Deutschland sucht den Supersegler
So schnell wie in den letzten Jahren hat sich die Welt noch nie verändert. Man spricht von Globalisierung. Das heißt, dass alles näher rückt und nichts mehr so ist wie es war. Früher konnte man die Dinge einordnen: die Schweizer hatten Berge mit Kühen und machten Käse, die Engländer als Inselvolk schipperten souverän auf dem Meer herum. Das stimmte irgendwie. Man wusste wo man die anderen einzuordnen hatte und wo man selber stand.
Seit die Schweizer jodelnd von den Bergen heruntergestiegen sind und im Segeln den »America's Cup« gewannen, scheint alles denkbar: Eskimos auf dem Mond, Pygmäen als Zugschaffner, Hitler als Musical und neurotische Nachbarn als Fernsehstars. Jeder wurstelt überall mit und macht das, was er garantiert nicht kann.
Das hat natürlich Konsequenzen. Hand aufs Herz, was ist die Bilanz, wo stehen wir heute? Die Ossis missmutig, der Westen pleite, das Gesundheitssystem bankrott, die Kirchenfürsten altersstarre Heuchler, die Arbeitslosigkeit sinkt nur noch durch Statistiktürkereien, die Topmanager Börsenbetrüger oder raffgierige Nieten, die Politiker aller Parteien Pfeifen, EU-Essen macht dick oder Krebs.
Was lockt noch irgendjemand hinter dem Ofen vor? Antwort: nichts. Alles war schon mal da. Irgendwo auf der Welt hat irgendjemand schon alles toller und besser gemacht. Am Wochenende nach monatelanger Überwindung auf einen Berg geächzt? Na und, für 5000 Dollar lässt sich der hinfälligste Amerikaner mal schnell vom Tropf abstöpseln und auf den Mount Everest tragen.
Mit der Kohlsuppendiät vier Kilo abgenommen? Lächerlich. Lagerfeld hat mit Hummerdiät 20 Kilo abgenommen. Also, einfach einen Viersternekoch einstellen. Geht nicht weil zu teuer? Pech gehabt, Looser.
Globalisierung demoralisiert. Was wir auch tun, immer quakt jemand im Fernsehen, dass er es besser, schneller, billiger oder zumindest nebenher noch 8 Bälle mit einer Hand jonglieren kann.
Die drängendsten Fragen in Deutschland sind also nicht wie wir wieder tragfähige und finanzierbare Sozialsysteme oder den Abbau der Arbeitslosigkeit hinbekommen, die Bürokratie zurückdrängen und die Lahmarschigkeit besiegen, die drängendsten Fragen sind:
1. wie werden wir die Idioten los
und das
2. mit möglichst hohem Unterhaltungswert
Wie könnte die Umsetzung aussehen? In jedem Fall ist als Format eine Fernsehshow Pflicht, denn dort steht das größte Budget für Schwachsinn zur Verfügung. Und die Teilnehmer? Hier stehen die Talkshows jeglicher Couleur Pate mit zerstrittenen Nachbarn, die sich vor laufenden Kameras fertigmachen, pubertierenden Schwachköpfen, die ihre Pimmelgröße im Fernsehen debattieren oder hochrangigen Politikern, die außer ihrer Diätenerhöhung nichts auf die Reihe bekommen.
Format und Teilnehmer hätten wir. Aber was sollen sie in der Show tun? Globalisierung heißt
- wir erinnern uns - dass die Messlatte höher hängt. Nur Herumgeeiere im Schwarzwald oder Herumkraxeln in Bayerns Zweitausendern interessiert kein Schwein. Ein wenig international soll es sein. Gottschalk wohnt schließlich auch in Malibu. Also irgendwas mit Amerika. Kalifornien. Gleißende Sonne und glitzerndes Meer. Viel Geld soll im Spiel und ein wenig anstrengend darf es auch sein.
Damit hätten wir die Zutaten. Die TV-Show »Deutschland sucht den Supersegler« sollte demjenigen Team pro Kopf eine Million Euro versprechen, dem es gelänge in einem selbstgebauten Schilfboot den Pazifik von Kalifornien nach Singapur zu durchsegeln. Zehn Mann pro Boot. Gesegelt wird bei jedem Wetter.
Besonders spannend ist die Sache sicher bei mehreren Dutzend Mannschaften, die im Stundenrhythmus in See stechen. Und bestimmt könnte man auf jedes Boot ein RTL-Fernsehteam locken, wenn man für ein Piratenoutfit von Gaultier sorgt.
Schlappe 15000 Seemeilen sind es bis Singapur. Das ist zu schaffen. Satellitennavigation allerdings ist tabu. Hatten die Polynesier bei ihren Entdeckungsfahrten durch die Südsee schließlich auch nicht. Für eine Million Euro kann man erwarten, dass die Leute sich ein wenig anstrengen und nach den Gestirnen navigieren.
Livesendung rund um die Uhr von der Schilfboot-Flottille, gespeist von Solarzellen, sind ein Muss. Und wenn mal der Kontakt im Taifun abreißt oder es nach einem schweren Brecher ein klein wenig dauert, bis ein Schilfboot wieder auf Sendung geht, kann man die Zeit sicher nutzen um Werbung einzublenden - zum Beispiel für Schwimmwesten oder Lebensversicherungen.