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Von Heiligen und Huren

Der kurze Weg vom Boulevard in die Gosse

Wer sieht sie nicht gerne, diese bunte Mischung aus Verbrechen und nackter Haut, aus Prominentenklatsch und verrückten Geschichten, die das Leben schreibt bzw. ein phantasievoller Redakteur eines privaten TV-Senders.
In Zeiten drohender Rezession, Steuererhöhungen und knappen Kassen hat das Schillernde seit jeher Zulauf: In der Wirtschaftsdepression der 20er und 30er Jahre waren es die Kinos und die Amüsierbetriebe; heuer jagen Heftchen wie Bunte und Gala von einem Auflagenrekord zum nächsten, und trotz anhaltender Senderzersplitterung und damit einhergehender Quotenaufteilung haben Boulevardmagazine im Fernsehen eine treue Fangemeinde, die sich aus finanziell frustriertem Proletariat und geistig frustrierten Akademikern zusammensetzt.
"Das ist noch nicht bauchig genug!" Chefredakteur Hilmer Rolff windet sich unter kreativen Krämpfen auf dem breiten Ledersessel des Schnittstudios von RTL. In dem frisch inszenierten Stück geht es um tückische Asylbewerber, die Hatz auf deutsche Hunde machen, um sie genussvoll zu verspeisen.
"Wir machen doch hier keine seriöse Bednarz-Scheiße", knarzt das TV-Urgestein, "stellt noch ein paar Szenen mit wackliger Kamera nach, am besten weinende Kinder, orientierungslose alte Blinde und irgendwas mit Michelle und Homosexuellen. Es muss brisant sein, irgendwie explosiv und einschlagen wie der Blitz!"
Damit hatte Rolff gleich drei Formate erfunden, entschied sich jedoch bescheiden für Explosiv und hastete weiter zum »Casting«, wie er die gemütlichen Kennenlern-Treffen mit hoffnungsvollen Nachwuchsmoderatorinnen in der Sendersauna nannte.
Barbara Eligmann erwies sich am Gefügigsten und moderierte acht Jahre lang die Mutter der Boulevardmagazine. Etwas später wurden weitere RTL-Magazine aus der Taufe gehoben: Exclusiv mit Frauke Ludowig, Extra mit Birgit Schrowange und nach einiger Zeit noch Life - die Lust zu leben sowie Life - total verrückt. Die anderen Sender zogen nach; die ARD schnitzte sich Brisant aus den öffentlich-rechtlichen Rippen, SAT.1 installierte blitz, ProSieben taff. und das ZDF leute heute.
Die demokratische Vielfalt der Sender und Formate mündete schnell in einem Einheitsbrei aus Mord, Party, Titten und Promi-Klatsch mit den immer gleich codierten Bildelementen: weinende Menschen mit verschluchzten O-Tönen, nachgestellte Wackelszenen für den authentischen Reportage-Charakter, große Hunde- oder Kinderaugen, nackte Haut, Jürgen Drews. Fakten und Fakes liegen naturgemäß eng beieinander auf dem Boulevard der unbegrenzten Zotigkeiten, denn: Gute Recherche ist teuer, und alles was teuer ist, läuft dem knapp kalkulierenden Produktionsleiter gegen den Strich. Auf denselben werden deshalb die Redakteure geschickt, um die noch größere Sensation, das noch voyeuristischere Bild, den noch absurderen Tod auf die Mattscheibe zu hieven. Da kommt man schon mal auf dumme Gedanken, wie die Koblenzer Dumpfbacke Michael Born, der stern-tv lustig erfundene Geschichten verkaufte, die allesamt Knaller waren: Ob satanistische Rituale mit Katzenopfern, Bombenbasteln mit der PKK im Asylbewerberheim, Höhlenfeste des Ku-Klux-Klan im Hunsrück oder exzessive Rauschzustände durch Ablecken von Krötensekreten am lebenden Lurch - allesamt hanebüchen mit Laiendarstellern zusammengeschusterte Kurzfilme, welche die RTL-Redaktion und Günther Jauch kurzfristig überzeugten und Born immerhin den Wahrheitspreis für mediale Wirklichkeitskonstruktion sowie vier Jahre Knast einbrachten. Letztendlich sind es die Zuschauer, die für die Fakes und den Aufstieg des Boulevards im Fernsehen verantwortlich sind, ihr defizitärer Bildungsstand verlangt nach einfach erzählten Geschichten, die aus dem Leben gegriffen sind, denn "schön ist es, auf der Welt zu sein" (Gotthilf Fischer) und "schön ist es, Anderer Not zu schauen" (Lucretius). Die größte Not ist sicher der Tod, deshalb befassen sich rund 40 Prozent der Beiträge im Regenbogenfernsehen mit Tötungsdelikten, obwohl diese bundesweit mit nur 0,1 Prozent in der Kriminalitätsstatistik vertreten sind.
Es ist jedoch auch der Hunger nach Schicksal und den Grundfragen des Lebens, nach Herz und Schmerz, nach Phantasien und Gefühlen, welche die Menschen vor die Bildschirme treibt. Sie möchten mit populären Mythen bedient werden: Das sind immer noch der Ödipus-Konflikt, der Brudermord, der Märtyrertod, die Heilige und die Hure, die Suche nach dem Gral und die Selbstfindung durch Verwandlung. Kein Wunder also, dass der Informationsgehalt von Boulevardmagazinen - ganz im Sinne von Enzensbergers Definition des »Nullmediums« Fernsehen - gegen Null geht, auch wenn die dümmliche Genre-Verherrlichung »Infotainment« in aller Munde ist. Bringt es mich irgendwie weiter, zu wissen, dass eine Eifeler Bäuerin Botschaften von der Mutter Gottes empfängt ("Jesus liebt euch!"), dass sich Nachbarn über einen genitalentblößten Gartenzwerg aufregen oder in Tennessee ein Brötchen gefunden wurde, das die Gesichtszüge von Mutter Theresa trägt - was Brisant 1997 aufdeckte?

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