Leben zur Jahrtausendwende
Dienstagmittag zwölf Uhr, sitze zuhause auf meinem Sofa und renoviere die Wohnung. Das heißt, genaugenommen blase ich Zigarettenrauch gegen die Wand, und lasse alle Maschinen, die ich so habe, vom Staubsauger bis zum Mixer, in voller Lautstärke laufen.
Diese Renoviererei is ganz schön anstrengend. Seit zwei Stunden sitz ich hier jetzt schon und rauche, was das Zeug hält. Keine leichte Arbeit, aber man will ja schließlich auch mal fertig werden.
Vorher hatte ich mir eine Baustelle angesehen, um zu gucken, wie die Profis so eine Renovierung oder Sanierung angehen. Ich habe die Bauarbeiter eine halbe Stunde beobachtet, viel gelernt, und mich dann entschlossen, es ganz genauso wie sie zu machen.
Daß ich den Rauch gegen die Wand blase, hat auch seinen Grund. Jutta, eine Freundin, hat mir nämlich geraten meine Wände gelb zu wischen. Das sei heutzutage unbedingt notwendig. Mit Gelb-Wischen meinte sie diese Schwammalweise, mit der in den letzten zehn Jahren die Wände von praktisch allen Kneipen in Berlin bemalt wurden. Der Gedanke, bestimmt viel Geld sparen zu können, wenn es bei mir genauso aussieht wie in der Kneipe, leuchtete auch mir ein.
Da ich mir allerdings das ganze Gedöns mit Möbel rücken, Wände freiräumen, Fußboden abdecken und so sparen will, versuche ich die gelbe Farbe an die Wand zu kriegen, indem ich beständig Zigarettenrauch gegen die Wand blase. Langwierig und anstrengend zwar, aber das wird dann bestimmt auch mal sehr wertvoll werden, immerhin ist es mundgeblasen.
Naja, zumindest, die Bilder hätte ich eigentlich abnehmen können. Andererseits, wenn ich die hinterher sowieso wieder an dieselben Stellen hänge, wäre es ja auch eine ziemliche Verschwendung von Zeit und Material die Wand dadrunter mitzustreichen. So dicke hab ich´s ja nu auch wieder nicht. Ein bißchen nachgedacht und schon kann man sich viel unnötige Mühe sparen.
Die Leiter vom Hochbett dagegen, soll eigentlich nicht für immer an der Wand lehnen. Seit ich die Leiter vor circa einem Jahr in einem plötzlichen, geradezu blindwütigen Rausch der Arbeitswut vom Hochbett abgeschraubt habe, um endlich mal die kaputte zweite Stufe zu reparieren, dann allerdings genauso plötzlich die Lust wieder verloren, und die Leiter erstmal für einen Moment gegen die Wand gelehnt habe, seitdem steht sie da. Und ich war nie wieder oben auf dem Hochbett. Ging ja nicht mehr. Die erste Woche habe ich einfach auf dem Sofa geschlafen, dann wegen schlimmer Verknorzungen beschlossen, daß jetzt mal was passieren müsse, mir eine neue Matratze besorgt und sie unter das Hochbett gelegt. Ich frage mich oft, wie es jetzt nach all der Zeit, wohl oben auf dem Hochbett aussieht?
Mensch, da leben wir eingangs des dritten Jahrtausends, die Welt wird immer kleiner, in jede Ecke der Erde kann man immer schneller reisen, aber auf mein Hochbett gibt´s kein Hinkommen. Verrückte Welt. Für die Reparatur der Leiter bräuchte ich wenigstens 3 Stunden. In der Zeit wäre man mit der neuen ICE-Strecke auch locker in Hannover. Das steht doch in keinem Verhältnis. Abgesehen davon, daß es in Hannover in etwa genausoviel zu sehen und zu erleben gibt, wie auf meinem Hochbett.
Ich kannte dieses Phänomen des Verlustes naher Räume bislang nur von meinen Kellern. In den drei Wohnungen mit Keller, die ich bislang bewohnt habe, funktionierte das immer nach dem gleichen Prinzip. In den ersten drei/vier Monaten habe ich noch fleißig alles Gerümpel, Müll oder Pappkartons in den Keller getragen, bis der irgendwann voll war. Von dem Moment an habe ich den Keller nie wieder betreten. Das heißt, halt, in der Wohnung im Wedding habe ich es mal versucht. Dort bin ich vor meinem Haus eine halbe Stunde auf und ab gelaufen und hab die ganze Zeit laut vor mich hingeredet: "Mensch, jetzt hab ich doch glatt vergessen meinen Keller abzuschließen, und ich muß doch gleich los, oje, oje, mit all dem wertvollen Zeug dadrin. Kerl, Kerl, Kerl, und dann ist das auch noch gleich wenn man reinkommt, der zweite Keller links. Herrje, den findet doch jeder! Oh Gott, oh Gott, oh Gott, na hoffentlich kommt da nix weg. Mann, Mann, Mann!"
Dann habe ich mich zwei Stunden in ein Café gesetzt und abgewartet. Aber als ich zurückkam hing nur ein Zettel: "Verarschen kann ich mich selber!" an der Kellertür. Von meinem Zeug fehlte nix. Im Gegenteil, ich weiß nicht wie, aber irgendwie hat irgendjemand noch drei weitere Müllsäcke und zwei Gerümpelkartons in den Keller gekriegt.
Seitdem schließe ich meine vollgestellten Keller ab. Ich kann damit leben.
Wenn bei meinem nächsten Umzug der ganze Kellerinhalt wieder ans Tageslicht kommt, ist das eigentlich auch früh genug. Selbst im dritten Jahrtausend, wo man mit einem Mausklick in jede Ecke der Erde gucken kann, sollte es doch vielleicht noch ein paar Geheimnisse und unerforschte Gegenden geben. Meinen Keller und mein Hochbett zum Beispiel.