Die Nadel in der Autostadt
Der gute alte Kadett, gerade mal 11 Jahre alt und gut 180.000KM runter, und schon hat man Angst damit noch mal beim TÜV aufzulaufen. Also muss was neues her!
Nach drei Monaten gespannten Wartens kommt dann auch die Benachrichtigung zum Abholen des nagelneuen Polos in der Autostadt in Wolfsburg. Und das sogar gemäß der vorher angekündigten Lieferfrist!
Und damit nicht genug: Zeitgleich flattert ein neuartiger Service aus dem Hause Volkswagen ins Haus. Mit einem komfortablen Bus wird man mit bis zu 5 Leuten zu Hause abgeholt, um einen unvergesslichen Tag mit einem beeindruckenden Höhepunkt zu erleben - "...die Übergabe des neuen Volkswagens."
Tolle Idee, mit 272 Euro immerhin eine Möglichkeit noch teurer als mit der Bundesbahn anzureisen. Nein, der Tag wird auch ohne die Caravelle-Anfahrt unvergesslich, am Ende schränken die während der Fahrt angebotenen Erfrischungen die Fahrtüchtigkeit ein. Oder das eingebaute Videoprogramm gefällt so gut, dass man den Polo gar nicht mehr haben will?!
Am frühen Morgen trudelt man also ein. Das Wetter passt bestens zu der grauen Industriestadt, die man sich genau so vorgestellt hat. Auf zum Abholservice um kurz die Formalitäten zu erledigen, und dann ab zur Besichtigung des Parks. Die junge Dame an der Rolltreppe schickt jeden Neuankömmling lächelnd ans Ende der Schlange, aber lange warten muss man hier nicht. Die Dame am Terminal tackert dann schnell die Fahrgestellnummer rein, und greift zum Telefonhörer. Kein ungewöhnlicher Vorgang, oder? Etwas skeptisch wird man dann, als sie sich den Mantel anzieht, und einen in die Handelslounge des Kundencenters führt, Kommentar: "Da wird sich gleich jemand um Sie kümmern". Prima, aber warum erfahren die anderen nicht so viel Service sondern geben einfach ihre Nummernschilder ab und bekommen dann ihre Autos???
Ab jetzt machen die wildesten Gerüchte die Runde. Vielleicht erfolgt diese Extra-Behandlung, weil ich der 500.000 Besucher bin? Schnell servieren die anwesenden Damen Getränke und Gebäck. Fragen nach dem Grund für diese Aktion sind aber bei den Damen falsch aufgehoben, da kommt gleich ein Koordinator!
Nach 10 Minuten rückt dann auch der Koordinator an. Er hat aber keinen Blumenstrauß in der Hand, das Thema mit dem 500.000en Besucher war es dann wohl doch nicht, Einleitung:
"Es gibt Sachen die können eigentlich gar nicht passieren, und doch passieren sie..."
Das verheißt nix Gutes, wo ist das Auto???
Aber die haben doch Computer hier, und da hat der eifrige Mitarbeiter doch auch direkt nachgesehen. Und was soll ich sagen, der Computer wusste es wirklich! Das Auto war exakt vor fünf Tagen, 20 Stunden und 35 Minuten an mich ausgeliefert worden. Die hätten mir doch nur etwas sagen müssen, dann wäre ich nicht um halb fünf aufgestanden, um es nochmal abzuholen. Computer sind was Schönes und konsequenter Einsatz der Technik führt doch immer zum Erfolg!
Da mein heutiger Abholtermin aber stimmte, wollte hier auch keiner so richtig glauben, dass ich das Auto schon abgeholt hatte. Jedenfalls hatte der Computer keine Unterschrift von mir auf der Empfangsquittung hinterlassen...
Die großzügige Aufladung der stadteigenen Kreditkarte lässt den größten Ärger zunächst verrauchen, vielleicht finden sie das Zielobjekt ja in den nächsten drei Stunden noch?!
Also auf zur Werksbesichtigung. Um kurz nach 10 Uhr waren hier inzwischen ganze Busladungen mit dem selben Ziel eingetroffen, also erst mal den Rest ansehen. Gegen 11 Uhr war es dann deutlich leerer, also auf zum Disponenten. Ja, können wir machen, wie wäre es so gegen 15.30 Uhr? Danke schön, da bin ich auf dem Weg nach Hause (die Frage ist nur wie?!). Nach einem reichlichen Mittagsmahl im hauseigenen Mövenpick geht es dann zurück zum Kundencenter.
Aber auch drei Stunden Suche waren wohl zu wenig. Die dezente Anmerkung, ob sich das Gefährt inzwischen vielleicht schon in Polen befindet, wird vehement verneint. Aber dafür wurde mir die DV-technische Seite des Desasters in Form eines Protokolls präsentiert: die zu durchlaufenden Stationen der endgültigen Auslieferung sind normalerweise 35! Und bei mir war die Auslieferung schon nach der 3.Station erfolgt. Schließlich wird ein Mietwagen angeboten. War nett in Wolfsburg, aber einen Mietwagen hätte ich auch schneller bekommen können. Als wir die Halle mit den Nummernschildern in der Hand verlassen, verfolgen uns einige ratlose Blicke, die meisten anderen kommen damit nämlich nur rein...