Autoren I Autoren II Texte nach Themen Satiren in Bildern Kontakt Frankfurter Magazin
Startseite Autoren I Jochen Gerken

Autoren I


Heiner Hänsel Rüdiger Schneider Robert Reitz Lothar Oels Thomas Nast Oliver Gaspirtz Beate Mayer Anant Kumar Horst Evers Sören Gütschow Ralf Kessler Gitta Klaßen Hedda Plecher Bodo Wenzlaff Helmut Pöll Katharina Kurz Guido Heyn Jon Martina Leach Erwin Grab Wolfgang Klein Jörg Schwedler Jochen Gerken Robert Rödel Guido Seifert



Kommissar Handicap ermittelt...

Kommissar Handicap ermittelt - Arm dran, Arm ab, Fall gelöst

Eine neue Generation Kommissare wird uns da im Fernsehkriminal untergejubelt: Es ist nicht mehr der nüchtern analysierende, moralisch integere, aufopferungsvolle Ermittlungsbeamte, der mit Witz und Verve seine Fälle löst, sondern es sind gebrochene Männer mit dunklen Biografien, deren private Problematik schwerwiegender als jeder Fall von Giftmord ist. So ist der Kommissar von heute ein bindungsunfähiges Wrack, das mindestens einmal geschieden ist und ein Kind aus dieser Beziehung hat, das bei der Mutter lebt. Um das Vertrauen dieses Kindes kämpft er nun härter als um die Aufklärung mysteriöser Ritualmorde, doch die Verabredungen mit dem Nachwuchs platzen mit heimtückischer Regelmäßigkeit, da die laufenden Ermittlungen weder Aufschub noch Privatleben dulden. Dazu kommen der ausgeprägte Hang zur Depression, was Alkoholabusus nach sich zieht, außerdem: Fehlernährung, schlechte Haut, Nuscheln und Berührungsängste mit moderner Technik. Der Trick der Drehbuchautoren ist so billig wie durchsichtig. Sie möchten sich anbiedern an ihr Publikum, wollen sagen: Der Kommissar ist ein Mensch wie du und ich, er scheitert in seiner Ehe, in der Erziehung der Kinder, er isst zu viel und schläft zu wenig. Er versagt privat und beruflich. Denn der Kampf gegen das Böse ist hoffnungslos. Er kann zwar einen konkreten Fall lösen, nicht jedoch die Gesellschaft ändern. Sie ist das Medusenhaupt, gegen das der Don Quichotte der Exekutive wie ein Autor gegen krumme Bilder ankämpft.

Der Schwede ist besonders toll kaputt

Kranke Namen denken sich kranke Geschichten aus - so ließe sich das Credo der alten Schweden Maj Sjöwall und Per Wahlöö flott zusammenfassen. Ihr 'Kommissar Beck' durfte jahrelang im ZDF seine privaten Probleme ausbreiten, der eigentliche Kriminalfall geriet regelmäßig zur Nebensache. Beck stritt sich mit seiner Ex-Frau, versetzte etwa drei Mal pro Folge seine Tochter, verliebte sich unglücklich, trank zu viel, ernährte sich ausschließlich von Fast Food und führte nachts melancholische Gespräche mit seinem Wohnungsnachbarn auf dem Balkon, einem irren Albino mit Halskrause. Als wäre das alles noch nicht genug, starb sein Vater unerwartet im Alter von 105 Jahren, und seine Tochter wurde in einen Drogenfall verwickelt. Dabei handelt Beck immer so, wie wir auch handeln würden: zu spät, zu doof, zu unemotional. Deshalb lieben wir ihn. Wir sehen gern in sein überarbeitetes, von permanentem Schlafentzug gealtertes Gesicht, freuen uns über seine von Automatenkaffee und weißem Gummibrot grau gewordene Haut.
Der geistige Ziehsohn der unaussprechlichen Altväter des schwedischen Krimis ist Henning Mankell. Seine Kommissarfigur Kurt Wallander (im TV kongenial verkörpert durch Rolf Lassgård) ist völlig kaputt, was sich in der Programmankündigung von Fernsehzeitschriften so liest: "Wallander ist eine vielschichtige Persönlichkeit mit Stärken und Schwächen." Plumpe Euphemismen für Wallanders Beziehungsprobleme, seinen Autismus, seine Selbstzweifel, seine Figur- und Gesundheitsprobleme und die Tatsache, dass er auch noch ein schlechter Schütze ist und gerne Opern hört. Wallander bewegt sich konform in einer völlig desillusionierten Gesellschaft, die durch den Zusammenbruch des einstigen Wohlfahrtsstaates Schweden zunehmend brutaler wird.
Noch skandinavischer, und damit noch kaputter kam der dänisch-isländische 'Adler' (ZDF) Hallgrim Hallgrimson daher. Er sieht aus wie ein verbitterter Musiklehrer und schleppt in wirren Tagträumen ein dramatisches Kindheitserlebnis mit sich herum. Dann stirbt während des kniffligen Falles um den russischen Bösewicht Sergej auch noch seine Mutter und er kann nicht zur Beerdigung nach Island, weil er einen Herzanfall erlitten hat. Im Nahtoderleben versucht er seine Kindheitsgeschichte aufzuarbeiten, trifft jedoch Sergej, den er kurz zuvor erschossen hat. Das düstere Psychogramm eines Kommissars, der vor lauter Persönlichkeitsproblemen den Kriminalfall nur mithilfe gutwilliger Drehbuchautoren lösen kann. Aber die haben ihm die Suppe schließlich auch eingebrockt.

Der Deutsche holt auf: Her mit dem Handicap!

Auch im deutschen Kriminal hat sich einiges getan: Vorbei die Zeiten von aufgeräumt-nüchternen Beamten wie 'Derrick' oder 'der Alte'. Ermittler mit seelischen Problemen und starken Emotionen müssen her. War Schimanski in den 80er und 90er Jahren als verwahrloster Alkoholiker mit cholerischen Zügen noch die Ausnahme unter den Kommissaren, sind kaputte Typen heute die Regel. Fernsehproduzenten bekommen regelmäßig multiple Orgasmen, wenn sie die Begriffe "gebrochener Charakter" und "Ecken und Kanten" in der Beschreibung der Hauptfigur eines Krimis lesen. So entstanden monströse Kommissare wie Ottfried Fischer ('Der Bulle von Tölz') und Dieter Pfaff ('Der Elefant', 'Sperling und…'), die so fett sind, dass sie sich kaum bewegen können. Das sind jedoch nicht die einzigen Handicaps der beiden: Der Bulle ist asexuell und wohnt deshalb noch bei Mami zuhause, der Sperling ist mal wieder geschieden, hat eine Tochter, und so weiter.
Selbst der traditionsreiche Tatort holt in Sachen Persönlichkeitsstörung seiner Polizeibeamte mächtig auf: Im Kölner Tatort spielt Dietmar Bär den übergewichtigen Freddy Schenk, der mit Macho-Allüren (Cowboystiefel, schnelle Autos, Waffenfetischismus) kokettiert, was auf eine unglücklich verlaufene Pubertät schließen lässt. Er ist zwar verheiratet und hat zwei Kinder, hat zuhause jedoch nichts zu melden - so schlüpft er nach dem Dienst aus den Cowboystiefeln in brave Slipper. Sein Partner Ballauf (Klaus J. Behrendt) ist noch viel schlimmer dran: Unbeweibt und ohne Wohnung lebt der Mann in einem heruntergekommmenen Hotel. Wenn er sich denn mal verliebt, stirbt die Frau stets am Ende der Folge. Beide Kommissare gehen ausschließlich an einer Pommesbude am Rheinufer essen.
Klaus Borowski (Axel Milberg) aus Kiel ist ebenfalls selbst sein schwerster Fall: geschieden, eine Tochter, die bei der Mutter lebt (öfter mal was Neues!), wortkarg. Nach einem Dienstvergehen werden ihm Therapiestunden aufgebrummt, wobei er sich in die Betriebspsychologin Frieda Jung verliebt. Die Reihe gestörter Ermittler ließe sich beliebig fortsetzen.

Der große Phantomschmerz: Ärmchen wechsel dich

Getoppt werden die behinderten Beamten nur noch von 'Polizeiruf'-Kommissar Jürgen Tauber, gespielt von Edgar Selge. Der jagte einst drei Bankräuber über die Dächer Münchens, zwei davon waren böse Jungs, die Dritte im Bunde war die wunderschöne Katja, in die sich Tauber verliebt hatte. Nach hartem Kampf wurde ihm von einem der zweiarmigen Banditen der linke Arm abgehackt. So schreibt 'Das Erste' in seiner Programminfo zum Polizeiruf: "Tauber hat nicht nur seine große Liebe, sondern auch einen Arm verloren. Sein fehlender Arm bleibt für immer das Symbol für seine verlorene Liebe und der Phantomschmerz auch ein Ausdruck seiner seelischen Qualen." Lieber Arm ab als so arm daherpsychologisieren! Lustiger ist aber dieser Satz: "Tauber beschließt trotz des amputierten Arms ein ganzer Mann zu sein und trifft sich heimlich mit Katja." Man stellt sich vor, wie Tauber vor dem Spiegel steht und beschließt, ein ganzer Mann zu sein: "Schließlich heißt es: DER Arm des Gesetzes, und nicht DIE Arme!" Anfang Oktober gab es eine Folge, da war Taubers linker Arm plötzlich wieder da! Dafür fehlte der Rechte. Regisseur Klaus Krämer wollte uns wohl auf den Arm nehmen. Eine fehlende, mitunter wechselnde Extremität wäre ja nicht das Schlimmste, was einem Kommissar passieren könnte, wäre da nicht die spektakuläre Folge von Dominik Graf gewesen, der uns in Taubers psychische Abgründe einführte. Da sieht man ihn einsam auf dem Revier sitzen und kleine Plastikhäuser für eine Modelleisenbahnlandschaft basteln. Auch das wäre noch in Ordnung. Nur: Tauber hat gar keine Modelleisenbahn! Wenige Szenen später entdeckt er jedoch ein neues Hobby - er freut sich beinahe kaputt darüber, dass es im Internet Webcam-Girls gibt, die sich auf Befehl ausziehen. Hauptsache, eine Hand ist noch da.

Der große Kommissar-Test

Testen Sie sich! Haben Sie das Zeug zum TV-Kommissar? Nach alldem, was wir von Fernsehkommissaren wissen, müsste ein Bewerbungsgespräch zur Aufnahme in die kriminalkommissarische Beamtenlaufbahn so ablaufen:

Prüfer (einbeinig, heruntergezogene Mundwinkel, stumpfe Augen): So, Sie möchten also bei uns anfangen. Bei uns spielt auch der private Bereich eine große Rolle. Geschieden?
Bewerber: Jawoll!
P: Sehr gut. Das A und O, sage ich immer. Kinder?
B: Einen Sohn, acht Jahre.
P: Der Arme. Bekommt Sie dann nicht mehr oft zu Gesicht. Schön. Alkoholprobleme?
B: In dem Alter?
P: Witze mögen wir hier nicht, außer zynische.
B (eifrig): Also mit Alkohol hab ich keine Probleme. Solange meine Leber mitmacht!
P: Wie viel Schlaf benötigen Sie?
B: Acht Stunden. Aber ich mag es, wenn ich nur drei schlafen darf.
P: Das wollte ich hören. Was essen Sie in der Mittagspause? Wasser und einen großen gemischten Salat mit einem Körnerbrötchen?
B: Bruahahaha! Am liebsten natürlich CPM – Currywurst, Pommes, Majo. Darf auch mal ’n Burger oder ne alte Bulette sein. Dazu Automatenkaffee und drei, vier Zigaretten.
P: Wie steht es mit ihrem Körper? Hang zur Fettsucht?
B: Leider nein. Aber ich wäre bereit, für meinen Job auf das ein oder andere Köperteil zu verzichten.
P: Lobenswert. Ihr Nuscheln ist auch ganz in Ordnung, das wird sich im Laufe der Jahre hoffentlich noch verstärken. Kindheitstrauma?
B: Keine Ahnung. In der Schule wurde ich manchmal gehänselt wegen meiner Unsportlichkeit.
P (macht sich eine Notiz): Könnte man was draus machen. Was ist ihre Lieblingsmusik?
B: Schüsse aus meiner Dienstpistole. Und Opern.
P: Angenommen, Sie verlieben sich in eine Mörderin, die am Ende der Ermittlungen erschossen wird. Wie reagieren Sie?
B: Ich betrinke mich. Dann mache ich weiter.
P: Gut. Sie kommen in die engere Wahl.

Wenn Sie alle Fragen ähnlich beantwortet haben, hätten Sie das Zeug zum Fernsehkommissar. Oder Sie sollten ein Drehbuch schreiben mit einer Ihnen ähnlichen Hauptfigur. Wie wär’s mit einem drogenabhängigen, dreifach geschiedenem Polizisten im Rollstuhl?

Druckbare Version

Talkshow-Gäste - Frau Scheiße trifft... Sturm der Triebe oder Wege zum Fick...