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Der Sinn des Mathematikunterrichts

Im Zug. Die ältere Frau neben mir strickt an einem großen Wollpullover. Der Mann im Anzug am Tisch mir gegenüber blättert angespannt in irgendwelchen Unterlagen und nippt an seinem Kaffee. Der Junge neben ihm rechnet hektisch an einer Gleichung rum. ƒ(x) = 3y und so weiter. Zeugs. Kurvendiskussion. Algebra. Interessant. Ich hab nix recht zu tun, also frage ich: »Kann ich dir helfen?«
Er blickt erstaunt auf, mustert mich, lächelt dann: »Nix für ungut, nett gemeint, aber das hier ist Mathematik.«
Sehe ich aus wie jemand, der von Mathematik keine Ahnung hat?
»Hör mal Junge, ich will dir mal was sagen: Die Summe der Kathetenquadrate ist gleich dem Quadrat über der Hypothenuse, hm.«
Keine Reaktion. Nur der Zug scheint von meinem mathematischen Halbwissen überrascht. Zumindest ruckelt er einmal kurz hin und her. Der Anzugmann stößt einen Schrei aus: »Aah!« Auf seinem weißen Hemd erscheint ein Kaffeefleck.
»Oh nein, ich muss gleich zu einem Vorstellungsgespräch in Frankfurt.«
Die ältere Frau tröstet: »Wenn Sie’s direkt auswaschen, geht der bestimmt noch raus.«
Der Anzug stürzt auf Toilette. Bin skeptisch. Der Junge rechnet mittlerweile noch verzweifelter.
»Das ist doch völlig sinnlos, was ich hier mache. Das brauch ich doch in meinem späteren Leben nie wieder.«
Ich sage: »Junger Mann, so was kann man nie wissen. Als in den 20er Jahren in Berlin am Potsdamer Platz die erste Verkehrsampel Europas aufgestellt wurde, da sagten die Menschen auch, das ist doch sinnlos, das braucht doch keiner, überteuert und hässlich ist das. Und sie hatten gute Argumente. Zum einen musste rund um die Uhr ein Schutzmann neben der Ampel stehen, um zu überwachen, ob sie funktioniert. Außerdem musste er noch ständig mit Handzeichen und lautem Schreien den Passanten erklären, was die Ampel gerade anzeigt. Und das Schlimmste: Da die Ampel natürlich eine ziemliche Sehenswürdigkeit war, strömten jeden Tag Unmassen von Menschen dorthin, weshalb ausgerechnet an der ersten Ampelkreuzung Europas Tag für Tag der Verkehr regelmäßig völlig zusammenbrach. Ja, die erste Ampel hatte keinen guten Start. Aber heute, hm.«
Der Schüler schaut mich nicht ohne Bewunderung an. »Und Sie waren damals beim Aufstellen dieser ersten Ampel noch selbst mit dabei?«
Erneut erschrickt sich der Zug und schlägt diesmal noch heftiger fünf-, sechsmal hin und her. Aus der Zugtoilette kommen laute Schreie.

Der Strickpullover der älteren Frau ist praktisch fertig. Sie kettelt gerade die Bündchen der Ärmel ab. Am Wochenende wird sie ihn beim Kirchenbasar in Bebra zum Verkauf anbieten. Der Erlös geht ans nahegelegene Flüchtlingsheim. Aber niemand wird den Pullover kaufen, weil sie zu 80% Polyamidacrylfasern verwandt hat. Wie jedesmal. Gegen Ende wird der Dorfpfarrer einen Strohmann beauftragen, den Pullover für ihn zu kaufen, wie jedesmal, damit die Frau nicht enttäuscht ist und auch, weil der Pullover sonst direkt ans Flüchtlingsheim gehen würde und der Pfarrer findet, dass es die Flüchtlinge erstmal in Deutschland schon schwer genug haben. Mittlerweile liegen in seinem Schrank weit über zwanzig von diesen Pullovern, die er aber nie trägt, weil er Polyamidacrylfasern nicht mag und auch nicht, weil die Frau sonst sehen würde, dass er all die Jahre über immer ihre Pullover gekauft hat.
Der Anzug kommt von der Toilette zurück. In der Hand das tropfnasse Hemd. Aber auch Jackett und Hose sind deutlich sichtbar mehr als feucht. Er ist völlig aufgelöst.
»Um Gottes Willen, was wird jetzt aus meinem Vorstellungsgespräch?«
Die Pulloverfrau raunt verschwörerisch: »Wenn Sie zu nervös sind, stellen Sie sich einfach vor, der Personalchef wäre nackt. Das hilft.«
Was für ein Rat. Im Moment sieht’s eher so aus, als wenn der Bewerber nackt erscheinen wird. Und außerdem, wenn es etwas gibt, was mich bei einem Vorstellungsgespräch nervös machen würde, wäre das, wenn mich ein Personalchef nackt empfängt.
Der Mann reißt das Fenster auf und hält sein Hemd raus, damit es im Fahrtwind schneller trocknet. Mir wird kalt. Gehe ein Abteil nach vorne, um dort zu rauchen. Habe gerade die Zigarette angesteckt, als den Raucher neben mir ein furchtbarer Hustenanfall überkommt. Er röchelt, prustet, bellt, gurgelt, ist dem Ersticken nahe. In letzter Sekunde hechtet er ans Fenster, reißt es auf und spuckt raus. Aus dem Abteil hinter uns hören wir wieder einen lauten Schrei.
Mir ist die Lust auf die Zigarette vergangen, mache sie aus und gehe zurück. Sehe wie der Anzug hektisch und unter Tränen versucht, mit seinem Hemd die Kaffeelachen von seinen Unterlagen und den Berechnungen des Schülers zu wischen. Offensichtlich wollte er im Reflex der Spucke ausweichen, ist dabei gegen den Tisch gestoßen und hat so seinen noch halbvollen Kaffeebecher endgültig umgestürzt.
Tragischerweise war auch sein Ausweichversuch nicht wirklich erfolgreich, wie man an der gelben Masse in seinem Haar zweifelsfrei erkennen kann. Beschließe, ihn lieber nicht darauf anzusprechen. In seiner Not kauft er der Frau den Strickpullover ab und macht damit zumindest einen Dorfpfarrer in Bebra zu einem glücklichen Mann.

Epilog:

Noch lange nach dieser Fahrt musste ich immer wieder an des Schülers Klage denken, dass der Algebraunterricht für sein späteres Leben völlig sinnlos sei. Ich glaube er irrt sich. Auch ich empfand damals speziell diese Kurvendiskussionen als völlig sinnlose Tierchenquälerei. Dass das Lesen von Büchern im Deutschunterricht oder erst recht Fremdsprachen fürs spätere Leben noch irgendwo sinnvoll sein könnten, war ja noch einzusehen. Aber dies Algebrazeugs. Warum?
Tatsächlich hab ich’s bis heute nie wieder gebraucht. Und dennoch: Es musste gemacht werden, weil: Nach mittlerweile über 15 Jahren Leben nach der Schule ist es ganz erstaunlich, wie viel sinnloses Zeug ich bei diesem Rumgelebe gemacht habe, auch machen musste. Lauter sinnloses Zeug, an dem ich fast verzweifelt, ja zugrunde gegangen wäre.
Wenn mich da die Schule und insbesondere Kurvendiskussionen nicht so perfekt auf die Anforderungen des späteren Lebens vorbereitet hätten, nämlich: sinnloses Zeug zu machen, das zu akzeptieren und durchzustehen. Wer weiß, was aus mir geworden wäre?

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Gestatten, Schulze Monika