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Das Morgengrauen

Wie die meisten Menschen in diesem Land, komme auch ich mehrfach die Woche in den Genuss, kostenlose Anzeigeblätter zu erhalten. Meistens landen diese zwar ungelesen in der Papierkiste, aber missen möchte ich diese journalistischen Meisterleistungen nicht. Anders verhält sich allerdings der Fall, wenn die Quantität der einzelnen Blätter steigt.
Das war der Fall bei unseren geliebten »Sonntags-Nachrichten«.
Ich kann mich noch wie heut daran erinnern, als es das erste mal geschah. Ich fuhr mit einem Freund von irgendwoher in Richtung Osterburg.
Während der Fahrt diskutierten wir ausführlich über das Thema: »Kann man durch die Luftverwirbelung, die entsteht, wenn man während der Fahrt die Hand aus dem Fenster hält, einen Tornado in Nevada provozieren?« Zwar konnten wir das Thema nicht vollständig ausdiskutieren, aber nach einer gewissen Zeit sind wir bei mir zu Hause angekommen. Bevor ich das Haus betrat, konsultierte ich den Briefkasten und da passierte es. Das erste Mal. Es war Sonntag und es lagen 2 Exemplare der »Sonntags-Nachrichten« in meinen Briefkasten. Was für eine Verschwendung. Für den Verlag musste es sich um ein ökonomisches Desaster handeln. Ich packte beide Zeitungen in die Papierkiste und lebte, trotz dieses Skandals, mein Leben normal weiter.
Zumindest bis zum nächsten Sonntag. Wieder befanden sich 2 Blätter im Briefkasten. Das wollte ich nun doch nicht so einfach hinnehmen. Für die nächste Woche bereitete ich ein Schriftstück vor, welches ich am Briefkasten stationierte: Lieber Zeitungsverteiler. Es ehrt mich sehr, Ihr Blatt in mehrfacher Ausführung zu bekommen, aber trotzdem würde ich Sie bitten, den Überbestand an Zeitungen nicht in meinem Briefkasten, sondern im Papiercontainer unterzubringen. Danke!
Dieser Brief zeigte Wirkung. Am nächsten Tag lagen ganze 3 Exemplare im Kasten. Ich war bedient. Das war nun wirklich zuviel. Was folgte, war ein Anruf beim Verlag. »Wir kümmern uns darum« wurde mir versichert. Geholfen hatte es nichts. Auch am drauffolgenden Sonntag lagen wieder 2 Exemplare im Kasten. Nun reichte es. Mir platze der Kragen. Die ganze Woche plante ich Vergeltungsmaßnahmen. Am kommenden Sonntag legte ich mich in der Frühe auf die Lauer. Bewaffnet mit dem überschüssigen Beweismaterial der letzten Wochen, wartete ich hinter dem Fenster auf den Übeltäter. Im Morgengrauen lief dann eine Gestalt von Briefkasten zu Briefkasten. Endlich würde ich diesen Strolch auf frischer Tat ertappen.
Ich postierte mich hinter der Tür und lauschte in die endende Nacht. Dann geschah es. Ganz deutlich hörte ich das leise Quietschen des Briefkastens. Jetzt oder nie. Ich riss die Tür auf und schrie den Fremden von hinten an: “WIR HABEN ZU REDEN MEIN HERR!“ Er schreckte zusammen und drehte sich um. Daraufhin erschreckte ich mich. Vor mir stand eine mindestens zwei Meter große Mischung aus Roberto Blanko und Snoop Doggy Dog. Er sah mich böse an und in seinen muskulösen und tätowierten Armen hielt er einen Stapel mit bibergünstigen Angeboten von OBI. “Verwechselt“ stotterte ich raus und rannte panikartig in meine Wohnung. Ich schloss die Tür ab und ging wieder zum Fenster. Dort konnte ich noch sehen, wie der OBI-Mann kopfschüttelnd seine Wege ging. Mein Kaffeevorrat neigte sich dem Ende und langsam fuhr mir die Müdigkeit in die Glieder. Trotzdem hielt ich auf meinem Posten aus. Bereit, im richtigen Augenblick aus der Deckung zu stoßen. Im Kopf malte ich mir aus, wie ich dem Täter verbal das Handwerk legte. Die Minuten zogen ins Land und meine Gedanken schweiften ab. Grade als ich überlegte, ob der Gardena-Metall-Schlauchwagen »Team Olympia« aus dem OBI-Prospekt ein passendes Geburtstagsgeschenk für meinen Vater wäre, bemerkte ich den unscheinbaren Fahrradfahrer vor meiner Tür. Auch dieser steckte etwas in meinen Briefkasten. Als er weiter fuhr, erkannte ich den Aufkleber der »Sonntags-Nachrichten« auf seiner Tasche. Das war er. Ich schnappte mir mein Beweismaterial und sprang vom Sessel hoch. Leider blieb ich dabei an der Lehne hängen und verteilte die gesammelten Zeitungen quer in der Wohnung. Verdammt! Dafür war jetzt keine Zeit mehr. Ich rannte in den Flur und öffnete im Lauf die Tür. So war zumindest der Plan. Nur war die Tür, wegen dem bösen Schwarzen Mann, noch abgeschlossen. So in meinem Bewegungsablauf gestört, rammte ich meinen Kopf mit voller Wucht an die Pforte. Ich brach auf der Stelle zusammen und verlor das Bewusstsein. Als ich nach einer unbestimmten Zeit kurz aufwachte, sah ich plötzlich »Braveheart« alias »William Wallace« mit unserem Telefon hantieren. Er rief den Notarzt. Eigentlich war Er eine Sie und nach kurzer Zeit erkannte ich unter der blauen Feuchtigkeitsmaske meine Lebenspartnerin. Als ich wieder aufwachte nähte ein Arzt meine tiefe Risswunde über der Schläfe. Er machte auf mich einen beruhigenden Eindruck und erinnerte mich sehr an Colonel Potter von M.A.S.H.
Anschließend begleitete mich das hervorragende medizinische Personal in ein karg eingerichtetes aber trotzdem charmantes Krankenzimmer. Dann brachte eine gutaussehende Schwester mir Frühstück ans Bett und noch was zu lesen...
Raten Sie mal was?!

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Der 7. Mai - ein Tatsachenbericht Die letzte Zigarette