My God sits in the zurückgeklappte Zahnarztstuhl
"Zielgruppe! MAANN!", sagte neulich jemand. Ich weiß nicht mehr, wer, aber an das "Zielgruppe! MAANN!" kann ich mich noch ziemlich gut erinnern. Ich werd's schon fast nicht mehr los, so gut kann ich mich dran erinnern. Ich fühl quasi schon direkt angesprochen. Und da ich gerade eine wissenschaftliche Arbeit schreibe, für eine sehr spezifische Zielgruppe, meinen Professor nämlich, dachte ich, Mensch, dachte ich, das kannste doch mal, also da ließe sich, also… mach doch mal was damit.
Außerdem wollte ich schon immer mal, also genauer gesagt seit letztem Jahr, eine Frage stellen und das ließe sich ja quasi verbinden. Glaube ich. Ich kann's ja mal versuchen.
Also.
Kann sich hier jemand Trent Reznor beim Zahnarzt vorstellen? Weiß hier überhaupt jeder, wer Trent Reznor ist? Kann ich mal Handzeichen/Leserbriefe/tote Tauben...? OK. Trent Reznor ist kein Mensch. Trent Reznor ist eine Maschine (und was für eine, höhö). Trent Reznor ist der Frontmann- nee, Trent Reznor IST die Nine Inch Nails. Das ist eine Band. Die machen Musik und so. Und da sind wir wieder beim Kernthema, denn die machen bestimmte Musik. Für eine bestimmte Zielgruppe (Na, wie hab ich das gemacht?). Zu der gehöre ich auch. Manchmal. Wenn ich mal wieder in meiner schwarzen Phase bin. Oder schlechte Laune habe. Oder putze.
Ich habe die Nine Inch Nails neulich- genauer gesagt seit ich diese Frage stellen wollte (und andersrum) - mal im Konzert gesehen. Live, quasi. In the flesh, sozusagen. Und mehr noch, in the Trent Reznors Zahnfleisch. Die Kamera, die ihn abfilmte, damit größentechnisch herausgeforderte Konzertbesucher, so wie ich, neben den besoffenen Wochenendgruftis und Marilyn Manson-Shirt-Käufern auch noch was von den Geschehnissen auf der Bühne mitkriegen, zoomte nämlich beizeiten großzügig in Richtung Reznorprofil. Da sah man nicht nur jeden Schweißtropfen einzeln, sondern, gerade dann, wenn er anfing zu brüllen, auch die Zähne. Alle. Da bekam der Titel des neuesten Albums, "With Teeth", eine ganz neue Dimension. Und während ich da so nach oben auf die Leinwand starrte, auf Trent Reznors Gebiss, da fielen mir die Füllungen auf, die sich hinten in seinen Backenzähnen aufhielten. Nicht unwillkommen wohl, die schienen dort schon länger zu residieren. Ich zählte sie, vier, zwei links unten, eine links oben, eine rechts unten.
Und da ging's los. Ich versuchte, mir Trent Reznor beim Zahnarzt vorzustellen. Ging nicht. Geradezu unmöglich. Trent Reznor, der bestimmt noch nicht mal lachen konnte, weil viel zuviel Industrial-krachende Erbschuld auf seinen kultigen Schultern ruhen musste, weil er für viel zuviel Aggressionsabbau postpubertärer Freizeitgoths und Ex-Linkin Park-Fans zuständig war, der bestimmt in einer dunklen Höhle wohnte, ähnlich wie Batman, deren Wände mit dem Blut diverser Boygroups gestrichen waren und in denen die malträtierten Kadaver von mindestens zwanzig von Zuhause ausgerissenen Trampern als Vitrinen dienen mussten, wo Hühnergrippe und SARS bestimmt erfunden worden waren, Trent Reznor, der beim geringsten Sonnenlicht theoretisch in Flammen aufgehen müsste (tut er aber nicht, darüber ist er längst hinaus), der bestimmt nie schläft, sondern immer nur wartet, der nie bittet, sondern tötet um zu kriegen (und zwar durch bloßes Angucken), der nie isst oder trinkt und deshalb gar keine Verdauung besitzt, der bestimmt noch nicht mal menschliche Organe hat, der anstelle des Herzens bestimmt ein tiefschwarzes dunkles Loch, an dessen Innenwände "AntiChrist" in allen Sprachen tätowiert ist, besitzt, nur, um später den Pathologen zu ärgern, DER Trent Reznor, der sollte mit dicker Backe im Wartezimmer von Dr. Ehrenbroick sitzen und in Frauenzeitschriften blättern und Horoskope lesen? Der hat doch bestimmt noch nicht mal ein Sternzeichen! Der ist doch bestimmt noch nicht mal geboren! Der kann doch gar kein Zahnweh haben, dazu muss man ja auch Nerven haben und die kann er ja nicht haben, er ist ja eine Maschine! Und mal ehrlich, so unter uns Lichtscheuen, kann sich das einer vorstellen:
Trent (ausdruckslos): "Aaah!"
Zahnarzt (egalitär): "Tag Herr Reznor, Betäubung?"
Trent (maschinesk): "Nicht nötig, ich bin eh schon total abgestumpft und gebeutelt von soviel Prä- und Post- und Mittendrin- Teenage Angst und Nichtverstandensein und Drogenkonsum und so. Ich hab gar keine Nerven."
Zahnarzt (vorwurfsvoll): "Haben sie deshalb Marilyn Manson produziert?"
Kann sich das einer vorstellen? Nein? Ich auch nicht.
Darüber dachte so nach, während ich auf Trent Reznors Füllungen starrte.
"Du", bemerkte ich rockend zu meiner Schwester, "haste das gesehen? Trent hat Füllungen!" "Hä?", sagte meine Schwester Haare schüttelnd, "Uuund?"
"Kannst du dir das vorstellen? My God sits in the zurückgeklappte Zahnarztstuhl", sinnierte ich schmunzelnd, wohlweislich, dass sie das nicht verstehen würde, weil sie nicht zur Zielgruppe gehörte und lieber zu den Kaiser Chiefs putzte. Machte aber nix.
"Wie jetzt?", entgegnete sie kritisch, während sie einen Marilyn Manson-Shirt-Träger umpogte.
"Ach egal, ich schreib was drüber!", schulterzuckte ich, während ich den Manson-Shirt-Träger in den Schwitzkasten nahm und ihn nach hinten durch schickte.
Ja und hier bin ich nun. Und da ich ja auch eine Zielgruppe habe, genau wie Trent (wir werden uns immer ähnlicher, ich muss ihm das mal erzählen), richte ich mich nun an diese. Liebe Zielgruppe, ich weiß, ihr versteckt euch irgendwo. Ihr mögt Schachtelsätze und dämliche Komposita und insgeheim habt ihr euch auch schon mal gefragt, wie das so vor sich ging mit der Menschwerdung von Trent Reznor. In Zeiten von Homestories und Dokusoaps ist es ja schon fast unschick nicht zu wissen, wie viele Füllungen der jeweilige Held hat. Da wird ja nicht mehr idealisiert, da wird investigiert. Das ist fast wie in der wissenschaftlichen Arbeit, die ich gerade verfasse (Danke, Trent), die Menschlichkeit als Mittel der Identifikation quasi. Trotzdem, da bei diesem Konzert, diese Kamera, dieses Zoomen, der Anblick der vier Füllungen, das hat ihn auch so ein bisschen vom Sockel gestürzt, den Trent. Nicht, dass er je auf einem gestanden hätte. Unter der Decke hat er gehangen, tagsüber, bis es Zeit war, sich in finsteren Tonstudios zu materialisieren und noch ein paar mehr Freizeitgoths zum Aggressionsabbau zu industrialisieren.