Trio infernale schwafelo - Die drei Labertiere
Der TV-Talk ist 30 – und scheintot
Johannes B. Kerner, Reinhold Beckmann und Jörg Pilawa - schon beim Aufzählen der Namen durchstreift eine wehe Peristaltik meinen Darm. Die medialisierten Hackfressen, die Sprechen um des Sprechens willen liturgisch zelebrieren und dabei ihre multiple Talker-Persönlichkeit offenbaren, jenen kruden Mix aus Therapeut, Sensationsjournalist, Pfarrer und Sozialarbeiter, sind eben so wenig totzukriegen wie der Talk selbst. Totreden kann man ihn schon gar nicht. Die drei Soft-Talker haben einiges gemein: Sie wechselten allesamt für horrende Summen vom Privatfernsehen zu den Öffentlich-Rechtlichen. Und sie haben eine merkwürdige Metamorphose durchgemacht, eine Verschiebung vom männlichen Prinzip zum weiblichen – vom Sport zum Talk. Die Kommunikationstheorie definiert die Talk-Show wie folgt: “Die optisch-verbalen Präsentationsmuster von Prominenten und weniger Prominenten sollen in einer Kleingruppensituation vor einem realen Publikum, dem das Regiekonzept einen spontanen Aktionsraum bietet, ermittelt werden. Unter der Leitung eines Gesprächsinitiators sollen sie einem ’dispersen’ Publikum informativen Unterhaltungswert bringen.“ So weit, so verschwurbelt. Träumt weiter, liebe Kommunikationstheoretiker, aber weiter vorbei an der Wirklichkeit geht’s nun wirklich nicht. Irgendwann müssen Definitionen halt doch mal überarbeitet werden, wenn Theorie und Praxis so weit auseinander klaffen.
Die Zuschauer haben längst kapiert: 68% von Ihnen wollen laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag der Fernsehwoche, dass die Moderatoren “frecher sind“ und ihre Gäste “richtig in die Mangel nehmen“. Davon kann bei den drei Labertieren keine Rede sein. Dabei hat Geert Müller-Gerbes doch längst erklärt, wie’s funktioniert: “Es gibt nichts Interessanteres als das sprechende Gesicht eines Menschen. Die Kunst des Fragenden ist, heraus zu finden: Wo lügt er? Und ihn dann an die Hand zu nehmen, über das Glatteis zu führen, und ihn an entscheidender Stelle fallen zu lassen, damit er ausrutscht.“ Bislang rutscht nur der Zuschauer aus, auf dem tranigen Sülz, den die Weichtalker absondern. Dabei gibt es Vorbilder wie Talk-Erfinder Dietmar Schönherr, dem 1973 Inge Meysel erzählte, wie sie ihre Unschuld verlor. Oder Nina Hagen, die im österreichischen ’Club 2’ zeigte, wie man als Frau masturbiert. Oder Klaus Kinski, der 1985 Alida Gundlach in der NDR-Talkshow anbaggerte. Romy Schneider, die Burkhard Driest an den Schenkel griff. Fritz Teufels Tinten-Attentat auf einen Politiker. Die randalierende Karin Struck. Der ausfallende Helmut Berger, der den Moderator anfiel. Damals lebte der Talk. Heute ist er scheintot. In der Neuzeit war es nur noch Schlingensiefs ’Talk 2000’, der für ein bisschen Stimmung sorgte. Amelie Fried sah das so: “Ich finde es spannend, dass Sie den Mut haben, sich penetrant widerwärtig und unsympathisch zu verhalten und damit umkehren, was wir alle versuchen: charmant und sensibel rüber zu kommen.“ Schlingensiefs Vorbild in Sachen Penetranz und Widerwärtigkeit könnte Krawattenmann und Krawall-Talker Michel Friedman abgegeben haben: Seine aufgesetzte Forschheit verbunden mit einer unangenehmen Lautstärke, die in 99% der Fälle die Gäste verschreckt, ist eine narzisstische Spielwiese, ein One-Man-Swingerclub, eine verbale Masturbation. Ganz anders die Mutter der Weichspülerfraktion, Alfred Biolek. Die in die ewigen Talkgründe wechselnde und dort vermutlich ihre Memoiren verfassende (’Ein weites Ceranfeld’) Talk-Tucke hat den unverbindlichen Small-Talk erfunden und so konsequent durchgezogen, das er bisweilen sogar Qualität hatte. Denn: Er ließ die Menschen, abgesehen von irritierendem Räuspern und Giggeln, wenigstens ausreden und spielte am perfektesten den verständnisvollen Zuhörer. Dass dabei furchtbar unerträgliche Anbiederungen auf der Talkesordnung standen, versteht sich von selbst.
Sein bester Schüler ist der latent schwule Reinhold. In Sachen falscher Betroffenheit und aufgesetzter Bedächtigkeit führt dieser das Trio ungeschlagen an. Mit pseudo-intellektuellem Habitus und schmieriger Besinnlichkeit lullt er seine Gäste in stumpfsinnige Fragen ein. “Kantig muss es sein, nicht soßig“, plappert der joviale ARD-Oberstreber über seine Art von ’Journalismus’ und produziert dabei nichts als Labersoße, mit der er selbst interessante Zeitgenossen, die sich in seine Sendung verirrt haben, zu einem Talk-Fast-Food degradiert. Legendär schlecht sind seine Gespräche mit Götz Alsmann (“Da hatten wir falsch recherchiert“) und Harald Schmidt; Höhepunkt der Boulevardisierung ist sein Samenraub-Geplapper mit 5-Sekunden-Boris. “Beckmann ist Beckmann“, analysierte deshalb die Süddeutsche auch treffend, denn Beckmann bleibt der Prototyp des angepassten Spießers mit Weihnachtsfeier-Gesicht und windigem Versicherungsvertreter-Getue. Der wohlgeföhnte Schmunzelmann mit der sexuellen Aura einer Eckfahne ist Garant für keimfreies TV-Geblubber. Nach wie vor ist es eines der vielen Rätsel, warum die ARD ihm 46 Millionen Mark für vier Jahre bezahlte und daraufhin frech die Gebühren erhöhte, obwohl ihn nach obiger Umfrage nur 5% der Zuschauer gerne sehen (Harald Schmidt: 29%).
Johannes Kerner, das schlitzohrige Unikum des ZDF, hat – entgegen aller vorherigen Adjektive – Schlitzaugen und Segelohren. Was nicht weiter schlimm wäre, würde er nicht so tun, als betreibe er seriösen Journalismus. Deshalb hat sich beim Wechsel zum ZDF auch ein wichtig machendes ’B’ in den Namen gemogelt, das für ’Bundesliga’, ’Betroffenheit’ oder ’Bettina’ stehen könnte. Seine emphatischen Fußballkommentare (“Halten Sie die Luft an, und vergessen Sie das Atmen nicht!“ - Pokalfinale Bayern-Duisburg) haben ihn so berühmt gemacht, dass er dachte, er könne ein zweiter Harald Schmidt werden. Also flugs eine Late-Night-Show aus dem lahmen ZDF-Bodensatz gestampft, einen pfiffigen Namen kreiert (’Die Johannes B. Kerner Show’), ein Presseheftchen mit leeren Versprechungen vollgeschmiert (“Interessante Ereignisse, kontroverse Meinungen und die Fülle menschlicher Erfahrungen sind hier ebenso gefragt wie Amüsement und Lachsalven“, denn: “Kerner spielt auf der gesamten Klaviatur des modernen Lebens“) und MAZ ab! in die Gülle menschlicher Niederungen. Das quirlige Bübchen, das in der Schule immer gehänselt wurde, nennt seine Mutter “Mutschi“ und wurde von der Süddeutschen so charakterisiert: “Legendär und bislang unwiderlegt ist seine Nettigkeit.“ Nett ist er in der Tat, so nett sogar, dass er manchmal gar nichts sagt, z.B. wenn sich zwei Frauen in seinem Studio anpöbeln, wie Frauenversteherin Alice Schwarzer und Psycho-Wrack Verona Feldbusch. Sein Nichtreden, was man auch ’Schweigen’ im Wittgensteinschen Sinne nennen könnte, ist manchmal tatsächlich besser für die Quote. Da lässt er einen massakerfrischen 13-jährigen Erfurter arglos in die Kamera stammeln, Verona weinkrampfen und hin und wieder, um sein Kaffeekränzchen mit etwas Tiefgang anzufetten, ein Holocaust-Opfer zu Wort kommen: Die reden viel, man kann betroffen gucken und die Quote stimmt.
Auch Kerner hat keinen blassen Schimmer, wie man abseits der Weichspülerei einen guten Talk führt. Will er mal etwas forscher sein, gerät’s schräg: “Dein Vater ist 1988 gestorben, und im Recherchegespräch hast du gesagt, dass es für dich eine wichtige Erfahrung war. Wieso?“ (zu Ulla Kock am Brink). Kein Wunder, dass Roger Willemsen in der Süddeutschen “die Abschaffung des Gespräches innerhalb der Form des Gespräches“ postuliert. Und das liegt sicherlich nicht nur an der Psycho-Performance der Moderatoren, sondern vor allem am armselig emotionalen und kognitiven Spektrum der eingeladenen Prominenten.
Nicht viel besser bestellt ist es um den jung-dynamischen Jörg Pilawa. Er ist sicher der Cleverste des Trios, Reste von Authentizität kleben an seiner medial geformten Persönlichkeit. Außerdem mag er Schlingensief und hasst Jürgen Fliege, den er “für den größten Heuchler unter den Talkern“ hält. Korrekte Ansichten schützen jedoch nicht vor seichter Unterhaltung. Der Oliver-Geissen-Klon ist Gastgeber bei ’Das Quiz mit Jörg Pilawa’, der ’NDR-Talkshow’ und fällt in beiden Formaten vor allem durch Selbstverliebtheit auf. Die einst umjubelten NDR-Talkshow, die mit Charakterköpfen wie Wolfgang Menge und Gerd von Paczensky als Moderatoren “die hohe Kunst des Streitgesprächs“ (Grimme-Laudatio) kultivierte, verkam in den letzten Jahren mehr und mehr zur typischen Dauerwerbesendung für Menschen, die gerade etwas gesungen, gespielt, geschrieben oder gefilmt haben. Da fügt sich Jörg Pilawa nahtlos in die Runde gelangweilter Menschen ein, die sich für nichts und niemand interessieren denn für sich selbst. Das “Null-Medium“ (Enzensberger) verlangt Nullen. Beckmann, Kerner, Pilawa sind würdige Vertreter.