Integrität
Integrität: Makellosigkeit, Unbescholtenheit, Unbestechlichkeit
Wenn der Siemens-Konzern ankündigt, dass aufgrund des immensen Kostendrucks ganze Werke in Deutschland geschlossen und nach Ungarn verlegt werden müssen, kann einem Shareholder wie mir schon mal Bange um seinen Value werden. Auch die Abänderung der Deutschlandflucht in einen Ergänzungstarifvertrag, durch den die eigenen Mitarbeiter dazu gezwungen werden, ohne Lohnausgleich länger zu arbeiten, trug nicht viel zu meiner inneren Beruhigung bei. Bevor ich mich aber dazu entschied, meine spärlichen Siemens-Aktien lieber früher als zu spät zu verkaufen, warf ich doch erst noch einen Blick in den letztjährigen Unternehmensbericht.
Passender Weise beginnt der mit einem Brief an die sehr geehrten Aktionäre, der wiederum im ersten Satz stolz und zufrieden verkündet, dass Siemens im Jahr 2003 trotz der nicht gerade günstigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen das vergleichbare Ergebnis des Vorjahres um knapp fünfzig Prozent übertroffen hat. Im laufenden Geschäftsjahr wird erneut ein zweistelliger Ergebniszuwachs erwartet. Dr. Heinrich von Pierer, Vorsitzender des Vorstands der Siemens AG, beendet seinen Brief mit den Worten: "Dabei sind wir uns gleichzeitig unserer gesellschaftlichen Verantwortung bewusst. In unserem Leitbild haben wir formuliert: 'Unsere Ideen, Technologien und unser Handeln dienen den Menschen, der Gesellschaft und der Umwelt. Integrität bestimmt den Umgang mit unseren Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Aktionären.' Das ist die beste Voraussetzung für nachhaltigen Erfolg."
Gesellschaftliche Verantwortung. Handeln im Sinne von Menschen, Gesellschaft und Umwelt. Integrität im Umgang mit Mitarbeitern. Was diese hohlen Worte genau bedeuten, bewies Siemens einige Zeit darauf, als das Unternehmen ein unnachgiebiges Gezeter und Gezerre um zweitausend Mitarbeiter in den Werken Bocholt und Kamp-Lintfort vom Zaun brach. Um für zwei Jahre die Verlagerung der Arbeitsplätze nach Ungarn zu verhindern, arbeiten nun über viertausend Angestellte ohne Lohnausgleich wieder vierzig Stunden pro Woche und mussten außerdem ihr Urlaubs- und Weihnachtsgeld gegen eine erfolgsabhängige Jahreszahlung eintauschen.
Bei all dem Gejammer über Kostendruck und Wirtschaftsflaute mag man es gar nicht glauben, wenn die Unternehmenszahlen plötzlich als "Highlights" betitelt werden
Wie schlecht es dem Siemens-Konzern tatsächlich geht, beweist ein Blick auf den Lagebericht des vergangenen Geschäftsjahres. Bei all dem Gejammer über Kostendruck und Wirtschaftsflaute mag man es gar nicht glauben, wenn die Unternehmenszahlen plötzlich als "Highlights" betitelt werden. Aber in der Tat, Siemens steigerte mit weniger Mitarbeitern und geringerem Umsatz den Konzerngewinn nach Abzug von Steuern um 47 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – auf stolze 2,445 Milliarden Euro. Bei einem angenommenen mittleren jährlichen Einkommen von 50.000 Euro (was nach Angaben des Statistischen Bundesamtes deutlich über dem bundesdeutschen Durchschnitt liegt) stecken in diesem Gewinn 48.900 unberücksichtigte Arbeitsplätze. Aufgrund des hervorragenden Ergebnisses schlugen Vorstand und Aufsichtsrat des Siemens-Konzerns außerdem eine Dividende von 1,10 Euro pro Aktie vor. Bei 891.000.000 dividendenberechtigten Aktien bedeutete das eine Ausschüttung von weiteren 980 Millionen Euro, was noch einmal 19.600 Arbeitsplätze ergab, die zugunsten der Aktionäre nicht zur Verfügung gestellt wurden. Nun kann gern jeder selbst nachrechnen, wie viel Einbußen die Aktionäre nur bei der Dividende hätten akzeptieren müssen, um die besagten 2000 Jobs, die auf dem Spiel stehen, ohne jeden medialen und gewerkschaftlichen Rummel ein weiteres Jahr im vollen Umfang abzusichern. Es wären 0,11 Euro pro Aktie gewesen. Aber der Shareholder Value ist wichtiger als Menschen und so bleibt zu hoffen, dass die betroffenen Mitarbeiter wenigstens genügend Aktien ihres eigenen Unternehmens besitzen. Denn trotz des guten Unternehmensergebnisses beharrte Siemens darauf, dass die 2000 Stellen in Deutschland nicht ohne Zugeständnisse von Gewerkschaften und Arbeitnehmern gehalten werden können. Und aus Angst vor einer noch ungewisseren Zukunft blieb den Mitarbeitern nichts anderes übrig, als dem eigenen Arbeitgeber die erste Erlaubnis zur Ausbeutung einzuräumen – die Anhebung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich. Zusätzliche Anstrengungen, für die man als Gegenwert ein wenig seiner Angst genommen bekommt – und zwar ausgerechnet von demjenigen, der diese Angst überhaupt erst geschürt hat. Wie soll man das nennen? Maßlose Frechheit? Vorstufe zur Wiedereinführung von Leibeigenschaft?
"Aber, aber", hör ich schon die Geschäftsführer aufschreien, "all diese Maßnahmen sind notwendig. Und zum Nutzen aller. Vergiss nicht die Globale Wettbewerbsfähigkeit!"
Wir drehen uns im Kreis, und wir drehen uns wissentlich
Keine Sorge, ich vergesse sie nicht. Diesem Unding haben wir schließlich die Misere zu verdanken. Denn hinter dem wohlklingenden Tarnmantel Globalisierung verbirgt sich nichts anderes als eine probate Ausrede zur verschärften, nämlich globalen Ausbeutung.
"Aber die Franzosen praktizieren sie doch auch", tönt es aus Deutschland.
"Die Chinesen...", ereifert sich Frankreich.
"Die Japaner...", kommt aus China.
"Die Amerikaner...", aus Japan.
"Die Deutschen!", verweisen die Amerikaner.
Wir drehen uns im Kreis, und wir drehen uns wissentlich. Dabei müsste allen klar sein, dass etwas, das sich schnell im Kreis dreht, kein Kinderkarussell auf dem Rummelplatz sein muss, und wir es stattdessen mit einem verheerenden Wirbelsturm zu tun bekommen.
Vielleicht haben wir schon die halbe Treppe der Schamlosigkeit miterlebt. Keines der Unternehmen, die Geschäftsteile in billige Regionen verlagern, tut dies, um im wahren Sinne der Globalisierung den Lebensstandard überall auf der Welt auf ein gleichmäßig hohes Niveau zu bringen. Kein Geschäftsführer hat das Ziel, bewusst etwas für die Bevölkerung seines neuen, billigen Unternehmensstandortes zu tun. Schließlich interessieren ihn inzwischen nicht einmal mehr die Menschen seines eigenen Herkunftslandes. Aber warten wir doch darauf, wann der erste die nächste Stufe erklimmt und genau das großspurig als Absicht seiner globalen Geschäftstätigkeit und Abwanderung anpreist.
Der von Siemens gegen die IG Metall errungene Sieg in Form des Ergänzungstarifvertrags zur Standortsicherung soll aber – ginge es nach den Gewerkschaften – keinen Pilotcharakter für andere Unternehmen oder Deutschland besitzen. Die Gewerkschaften wollen sich weiterhin vehement gegen diese Strategie der Unternehmen stemmen und sich nur in ernsten Ausnahmefällen zu Kompromissen wie dem mit Siemens erweichen lassen. Aber wie ernst war denn der Ausnahmefall Siemens? Die deutschen Politiker hingegen, allen voran die der Unionsparteien, die sich noch nicht einmal in der Regierungsverantwortung befinden, planen schon jetzt Änderungen an den Tarifgesetzen, um den Gewerkschaften bei ihrer Arbeit noch mehr Steine in den Weg zu legen und die Rechte von Angestellten weiter einzuschränken. In Politik und Wirtschaft werden diese Vorhaben allerdings wohlklingender als "Schaffung klarer Grundlagen für betriebliche Bündnisse für Arbeit" bezeichnet. Am Ende steht das gleiche – die unnötige Ausbeutung von Ressourcen, zu denen seit Neuestem also auch in Deutschland die Menschen degradiert werden. Und die Gewerkschaften resignieren schon jetzt. Der Siemens-Beauftragte sieht die Gefahr, dass der Konzern die gewünschten Zugeständnisse durchgedrückt hat, in zwei Jahren aber die gerade noch erhaltenen Unternehmensteile trotzdem nach Ungarn verlagert. "Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Beschäftigten, die jetzt verzichten, am Ende als Deppen da stehen." Dieses Risiko müsse man aber eingehen, meint er.
Dieses Risiko müsse man eingehen?
Müsste man?
Müssen wir?