Die dämlichste Wette des Jahrhunderts
Die meisten Menschen sind, wenn ihnen langweilig ist, am liebsten alleine. Bov ist da anders. »Langeweile«, sagt er gern, »Langeweile ist im Verein erst schön«.
Deshalb wunderte ich mich auch kaum, als er mich irgendwann im November ansprach: »Was is Horst, wollen wir uns 'n bißchen da an den Tisch setzen und uns gemeinsam langweilen?«
Männer können gut zusammen sitzen und sich ausdauernd langweilen, stundenlang, ohne, daß es ihnen langweilig wird. Frauen können das nicht so gut. Weil sie nicht gerne in einem Paradoxon leben. Deshalb sind kluge Männer, so wie ich, in der Gegenwart von Frauen auch nie langweilig. Absichtlich. Als ich kürzlich einer Frau diese Theorie erläuterte, sagte sie: »Jaja, Langweilen ist Männersache.« Frauen können in ihrem Witz manchmal ziemlich verletzend sein.
Als Robert und Han,,für fünf Tage nich rauchen?«
»5 Tage?!? Ohne mich!« schrie Hans.
»Ich bin verheiratet!« brüllte Robert, der offensichtlich gerade unter einer leichten Argumentationsschwäche litt.
»Ich könnte das«, sagte ich mehr aus Versehen, weil ich immer noch darüber nachdachte, was nach 12137 kam. Schon hing ich drin.
Sofort war die Wette beschlossen, es ging nur noch um den Wetteinsatz.
»Das muß was sein, was richtig weh tut!« dröhnte Hans mit dem Augenaufschlag eines psychopathischen Folterknechts.
»Wer von euch beiden als erstes schwach wird, muß sich an Silvester… – Glatze schneiden!«
Vorsichtshalber fragte ich noch einmal, ob das nicht etwas pubertär wäre?
»Nööö. Wir sind doch Männer!«
Das war nu auch wieder richtig. Ich willigte ein. Da jedoch kam Getöse von den Nachbartischen.
»Wie, Horst? Glatze schneiden. Was denn da noch schneiden? Für dich is das doch überhaupt kein Wetteinsatz, da kannste auch gleich 50 Pfennig setzen.«
Wie meinten die das? Nachbartische können in ihrem Witz manchmal ziemlich verletzend sein.
»Na hör mal, 50 Pfennig? Mehr sind meine Haare nich mehr wert?«
»Naja, gewaschen vielleicht ne Mark, außerdem, wer garantiert uns denn, daß bis Januar das bißchen Rest nich eh von allein ausgefallen ist. Nee, nee, der Bart muß ab.«
Ich sträubte mich, sagte: »Weiß nich, ob das gut aussieht!«
Da mischte sich auch noch der Brezelverkäufer ein. »Höhö, na und, was hast du denn schon zu verliern!« Brezelverkäufer können in ihrem Witz…
Bov holte plötzlich ein Foto raus, wo ich mit ohne Bart drauf bin.
»Oh, guck mal, zehn Jahre jünger siehste da aus!«
Das stimmte tatsächlich, andrerseits war das Foto aber auch zehn Jahre alt.
Ich akzeptierte schließlich, weil ja auch gar keine Gefahr bestand, daß ich diese lächerliche Wette verlieren könnte. Außerdem wurde noch die Kiffregel beschlossen, die uns in den fünf Tagen immerhin das Kiffen erlaubte.
1. Tag: Am Morgen nach dem Aufstehen eine Viertelstunde still in der Küche gesessen und leise geweint. Dann Atemübungen am Schornsteinloch. Danach sechs Stunden lang mein Zimmer aufgeräumt. Wenn man mal alle Sachen vom Boden aufhebt, wirkt das Zimmer tatsächlich gleich einen guten Meter höher. Auch Papierkörbe ausgeleert, dabei wie zufällig mit dem Kopf in Müllbeutel gefallen und an kalter Zigarettenasche geschnuppert. Ziemliche Glücksgefühle gehabt. Später sogar gesaugt. Mit dem Staubsauger das Zimmer. Soso, der Teppich ist also auch von Natur aus schwarz.
Abends mit Bov in der Kneipe. War gar nich schlimm. Kiffregel macht alles etwas leichter, man nimmts nich so schwer.
2. Tag: Am Morgen Viertelstunde leise geweint. Dann sechs Stunden mein Zimmer aufgeräumt. Rufe Bov an. Er fragt, ob ich vom Bahnhof anrufe, weil es so seltsam hallt. Frage mich plötzlich, wo die ganzen Sachen, die ich gestern aufgeräumt habe, eigentlich hingekommen sind. Bov fragt mich, ob ich Lust hätte spazieren zu gehen, vielleicht am Stau entlang. Klingt verlockend, lehne aber ab.
Am Abend scharfe Kritik von den Wettbeobachtern, wegen unseres Jointvorfalls von gestern. Es kommt raus, daß wir ein knappes Viertelgramm Shit auf insgesamt 50 Joints aufgebröselt haben. Kiffregel wird modifiziert. Nur noch ein Joint pro Tag. Fühle mich auf einmal unheimlich einsam. Zwei eigentlich militante Nichtraucher fangen für fünf Tage das Rauchen an, nur um vor meinen Augen genüßlich eine Zigarette rauchen zu können. Abgründe tun sich auf. Beim Versuch, einen Joint aus dreißig Blättchen zu bauen, dreimal gescheitert. Dann keine Blättchen mehr. Keiner leiht mir welche. Leben in der Isolation.
3. Tag: Am Morgen eine halbe Stunde still geweint. Mir fällt auf, daß ich in den drei Tagen kein einziges Mal kacken war. Wahrscheinlich werde ich irgendwann platzen. Hoffe, daß mein Darm am Abend direkt vor den Augen der Wettbeobachter platzt. Bin niedergeschlagen, weil es absolut nichts mehr zum Aufräumen gibt. Klingle beim Nachbarn und frage, ob ich bei ihm aufräumen darf. Er sagt, er sei Nichtraucher, deshalb sei's bei ihm sowieso immer sauber.
4. Tag: Keine besonderen Vorkomnisse.
5. Tag: Es kommt raus, daß ich am vierten Tag geraucht habe…