemplar und ich erzählte ihr von meiner Heimatstadt. Doch die schönsten Landschaftsbeschreibungen verblassen, wenn von einer 100 Meter entfernten Zeltburg der »Zick, Zack, Zigeunerpack« -Chor ertönt. Da macht es auch nichts mehr, dass der Reiseführer zusätzlich erwähnt, dass die Deutschen keinen Humor haben. Somit sind alle Urlaubsgedanken vergangen und meine großzügige Einladung an Schleswig-Holsteins Meeresküsten verlaufen im Sand. Egal, Rotwein-Cola tröstet mich die letzten drei Tage.
Doch ein Gedanke lässt mich noch Wochen später nicht schlafen. »Deutsche haben kein Humor« steht da doch tatsächlich im Reiseführer. Woher kommen dann die großen Schlagzeilen der letzten Jahre. »Das große Gegrinse« (VISIONS), »Humorparade2002« (BILD), oder »Eine Nation im Würgegriff des Frohsinns!« (FT). Das alte Klischee, des humorlosen Deutschen, hat sich auf jeden Fall wacker gehalten, obwohl seit einigen Jahren eine Welle des Spaß-Terrors über uns rollt. Überzeugt von der Witzigkeit unserer Humoristen besuche ich eine Veranstaltung eines bekannten Gesichtes der Unterhaltungskunst.
Einer, wie wir ihn alle kennen. - Einer der neuen Alleinunterhalter der deutschen Ablachkultur.
»Stand-Up-Comedian«, wird er auch gerne genannt und heute können wir schon ca. 15 Personen dieser Witzmaschinengattung zählen. Er ist jung, ein bisschen frech, männlich, in etwa Jahrgang 1975, hat eine schnuckelige Kurzhaarfrisur, ein schelmisches Lächeln, ist nicht zu groß, so der Typ den man früher auf dem Schulhof verprügelt hat.
Ich sitz in der dritten Reihe, um mich von der Qualität dieses Spaßvogels überzeugen zu können. Ein kleines Faltblatt mit verlockenden Überschriften verspricht ganz großes Kino. Es geht los.
Sein Programm beginnt mit einem Schwank aus seiner Jugend. Es kommt eine kleine Geschichte über seine Mutter die, per Taschentuch und ein bisschen Spucke, versucht den Jungen von seiner dreckigen Backe zu erlösen. Gag gelungen. Er meint natürlich die Wange und nicht die Backe. Bei soviel Obszönität bringt das Publikum nur ein verklemmtes Lachen raus. Klatschband für die Fernsehübertragung lauter stellen! Theatralisch outet er sich als leidenschaftlicher Bonanza-Rad-Fan und erzählt kleine Schulweg-Szenen, natürlich ohne die damaligen Prügelstrafen. Es folgt eine Anekdote in der, der alte »Raiders heißt jetzt Twix - sonst ändert sich nix!«-Slogan eingebaut ist. Der Saal kocht. Ich winke eifrig nach der Kellnerin und bestell einen harten Schnaps um mich für diese Art der Unterhaltung zugänglich zu machen. Frei nach dem Motto: »Trink Alkohol, werd’ sympathisch«. Die Kellnerin hat einen leichten Husten und ich habe das Gefühl, dass ihr das Programm ähnlich gleichgültig ist wie mir. Zuerst sehe ich in ihr nur eine Seelenverwandte, doch plötzlich merke ich was passiert ist. Sie hat eindeutig mit mir »geblickvögelt«. Ich bin ein wenig aufgedreht. Das georderte Getränk erreicht mich bevor ich langsam in meine eigene Gedankenwelt abschweife.
In meinem Kopfkino laufe ich nackt durch eine Fußgängerzone. Ein großes »Apotheken-A« prangert auf meiner Brust. Hustensaft tropft aus meinem Penis und ich ziehe durchs Land um den Menschen Gesundheit zu schenken. Plötzlich reißt mich das Klatschband aus dem Traum.
Die letzten Minuten der Vorstellung laufen. Das schwache Programm wird noch durch ein paar billige Sexgeschichten aufgepeppt. Einfach ekelhaft. Eltern flüchten mit ihren Kindern. Ich verharre bis zum Ende. Das letzte Klatschband wird mangels Publikum noch einmal richtig aufgedreht und vereinzelt werden Zugabe- Rufe eingestreut. ich suche nach meiner Kellnerin. Sie ist nicht zu finden. Der Abend ist gelaufen, aber es wird auch wieder eine bessere Zeit kommen. Zuhause angekommen hab ich nur noch einen Wunsch:
Endlich mal wieder ohne Drogen lachen!