Die letzte Zigarette
Vor ein paar Wochen hatte ich mir mal ausgerechnet, dass ich beim Konsum von einer Zigarettenschachtel am Tag, jährlich 838,51 Euro nur an Tabak- und Mehrwertsteuer bezahle. Da allein diese Summe höher als mein Monatsbudget war, beschloss ich keine Zigaretten mehr zu kaufen. Da ich aber einfach mal kein Talent zum klauen habe, bin ich dann auf Tabak umgestiegen.
Das war kein Luxus, aber immer wenn Zigarettenstummel einen Aschenbrecherbrand entfachten oder ganze Tabakplantagen an meinen Lippen klebten, rechnete ich mir aus wie viel ich dadurch spare und kurbelte weiter. Das ging eine Weile ganz gut. Bis zu dem Tag als unsere glorreiche Regierung auf die Idee gekommen ist, ab sofort auch die Selbstdreher abzukassieren. Aus derzeit ca. 3,35 Euro pro 40-Gramm-Packung werden bis Mitte 2005 5,45 Euro. Das war’s für mich. Schluss aus vorbei. Sollen doch die Politiker ihre blöde Terrorbekämpfung allein finanzieren. Es war 13 Uhr und ich beschloss mit sofortiger Wirkung das Rauchen aufzugeben. Außer exquisite Landluft kommt mir nichts mehr in die Lunge. Ich kann doch aufhören wann ich will.
Als erstes entfernte ich alles aus der Wohnung was mich irgendwie ans Rauchen erinnerte. Die Aschenbecher wurden gelehrt und tief in den Schrank gestellt. Die lehren Tabakpackungen und Zigarettenschachteln wanderten in einen Container, den ich extra dafür bestellt hatte. Alle gängigen Feuerzeuge wurden aus dem Haushalt entfernt und das Poster von Bob Marley landete im Müll. Dann ab zur Tanke und noch ein paar Zahnpflegekaugummis gekauft und schon war ich auf alles vorbereitet. Sollte die Sucht ruhig kommen. Ich lach ihr ins Gesicht. Aufhören ist so einfach. Ich fragte mich, warum andere Raucher so große Probleme damit haben. Ich saß vor dem Computer, kaute genüsslich auf einem Zahnpflegekaugummi und schrieb an einem neuen Buch mit dem Titel »Die letzte Zigarette - auch du kannst es schaffen«. Auf dem Tisch neben dem Monitor sah ich noch die Ruinen antiker Aschenbecherhochburgen. Das störte mich überhaupt nicht. Nicht im geringsten. Trotzdem klinkte ich mir sicherheitshalber den nächsten Zahnpflegekaugummi rein, ging in das Bad und übte vor dem Spiegel die Aussprache des Satzes "Nein danke, ich rauche nicht mehr!“.
Irgendwie war mir langweilig und ich duschte mich erst mal richtig ab. Taufrisch, bärenstark und zu allem bereit, steckte ich mir dann einen weiteren Zahnpflegekaugummi in den Mund und setzte mich vor den Fernseher. Fataler Fehler! Hannibal Smith, John Wayne, James Dean, Oberst Klink, Schlitzohr Hogan und Egon Olsen. Sie alle hetzten mich gnadenlos und unbarmherzig durch die einzelnen Programme. Als einer der härtesten Gegner stellte sich aber das Colgate Raucherzahnweiß heraus. Echt böse. Ich zappte dann zum Kinderkanal und entspannte mich erst mal bei einem leckeren Zahnpflegekaugummi. Ich sammelte all meine Kraft, um mich auf das Nichtrauchen zu konzentrieren. Aber Popeye und Lucky Luke gaben mir schließlich den Rest. Ich musste hier raus. Ich setzte mich auf mein Fahrrad und fuhr wie der Wind in eine unbewohnte Gegend.
Rücklings legte ich mich ins Gras, kaute vergnügt auf einem Halm und beobachtete die Wolken. Nichts lenkte mich ab. Nichts brachte mich auf dumme Gedanken. Das einzige was mich noch aufhalten könnte, wäre die Einführung der Nichtrauchersteuer. Allerdings stellte ich auch fest, dass beim derzeitigen Konsum, der Preis von nicht dickmachenden Zahnpflegekaugummis, den Zigarettenpreis bei weitem überschritten hätte. Egal. Irgendwann hätte ich die Dinger eh nicht mehr gebraucht. Ich konzentrierte mich wieder auf die Natur. In meiner Fantasie formte ich lustige Wolkenfiguren. Ein Schlumpf mit Maschinengewehr, Supermann mit Schnurbart, Tony Blair mit einem Kelly-Family-Shirt, ein UFO mit Lockenwickler und dort im Westen das... ähm... Camel-Kamel mit Nikotinpflaster.
Verdammt. Fast jede Wolke formte sich innerhalb kürzester Zeit zu einer formschönen Zigarette. Schweiß lief mir über die Stirn. Wie von Sinnen rannte ich zu meinem Fahrrad und strampelte drauf los. Ich passierte das Ortseingangsschild und fuhr vorbei an dem rauchendem Schlot des Krematoriums. In einem Mordstempo ließ ich einen Zigarettenautomat und das Reisebüro mit der Peter-Stuyvesant-Travel-Werbung im Fenster hinter mir. Vor der Hauptschule zündeten sich ein paar Kids grad eine Zigarette an und überall waren glücklich rauchende Menschen zu sehen. "Hört auf zu rauchen ihr Penner!“ schrie ich wiederholt die Menschen an und erntete verwunderte und böse Blicke. Ich fuhr immer schneller. Mein ganzer Körper war nass vor Schweiß.
Ich legte mich tief in die Kurve, bog in meine Straße ein und überholte erst mal ein Auto. "Man, das ist keine 30-Zone!“ lärmte ich den Fahrer dabei an. Dann kam ich in die Sichtweite meiner Wohnung. Die Kirchenuhr zeigte 15.00 Uhr an und ich gab noch mal richtig Gas. Meine Gedanken überschlugen sich. Ich konnte schon den Namen am Klingelschild lesen und raste dann schnurstracks am Haus vorbei zur Tankstelle. Ich kaufte mir Kippen (Ich hätte in diesem Zustand unmöglich noch drehen können) und zündete diese noch an der Kasse an.
Nach 2 tiefen Züge dachte ich mir: "Bevor Osama bin Laden gefasst wird, wäre es sowieso politisch unkorrekt gewesen mit dem Rauchen aufzuhören. Es ist aber ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass man jederzeit aufhören kann.“