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ARD, 22.30 Uhr. Tagesthemen. Ein grauer alter Mann mit beachtlichem Gesichtserker sitzt verschlafen im Studioblau und nuschelt vor sich hin, verspricht sich, fummelt an seiner Hornbrille, verspricht sich wieder, hängt fest, rudert sich über den Teleprompter wieder frei. Man sieht das alles und denkt: "Armer Mann. Zum Glück hat er ein warmes Plätzchen. Der Typ ist aber ganz schön angewickert." In der Tat, handelt es sich bei diesem Mann doch um Ulrich Wickert, von seinen Freunden und Kollegen auch 'Wicki' oder 'Uli Rouge' genannt. Der 'Godfather of Supernasen' leidet unter chronischer Laberitis, die sich in zuweilen amüsanten Statements offenbart, wie beispielsweise dem Vergleich zwischen Bush und Bin Laden; aber auch in unglaublich moralinsauren Schinken wie "Zeit zu Trinken. Den Weinen einen Wert geben". Man denkt weiter: "Warum ist der Mann nicht in Paris geblieben?" Die Antwort ist ganz einfach: Weil der Mann zum Personal der ARD gehört. Und bei gebührenfinanzierten Sendern ist es nun mal üblich, dass man von Posten zu Posten geschoben wird, ob man will oder nicht. Von Hamburg nach Washington nach Südafrika nach Moskau nach Paris und wieder zurück. Karrieren in der ARD und dem ZDF funktionieren nach immer gleichen Muster, Beispiel Thomas Bellut: Volontär auf dem Lerchenberg, Redakteur, Korrespondent, Redaktionsleiter und nun Programmdirex des ZDF. Hinter ihm bricht das übliche Geschiebe und Gedränge auf dem Karussell aus, einer wechselt auf den vakanten Platz, so dass sein Posten frei wird, der wiederum besetzt werden will usw. Bei diesem Personalkarussell nach dem Jerusalem-Prinzip wird einem schon mal schwindelig. Soll es auch, denn das System basiert auf Schwindel.

Die Krise der Öffentlich-Rechtlichen ist hausgemacht. Neben Verschwendung von Geldern des kleinen Mannes, Parteiproporz und Vetternwirtschaft ist vor allem das Personalmanagement verantwortlich für den Niedergang von ARD und ZDF. Die Mitarbeiter dieser Sendeanstalten werden wie im öffentlichen Dienst nach Lebensalter, Hierarchiestufe und Dauer der Betriebszugehörigkeit bezahlt. Leistung wird nicht berücksichtigt. Der Mitarbeiter fällt entweder in die öffentlich-rechtliche Trance oder steigt aus. Wie Jürgen von der Lippe, der von der ARD zu SAT.1 wechselte: "Ich hatte keine Lust, von der Entwicklung einer Idee, wenn ich sie denn überhaupt durchkriege, bis zum Sendestart anderthalb Jahre zu warten." Er macht dafür die "Beamtenmentalität" im Sender verantwortlich, verbunden mit der typisch öffentlich-rechtlichen Doppelmoral: "Die ARD behandelt Unterhaltung qua System wie die uneheliche Tochter, die auf den Strich geschickt wird, damit der Sohn Theologie studieren kann." Will sagen: Die ARD rückt immer weiter von ihrem Programmauftrag ab und schielt aufgrund der Werbepreise auf die Quote wie die Privaten. "Solche Strukturen führen zu komplizierten Entscheidungsprozessen, die die Schnelligkeit und das Reaktionsvermögen der Anstalten verlangsamen. Insgesamt handelt es sich um veränderungsresistente Strukturen, die die typischen Dysfunktionalitäten von Bürokratien aufweisen." (Simon Stöpfgeshoff; Institut für Rundfunkökonomie).

Im Jahre 1991 fand ich mich zu einem halbjährigen Praktikum im WDR ein. Der Adresse des WDR, Appellhofplatz 1, maß ich zunächst wenig Bedeutung bei, aber jeder, der in der NVA, Bundeswehr oder Wehrmacht gedient hat, wird wissen, wie es auf einem Appellhofplatz und in den umliegenden Kasernen zugeht. Ich wurde in die Kompanie 'Filmaufnahme' gesteckt; eine Unterabteilung der Hauptabteilung 'EB' (Elektronische Berichterstattung), die wiederum in die Produktionsdirektion eingegliedert ist. Nach dem Morgenappell bei meinem Ausbildungsleiter begab ich mich zur ZD (Zentraldisposition), eine Art Kommandostelle, wo die Einsatzpläne der ca. 60 Kamerateams aushängen. Über die ZD fordert der Redakteur ein Team an. Die Tagesdisposition ist ein Formular, das in mehrfacher Ausführung gefertigt werden muss, damit es dem Kameramann, dem Tonmann, dem Praktikanten, der ZD, der Buchhaltung und der Klofrau vorliegt. Mein erster Dreh war ein Beitrag für die Lokalnachrichten, mit dem Titel: "Obsternte in der Region"; in der Spalte Inhalt stand der Zusatz: "Überblick über die mickrige Obsternte in der Region mit Aspekten der Witterung auf Buschbohnen und Zuckerrüben". Das nun folgende Schauspiel an der Laderampe, wo das Equipment in das Produktionsfahrzeug geladen wird, wiederholte sich nun tagtäglich: Ein hibbeliger Redakteur, Typ Crazy-Quereinsteiger-Akademiker, stürzt auf das Kamerateam, plappert fröhlich auf die beiden komplett desinteressierten Menschen Mitte 50 ein, die dann mit Blick auf die Uhr sagen: "Das könnten wir doch eben im 'Cremer' durchsprechen." Jenes Café liegt in unmittelbarer Nähe zum Filmhaus, und dort wurde erst einmal Tee mit Rum geordert, um das Händezittern zu unterdrücken. Der Redakteur drängelt höflich, das Team gibt sich gemäß Sender-CI veränderungsresistent. Nach einem ausgiebigen Zweitfrühstück geht die Fahrt los, am Drehort baut der Assistent die Kamera auf, steckt die 30fach überspielte Kassette in dieselbe, der Kameramann schaut kurz in den Sucher und sagt: "Abdrücken." Jetzt hat der ambitionierte Jungredakteur noch irgendwie total tolle und kreative Ideen, die an der von Dienstjahren verkrusteten Arbeitsauffassung des Senderpersonals abprallen wie fröhliche Vöglein an der Glasfassade des WDR-'Vierscheiben'-Hauses.
Natürlich würde ein Lotterteam diesen Schlages nicht eine Woche auf dem freien Markt überleben.

Viele gebührenunwillige Zuschauer vergessen aber, dass auch diese Menschen eine Aufgabe brauchen, ein Zuhause, eine Auffangstelle. Spenden Sie an die GEZ und geben Sie diesen Menschen eine Chance! Stichwort 'Bild für die Welt'. Danke.

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