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Viele Fernsehköche verderben den Programmbrei

Viele Fernsehköche verderben den Programmbrei - Von coolen Cookern und heißen Greisen

Es war reiner Zufall wie so vieles im Leben: Da zappe ich gerade die neu gewonnenen Programme meiner eben installierten Satellitenanlage durch, als ich bei ProSieben erschrocken innehalte: Da steht ein blasser, glatzköpfiger Pseudo-DJ in Szene-Kasper-Verkleidung (Ramses-Bärtchen, Ohrring) nicht an Platten- sondern Speisetellern, raspelt an einem "Bounty"-Riegel herum und plappert in unglaublichem Nasal sinnfreie Sätze zu seinem extrem zickigen Gast Tina Ruhland ("Ich mache nur das, was du mir sagst."). Die beiden stehen in einem Fabrikloft, das in den 80ern hip war, und komplett mit crazy Fun-Möbeln aus tierisch jungen Einrichtungshäusern ausgestattet ist, inklusive aller Pseudo-Stilbrüche, die in den 90ern angesagt waren (Bosch-Kühlschränke im 50er-Look, Plastikkaktus, Fotolampe). Die Vision wollte auch nach dem Feintuning der Schüssel nicht verschwinden, und ein Blick ins Programmheftchen bestätigte, dass es sich um eine ausgewachsene Kochsendung handelte: "Zacherl - einfach kochen". Und da fiel es mir wie Schuppen vom getrüffelten Hecht in Artischockensud: Das muss der Antikoch sein, das Gegenmodell zu den herkömmlichen Kochsendungen, die trotz ordentlicher Quote einen faden Nachgeschmack haben: Sie sind öde, langatmig und spießig: "Lafers Culinarium", Biolecks "Alfredissimo", das "ARD-Buffet", "Servicezeit Essen & Trinken" - überall wird in schicken Küchen mit WMF-Gerätschaften gebrutzelt, die sich kein normaler Haushalt leisten kann.

Am Versuch, eine junge Kochsendung zu etablieren, ist bereits VIVA mit "Das jüngste Gericht" kläglich gescheitert. Tobias Schlegls Auftritt als Koch, sowie als menschliches Wesen, sind derart unglaubwürdig, dass die ganze Sendung zu allerschlimmstem TV-Junk-Food gerät. Schlegl ist substanzlos und unerträglich langweilig, wenn er sich mit hysterischer, weil sich ihrer eigenen Lächerlichkeit bewusst werdender Stimme durch die Sendung kaspert, die so spannend wie vom Löffel abreißender Teig ist, so dass VIVA sie immer wieder mit Musikclips unterbricht. Was lag für die ProSieben-Programmchefs näher, als ein bekifftes Ziegenbärtchen mit schlechten Zähnen (Street-Cred) an die groovy cooking-tools zu stellen, das den Speck anhottet und das junge Gemüse ganz schön heiß macht? Doch bei Zacherl, der ja ein guter Koch ist und in seiner Berliner Weinbar "Rutz" schon einen Stern bekommen hat, offenbart sich das Dilemma aller Kochsendungen: Gelernte Köche sind nun mal keine Entertainer, und gelernte Entertainer sind keine Köche. Da hilft es auch nichts, wenn Zacherl dem englischen Starkoch Jamie Oliver in den Kochtopf guckt und auf unkonventionell macht ("Aus Scheiße kann ich Pralinen machen"), indem er Spargel in der Pfanne kocht oder einen Döner mit Fischstäbchen produziert ("schweinelecker"). Denn Oliver ist mit seiner BBC-Show "The Naked Chef" (unsäglich synchronisiert auf RTL 2 mit dem kryptischen Titel "Oliver’s Twist") einfach nicht zu toppen. Oliver sieht zwar immer aus wie ungewaschen aus dem Bett gezogen, aber schon wenn er sich auf seine Vespa setzt, um die Einkäufe zu erledigen, macht es Spaß, im zuzusehen. Er geht natürlich nicht zu Lidl oder Aldi wie unsereiner, sondern in kleine Fischgeschäfte, wo der Besitzer ihm jeden Fisch einzeln vorstellt.

Der Boom der Kochsendungen hat einen einfachen Grund, auch wenn der "Spiegel" mal wieder tiefgründige, soziokulturelle Komponenten rauskramt und wie immer alles mit Cocooning (Kuscheln und Kochen) begründet: Kochsendungen sind billig herzustellen. Zwei-Sterne-Schnauz Lafer hat das gleich erkannt und in seiner Privatwohnung ein Fernsehstudioküche eingerichtet, an welches die Ü-Wagen der Sender nur andocken müssen und schon kann’s losgehen. Von 60 TV-Stunden im Jahre 1996 steigerte Lafer seinen medialen Output auf 170 Stunden im letzten Jahr. Der Steiermärker Lafer ist überhaupt der Merchandising-Star unter den TV-Köchen, da wird sogar Biolek mit seinen 100 Kochbüchern blass: Es gibt Lafer-Töpfe, Lafer-Mixstäbe, Lafer-Topflappen, Lafer-Olivenöl, sogar Lafer-Vanillezucker. Aber nicht nur bei den Programmchefs und der Industrie sind die Kochsendungen so beliebt, auch das Publikum mag sie. Das dürfte weniger am Cocooning liegen als vielmehr am demokratischen Faktor des Kochens: Schließlich muss jeder täglich Speisen zu sich nehmen, und fast jeder kocht einmal. Da ist der Konsens einfach groß.

Auf dem vor sich hin dämmernden Südwestrundfunk stieß ich schließlich auf ein wahres Kochjuwel. Beim ersten Begutachten von "Was die Großmutter noch wusste" dachte ich zunächst an einen Fehler meiner Satellitenanlage: Da wird ein Programm in Slow Motion ausgestrahlt! Doch die beiden Kochgreise Kathrin Rüegg und Werner O. Feißt bewegen sich seit zwanzig Jahren im Zeitlupentempo durch die gemütliche Studiokulisse, Feißt parliert in angenehm alemannischem Idiom, bei der Schweizerin Rüegg ist die sprachliche Trägheit genetisch bedingt. Ich habe die beiden sofort in mein Herz geschlossen: Rührend – im wahrsten Sinne des Wortes – umständlich präsentieren die beiden Senderfossilien Rezepte, Tipps und Kniffe aus vergangenen Tagen. Sie sind Köche aus einer anderen Zeit, die selbige liebevoll konservieren ohne auf Konserven zurückzugreifen. Im Herbst wird der Generationenkonflikt auch in Sachen Kochen neu angeheizt: Für "Die Super-Köche" auf SuperRTL ist die Zielgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen anvisiert. Wenn das mal nicht in die Cargohose geht, wo man doch weiß, dass sich die Jugend nur in Pommes- und Burger-Buden ernährt, eine Lauchzwiebel nicht von Mangold unterscheiden kann und das Grüne hinter den Ohren eventuell für Petersilie hält.

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Der Bäcker war der Mörder ABC-Promis auf dem Prüfstand