WADENBRUCH, DER REGISSEUR (ein Nachruf)
[Juni 2001]
Walter Wadenbruch ist von uns gegangen. Er war ein einzigartiger Mensch, und dies nicht nur, weil er der mit absoluter Sicherheit erfolgloseste und schlechteste Regisseur aller Zeiten gewesen ist.
Dass er auch ein hervorragender Psychologe war, durchaus in der Lage, sein eigenes Handeln zu analysieren, ist vermutlich nur wenigen bekannt. Ich komme später darauf zurück. Wer war Wadenbruch? Bis hin zu seinem Tod war er augenscheinlich die überflüssigste Person im Filmzirkus, und dennoch: Wäre das Lesen der Feuilletons aller Zeitungen nicht öder gewesen ohne die regelmäßigen Filmbesprechungen der Wadenbruch'schen Werke? Ich behaupte, Wadenbruch hat uns reich beschenkt.
Und dies, obwohl er erst mit 37 begann, sein cineastisches Talent zu verwirklichen. Einige Filme, die er gemacht hatte, waren sogar in mutigen Kinos in Europa gezeigt worden. Erinnern wir uns gemeinsam an die Titel seines Schaffens!
Sein erster Film hieß Angriff des gefährlichen Gemüses. Trotz eher mangelhafter Akzeptanz seitens des Publikums ließ sich Wadenbruch nicht irritieren und machte weiter. Sein zweiter Film hieß Angriff des verwunschenen Aschenbecher-Clans. Kaum war dieser fertiggestellt, verfiel Wadenbruch einem Arbeitswahn ohnegleichen. Unermüdlich stellte er Filme her: Angriff der magischen Teppichböden, Angriff der vieldimensionalen Schneebälle, Angriff der zeitaufwendigen U-Bahn-Fahrten (eine Gesellschaftskritik), und zuletzt Angriff der unwahrscheinlichen Felsklötze.
Filmkritiker hatten zunächst zurückhaltend reagiert, schließlich jedoch erschien eine Besprechung von einem Kritiker namens Buckerböckel, die bereits den Beigeschmack von Verzweiflungsangriff hatte. Es war ein einziger, ernstgemeinter Appell an Wadenbruch, aufzuhören, Filme zu drehen. Anschließend brachen alle Dämme. Man bekam zu lesen: "Wadenbruch?! Der Mann müsste Schädelbasisbruch heißen!"
Der solchermaßen Angegriffene verteidigte sich in diversen Interviews mit der Feststellung, die von ihm gedrehten Filme seien nichts weiter als das Ergebnis jahrelanger Psychotherapie. Er habe seine Kindheit aufgearbeitet und sei anschließend in pränatale Gedächtniszonen vorgedrungen. Seine Mutter, so das Resultat, habe ihn bereits abgelehnt, bevor er gezeugt worden war, und die Filme habe er in der Hauptsache gedreht, um sich deswegen an der Menschheit und dem umliegenden Universum zu rächen - was ja auch gelungen sei.
Die Menschen, so Wadenbruch, sollten froh sein, dass er Regisseur und nicht Staatsmann geworden sei, sonst hätte er den ganzen verdammten Planeten in Schutt und Asche gelegt.
Nun, Wadenbruch ist nicht einfach zu beschreiben, aber schließlich kann es nie gänzlich gelingen, solche Tragödien menschlichen Daseins zu entschlüsseln.
Wir müssen versuchen, jeden Menschen zu achten, auch den größten Psychopathen. Ich hoffe, jeder von Ihnen findet seinen eigenen Abschied von Wadenbruch, und wünsche mir Nachsicht Ihrerseits bei der Besprechung des ersten Films von Roland Wadenbruch, Wadenbruchs Sohn (Der Angriff der metergroßen Flaschenöffner).
Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.
Für Peter Grandl