Tischfußballer retten WM vor Vogelgrippe
Seht die Vögel! Sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in Scheunen; und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Dieser von Bibel-Matthäus zwischen Tür und Angel leichtfertig dahingequasselte Satz ist seit 2000 Jahren der Persilschein für alle Zugvögel, sich nicht in der Landwirtschaft nützlich zu machen, sondern im Winter in Acapulco am Strand abzuhängen.
Wie Yin sein Yang, hat jedes unbeschwerte Leben seine Schattenseiten. Das wissen alle Weltstars, die mit spätestens 40 in die Betty Ford Klinik schwanken. Jetzt hat auch der Zugvogel, der sich, mit biblischer Rückendeckung, seit Jahrtausenden nackich in aller Herren Länder herumtreibt, die Quittung bekommen: Vogelgrippe.
Große Verunsicherung herrscht jetzt überall, wie man mit dem Zugvogel an sich umgehen soll. Schwanensee hören scheint – noch – relativ ungefährlich, Schwanensülze sollte aber auch der Gourmet in den nächsten Wochen lieber vom Speiseplan streichen, auch wenn das Arbeitsplätze in den Schwanensülze-Fabriken kosten könnte.
Wie bei der Politesse, die plötzlich mit Strafzettelblock ums Eck schießt, ist auch bei der Vogelgrippe das Heimtückische, dass man sich zunächst in trügerischer Sicherheit wiegt, weil man den Virus nicht sieht. Der Virus, der als Mädchen gern Helene und mit Familiennamen H5N1 heißt, ist ja ganz klein. Das ist von der Natur vernünftig eingerichtet, denn mit einer Billardkugel am Rücken würde der Zugvogel ja schon in China gar nicht vom Boden kommen.
Weil das H5N1 so unscheinbar ist, kann es ungeniert und unbemerkt hin und her hopsen, immer auf der Suche nach einem besseren Zuhause, Mercedesfahrer welcome. Am Einfachsten für das Virus mit seinen kurzen Beinchen ist das Weiterspringen, wenn die Entfernung zum neuen Herrchen nicht so groß ist. Sonst fällt es ja auf den Boden, erfriert im Winter sofort und wird im Sommer von schweißfüßigen Joggern zermalmt.
Sardinenbüchsenenge U-Bahnen wären ein idealer Tummelplatz. Aber weil dort morgens hauptsächlich die Unterschicht in die Uranminen am Stadtrand gekarrt wird, ist die soziale Verbesserung fraglich. Anders sieht es da schon bei der anstehenden Fußball-WM aus, wo sich besonders viele Besserverdiener aus aller Herren Länder bierselig und leichtsinnig aneinander kuscheln. Gewissermaßen eine Steilvorlage für Mama Vogelgrippe, die mit ihren Kindern für eine gute Partie im Stadion vorbeischaut.
Aber wie kommt die Vogelgrippe überhaupt ins Stadion? Bedrohlich einfach. Es besteht die ganz große Gefahr, dass im Endspiel in der zweiten Halbzeit ein Rudel Grippe-Schwäne auf dem Linienflug von Stockholm nach Mailand genau über dem Stadion abnippelt und dann in die Zuschauerreihen kracht. Tierliebe englische Fußballfans würden sofort jede Schlägerei einstellen und die Vögel wiederbeleben, und, schlägt das fehl, erbarmt sich bestimmt ein Franzos' und köchelt den Schwan daheim für die Nachbarschaft in Weinsoße auf. Ehe man dreimal schnippen kann ist die halbe EU entvölkert.
Einige Politiker wollen die Fußball-WM kommenden Sommer jetzt abblasen. Keine WM, kein Massenkuscheln, die abnippelnden Schwäne stürzen ins leere Stadion und erschlagen nur den Rasenmäher-Mann. Das ist bedauerlich, aber zivile Opfer muss man für das höhere Ziel halt in Kauf nehmen. Deshalb: immer in Bewegung bleiben.
Aber Rettung naht! Den offiziellen FIFA WM 2006 Kicker-Tischfußballspieltisch gibt's im Internet schon ab 139 Euro; mit "abgerundeten Ecken für erhöhten Spielspaß" und "seitlichem Balleinwurf". Wenn laut FIFA Spielplan maximal zwei Spiele gleichzeitig stattfinden, könnte die WM2006 problemlos auch mit zwei neuen Kickertischen im Nebenraum von 'Ernas Pilsstüberl' stattfinden.
Die Vorteile sind unübersehbar. Per Webcam geht es über Satellit weltweit an die Fernseher daheim, ganz ohne Werbe-Müll oder Johannes-B.-Kerner-Kommentar. Das Kickerfeld ist viel übersichtlicher als der Stadionrasen, wo oft nur ein stecknadelkopfgroßer Ball über’s Bild flimmert; und vielleicht schauen ein paar alte Hasen wie Maradonna oder Kaiser Franz auf ein Pils vorbei und kickern eine Runde mit: spätestens dann ist die WM2006 vor der Vogelgrippe gerettet.