Ein Gott gibt auf (Teil 2)
[Dezember 2004]
Wenig später begann, begleitet von heller Aufregung, die erste Notstandssitzung des Himmlischen Rats seit dem Urknall, - den einige ältere Götter als 'zu unruhig' empfunden und gefordert hatten, dass er rückgängig gemacht und noch mal vernünftig durchgeführt werde, schließlich sei 'eine Schöpfung was anderes als ein Konzert der Dead Kennedys'.
Die Ränge füllten sich mit Gottheiten, männlichen und weiblichen. Auf der Rednertribüne saßen bereits Anarchos und Jehova, jeweils neben ihren Managern. Jehova war ockerfarben im Gesicht und zitterte wie Espenlaub. Man hatte ihm einen Maulkorb umgehängt.
Nachdem die Vorsitzende, eine große Blonde mit tiefblauen Augen, den Grund der Einberufung des Rats kundgetan hatte, erhob sich Jehovas Manager - er hieß Schizos - und erklärte, er werde anstelle seines Klienten die Sachverhalte schildern, die zu Jehovas Aufgeben geführt hätten - dieser sei im Moment außerhalb jeder Kontrolle und nicht in der Lage, ganze Sätze zu formulieren (jedenfalls keine, die irgendeinen Sinn ergäben).
Er sprach weiter: "Meine Damen und Herren, liebe Götter, mein Klient Jehova erklärt hiermit durch mich, dass mit seiner Allmächtigkeit insofern nicht mehr alles stimmt, also in Bezug auf Die Erde, als dass er gewissermaßen, was seine Allmächtigkeit sozusagen... betrifft, - also dass er - mit einem Wort - nicht mehr... allmächtig genug ist... leider."
Jehova habe alles versucht, was er versuchen konnte, und jetzt sei Schicht. Die Menschheit, darunter auch die zivilisierte Menschheit, habe eben mal wieder damit begonnen, gerechte heilige Kriege zu führen, und Jehova sei definitiv am Ende seiner Kraft (und am Ende mit seinem Latein).
Zugegebenermaßen sei er ganz zu Anfang zu optimistisch gewesen, weil er glaubte, es müsse doch reichen, die göttlichen Ideen einem einzelnen Volk, die Juden genannt, mitzuteilen, diese würden die Ideen dann weiterverbreiten und andere Völker informieren: Wozu sich also selbst so viel Arbeit machen? Schließlich garantierten die göttlichen Ideen allen Menschen ein friedliches Leben ohne Mord und Totschlag, was sie praktisch sofort herausfinden würden. Schließlich hätten sie den Verstand gekriegt (seine neueste Erfindung!), und die Botschaft sei unmissverständlich gewesen: Man solle nicht töten, lügen, betrügen und so weiter und so fort, so dass es für jeden gut auszuhalten sei. Nicht im Traum wäre er auf die Idee gekommen, die Juden könnten sich als einziges Volk Gottes sehen. Wozu sollte Gott (Teufel noch mal!) ein einziges 'Volk Gottes' haben, wenn er einen ganzen Planeten mit Roten, Schwarzen, Gelben, Weißen, Grünen und allen möglichen sonstigen erschaffen habe?
Das klinge ja sogar schon völlig sinnlos!
Trotz seiner zehn Gebote hatten Jehovas Anhänger selbige noch dazu umgesetzt, als ob er nicht gesagt hätte: "Du sollst nicht töten!", sondern gesagt hätte: "Du sollst nicht töten – natürlich mit Ausnahme von den Ärschen, die nicht auf unserer Seite sind!"
Endlich sei mein Klient auf den Gedanken gekommen, die Gebote seien in der Zehn-Teile-Fassung eventuell zu komplex für die Menschen und versuchte es mit einer abgespeckten Version. Er gab sich als sein eigener Sohn Jesus Christus aus, erregte mit dieser maximal abstrusen Pilotgeschichte (beinhaltend die Unbefleckte Empfängnis) einen Haufen Aufmerksamkeit und ersetzte die kilometerlangen Texte des alten Testaments durch die klare deutliche Sprache des neuen.
"Meine lieben Göttinnen und Götter, im zwanzigsten Jahrhundert schrieb ein Autor namens George Orwell ein Buch, in dem das Ministerium, in dem gefoltert und getötet wird, 'Liebesministerium' heißt, und diese Fiktion wurde am Anfang des 21. Jahrhunderts mal wieder Wirklichkeit, indem man Angriffe 'Verteidigung' nennen konnte, Bombardierungen 'pazifistisch', und ein Angriffskrieg keiner war, wenn er 'Präventivschlag' hieß. Das Problem schien zu sein, dass Dinge nicht unbedingt sind, was sie sind. Und so geschah es auch mit der deutlichen Sprache des 'Gottessohns', denn die Jesus-Fans (sie nannten sich 'christlich') hatten keinerlei Probleme damit, seine Poster überall aufzuhängen und gleichzeitig zum Beispiel Folgendes zu tun:
Jesus erzählte, dass vor Gott alle Menschen gleich seien: Warum also nicht Frauen für ein paar unwesentliche Jahrhunderte unterdrücken und von Kirchenämtern ausschließen (es sind eben alle Menschen außer den Frauen gleich)?
Jesus erklärte, eher komme ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher ins Himmelreich: Warum also nicht gewaltige Besitztümer scheffeln und feiste Kathedralen bauen zu Gottes Lob, während die Bevölkerung vor Hunger Gras und Erde frisst?
Jesus plädierte für Toleranz und Friedfertigkeit: Was hat das aber schon zu tun mit einer kleinen Inquisition nebst netten kleinen Scheiterhaufen-Partys?
Jesus plädierte, auch seine Feinde zu lieben, denn alle Menschen seien Gottes Kinder: Warum aber deshalb gleich darauf verzichten, ein paar kaum erwähnenswerte Kreuzzüge zu führen, wenn es sich nur um Heiden handelt, denen man die Schädel schreddert? Und es im Namen des Herrn ist?
Jesus forderte, auch seinen Feinden zu verzeihen, eventuell sogar die andere Wange hinzuhalten: Na ja, verzeihen schon, aber doch nicht den Uneinsichtigen, stimmt's? Denen, die die Bösen sind?
Meine Damen und Herren Götter, es gibt auf dem Planeten trotz des Aufrufs des 'Gottessohns' zu absoluter Gewaltlosigkeit christliche Milizen und Militärpfarrer. 'Christliche Milizen' ist aber ein Ausdruck wie 'trockenes Wasser': Es kann nicht existieren, ebenso wenig wie ein 'heiliger Krieg'. Weil ein Krieg ebenso wenig heilig sein kann wie Wasser trocken.
Am besten war es immer, wenn zwei Völker, die beide überall Jehova-Poster hängen hatten, vor einer ihrer blutigen Schlachten um Gottes Beistand beteten (weil sie beide für seine Sache kämpften, - und zwar gegeneinander). Was würden Sie tun in einer solchen Situation, wenn Sie zuständiger Gott wären? Sich krankschreiben lassen? Den ganzen Scheißdreck gegen die Wand schmeißen?
Kommen wir nun zur Kernaussage unseres Freundes Jehova als Jesus Christus, damals in Nordafrika. Er versprach, es wäre ein echter Spaß, zu leben, falls die Menschen dies machten: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"
Jehova – als Jesus Christus – der Optimist.
Ein klares Gebot... jedoch hatte mein Klient, nachdem er wieder einmal ein fürchterliches Gemetzel mit anschauen musste und daraufhin zur Flasche gegriffen hatte, die Idee, die alles erklärte: Indem die Menschen sich gegenseitig folterten und quälten und töteten, missachteten sie dieses Gebot gar nicht, sondern: Sie befolgten es wortgetreu! "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!", hieß es. Taten sie nicht genau das? Die ganze Zeit über?
Aber auf was hoffte Jehova dann noch? Er hoffte immer noch auf den Verstand, die Ratio, auf das sich allmähliche Zivilisieren der Menschheit, auf die Einsicht der einfachsten Kausalzusammenhänge: Dass man mit Unterdrückung, Demütigung und Leid Leute generiert, die wieder hassen und einem auf die Schnauze geben müssen.
Und dann, gestern, passierte es, meine Damen und Herren: Zwei der zivilisiertesten Völker des Planeten, auf die alle Hoffnungen meines Klienten ruhten, die fortschrittlichen Amerikaner und Europäer, haben 2000 Jahre nach Christus wieder mit Kriegen gegen das Böse begonnen", sagte Schizos. "Der Führer der Amerikaner ist der Auffassung, die Stimme Gottes zu hören, die ihn per Telefon auffordert, die Bösen zu vernichten, und er befiehlt seinen Truppen im Namen Gottes und der Nächstenliebe, Bomben abzuwerfen (wenn nicht noch mit Blümchen dran und der Karte: Diese Bombe, die gerade Ihre Frau zerstückelte, hat Sie befreit!).
Die amerikanischen Erweckungskirchen sprechen davon, Gott zum End-Sieg zu verhelfen, es sei nämlich Armageddon-Time. Jedenfalls: Es ist genug. Jehova... gibt auf."
Alle blickten auf das zitternde Bündel, das neben Schizos saß und versuchte, an seinem Maulkorb zu kauen.
Jetzt erhob sich die Vorsitzende wieder, klimperte mit den Wimpern und sprach: "Anarchos, der Rat ist der Meinung, dass du auf deinem Planeten – Paridaes – nicht mehr gebraucht wirst. Du hast es dort geschafft, dich selbst überflüssig zu machen, was die Aufgabe jedes vernünftigen Gottes sein sollte. Deine Bevölkerung ist erwachsen geworden, es läuft ohne Gebote dort. Du übernimmst Die Erde und berichtest in zwanzig Jahren, was du erreicht hast. Die Versammlung ist beendet."