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Aus Jauch Gold machen

The Untouchable ganz privat

Alle lieben ihn. Die Mehrheit der Bürger würde ihn gerne als Bundeskanzler sehen, oder als Schwiegersohn oder zumindest als Konfirmand: Günther Jauch. Man kann ihm auch einfach nicht böse sein. Berühmt ist sein Hundeblick, wenn er gerade etwas angestellt hat (Kandidaten zu sinnlosen Jokern genötigt; Hannawald nach seinem Liebesleben befragt).

Bei Frauen regen sich Muttergefühle, bei Männern Beschützerinstinkte. Und natürlich Bewunderung: Wie hat es dieser ungelenke Hering mit abstehenden Ohren, schlechten Zähnen und dem Charisma einer Laugenstange zum Multimillionär geschafft? Nie lagen Neid und Mitleid so eng beisammen wie bei ihm.

Beruflich gibt Günther Vollgas: Für RTL ist er drei Mal wöchentlich mit »Wer wird Millionär?« auf dem Schirm, ein Mal die Woche macht er »stern tv«, unregelmäßig, aber immer öfter: »Die Grips-Show«, »Der große IQ-Test«, »Der RTL Jahresrückblick«, Weltcup Skispringen, diverse Werbeverträge (SKL, Krombacher, Zementindustrie, usw.). Dafür bekommt er einen guten Preis (ca. 8 Mio. Euro jährlich), heimst Preise ein (Telestar, Bambi Grimme-Preis) und zahlt einen hohen Preis: sein Privatleben.

Potsdam, westlich von Berlin. Morgendlicher Raureif liegt über den ausgetretenen Wiesen vor den Plattenbauten. Sozialdarwinistische Garnitur für das Villenviertel am Heiligensee. Hier wohnten in früheren Zeiten Nazis und Filmgrößen, nach dem Krieg Politfunktionäre, nach der Wende haben die Wessis zugelangt. Ich torkele schlaftrunken über das Katzenkopfpflaster auf das Anwesen der Jauchs zu. An der Klingel steht »Sihler«. Ganz schön pfiffige Tarnung, schließlich wissen nur wenige Eingeweihte wie beispielsweise Klatschpressenleser und Internetbenutzer von Jauchs lockerer »Kiste« mit Thea Sihler.
Wenn er mich rein gelassen hätte, dann wäre der Besuch so abgelaufen: Der Meister öffnet persönlich. Ich stelle mich vor und gebe ihm die Tüte mit den Brötchen, die ich mitbringen sollte. "Kaffee oder Tee?" fragt er lässig, und als ich einen Moment zögere: "Nehmen Sie doch den Fifty-Fifty!" und prustet los. Dann ruft er durch den langen Flur: "Thea, bring doch mal was von dem zweiten Aufguss!" Der kecke Schlacks zeigt mir einige der unteren 20 Räume, allesamt spartanisch mit Raufaser tapeziert und von einem schwedischen Möbelhaus eingerichtet.
"Vorher waren hier goldene Wasserhähne und so’n Quatsch. Das Haus hatte ja dem Schalck-Golodkowski gehört."
Die Wasserhähne hat er rausgerissen und verkauft. Die Villa war ein Schnäppchen (1 Mio. Euro). Er mag Potsdam, auch wenn es hier unangenehm Unterprivilegierte gibt: "Die meisten wohnen ja inner »Platte«, wie man hier sagt. Sind halt arme Schweine, die brav »Wer wird Millionär?« gucken, hahaha! Hab mich ein bisschen eingeschleimt und mal eben sieben Mio für so 'ne Burgruine gespendet."

Günther Jauch wurde vor knapp 47 Jahren in Münster/Westfalen im Sternzeichen des Taschenkrebses geboren. Nach wenigen Jahren zog die Familie nach Berlin um. Hier machte er sein Abitur und sammelte erste Moderationserfahrungen bei RIAS. 1976 übersiedelte er nach München und ging auf die Journalistenschule. Sein Vater, ebenfalls Journalist, wollte das so: "Einer muss den Laden ja übernehmen."
Damit meinte er wohl den Bayerischen Rundfunk, bei welchem Günther bald jede Sendung - im Wechsel mit Thomas Gottschalk - moderierte. 1
994 wurde Jauch von Stefan Aust kurzfristig in »Kujauch« umgetauft, weil er bei »stern tv« gefälschte Beiträge über halluzinogene Krötensekrete und den pfälzischen Ku-Klux-Klan sendete und nichts gemerkt haben wollte.
Mit herzhaftem Appetit beißt der schlanke Charmeur in ein Mortadella-Brötchen. Von dem Geräusch angelockt, huschen zwei kleine mongolische Mädchen in den »kleinen Salon«. Mit großen schmalen Augen fixieren sie ihren adoptierten Papa und sagen "Hunger!" Mit gönnerhafter Miene bricht der Gutmensch Jauch ein Camembert-Brötchen auseinander und reicht es ihnen: "Teilen ist wichtig. Sollt auch nicht Leben wie die Schlittenhunde. Und Camembert mag ich eh nicht. Aber nicht krümeln! Sonst geht’s zurück in die Taiga, ihr kleinen Schlitzaugen!"
Nachdenklich nimmt Günther einen Schluck Blümchenkaffee: "Wissen Sie, dieses Jahr müssen wir den Gürtel enger schnallen. Die SKL-Show wurde ja eingestellt. Sie wird zwar durch ein neues Format ersetzt werden, aber das kann dauern. Und die Champions-League musste ich auch abgeben, überschnitt sich dauernd mit Werbeauftritten und den anderen Sendungen. Dennoch hoffe ich, Umsatz und Gewinn dieses Jahr steigern zu können."

Das wird auch nötig sein, um nicht unter das Existenzminimum zu rutschen: Gerade einmal vorsichtig geschätzte 7-8 Millionen Euro Jahressalär sind zum Sterben zu viel und zum Leben, na ja, wenn man Zeit für so was hätte.
Ich frage lächelnd: "Sie haben doch gewiss eine Haushaltshilfe, einen Nachhilfelehrer und eine Putzfrau?"
Jauch wird aschfahl im Gesicht: "Sind sie wahnsinnig! Das kostet doch ein Heidengeld! Setzen sie der Thea bloß nicht solche Flausen in den Kopf!"
Wie auf ein Stichwort kommt Thea mit meinem Kaffee herein. Abgezehrt sieht die Diplom-Psychologin aus, etwas wirr stehen ihre grauen Haare vom Kopf ab.
"Coole Frisur", sage ich höflich, doch Thea winkt resigniert ab: "Selber geschnitten. Die Friseure verlangen ja ein Geld heutzutage."
Günther drückt ihr noch 20 Euro in die Hand, für die letzte Therapiestunde. Sie behandelt seinen Vaterkomplex und eine reziproke Verlustangst: Jauch hat Angst, nie eine richtige Jugend gehabt zu haben, so mit Feten, Knutschen, Drogen, Baggersee, Demos, nackt über Felder rennen, an Unsinn glauben, InterRail, Eltern hassen, Autos schrauben usw.
"Ich hab immer nur gearbeitet", sagt Jauch müde, "aber kann ich mir von meinen Millionen die Jugend zurück kaufen?"
Da gibt’s nur eine Antwort: Ein Preuße hat nie eine Jugend. Bitte einloggen.

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Von Heiligen und Huren Affen und Tauben