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An Grünkohl denken...

An Grünkohl denken, schlurfend, hinter der Frau, neben dem Bus.

Neulich stolperte eine mittelalte Frau vor mir aus dem Bus, als würde sie einen neuen Planeten betreten. Als ich ihr so beim Erobern des Bürgersteigs zusah, fiel mir wieder ein, wie ich früher in der Schule immer genau elf Minuten vor Schluss "JETZT!" sagen konnte, am besten in Mathe und Chemie. Ohne Uhr natürlich.
Ich stieg aus und schlurfte hinter der Frau die Straße runter, während der Bus neben mir wieder anfuhr. Ich dachte kurzzeitig daran, ihm nachzuwinken, aber dann fiel mir meine latente Angst ein, dass der Busfahrer, in dessen Bus ich mich gerade befinde, einem entgegenkommenden Kollegen jovial zuwinkt und dabei noch jovialer in den Kadett vorneweg semmelt. Also ließ ich das. An so was wollte ich nicht schuld sein. Ich entschied mich, stattdessen lieber an noch-früher zu denken, als es zu bestimmten Zeiten eindeutig nach Grünkohl aussah. Dann stieg man morgens aus dem Bett und schwups, da war er, der Verdacht auf Grünkohl, demnächst. Unter der Dusche wurde er kurzzeitig vergessen, Beine rasieren war doch nicht so leicht, aber dann, auf dem Weg zur Schule, konnte man sich's wieder nicht verkneifen. Grünkohl war definitiv on its way. Dann, nach der Schule, ging man nach Hause und aß. Makkaroni manchmal oder Sauerbraten. Aber - auch wenn es niemand zugab - es schmeckte wie Grünkohl. Man aß schweigend und quasi in sich hinein, und niemand wagte es auszusprechen, aber trotzdem - Grünkohl war allgegenwärtig. Und dann, wenn man seine Hausaufgaben verdrängt und sich mal eben ordentlich gelangweilt hatte, ist man dann auch mal nach draußen gegangen. Und da ging's dann richtig los, aber hallo. Da kamen einem dann Halbbesoffene entgegen mit kleinen Schnapsgläsern um den Hals. Aber nur nördlich von Hannover, wenn man südlich von Hannover mal eben nach draußen ging, war das nicht so. Aber da ahnt ja auch schon keiner mehr den Grünkohl voraus. Die Halbbesoffenen nannten das "Kohlfahrt" und hielten an jeder Straßenecke an, um mit jedem Kurzen zu unterstreichen, dass sie eigentlich einen "Kohlgang" unternahmen. Ich werde nun in diesem Text einen Satz unterbringen, den ich schon immer mal sagen wollte. Wer auch immer ihn umgebracht hat, hat sich große Mühe gegeben, die Spuren zu verwischen. Das war cool, vielleicht mach ich das mal wieder. Grünkohl sieht ein wenig aus wie Erbrochenes in grün, aber er schmeckt viel besser. Glaub ich. Ich mag ihn jedenfalls, und seit ich südlich von Hannover wohne, fehlt er mir schon irgendwie. Und die Kohlfahrt auch.
Ich fand damals Green Day cool. Heute ist es ja nicht mehr so cool, die cool zu finden. Damals schon. Aber eigentlich war ich Guns n' Roses - Fan. Das bin ich immer noch. Also von den alten, die neuen zählen ja nicht. Ich entschied mich, Welcome to the Jungle zu pfeifen. Weil Axl da in dem Video auch aus dem Bus steigt, allerdings ohne Frau davor. Die Frau vor mir schielte schräg nach hinten, aber sie schlurfte weiter. Ich hätte flugs an ihr vorbeihüpfen können, schlurfen hätt ich gar nicht müssen, aber ich wollte es doch auch. Und ich wollte sie noch ein wenig anpfeifen. Das hatte sie bestimmt nich oft und ich auch nich.
Ich kam zum Gitarrensolo und gab mir große Mühe, alle Kadenzen, Tremolos (oder –li, ganz wie auswärtig bewandert man da gerade ist), Frickeleien und so auch korrekt auszupfeifen, denn ich war der Meinung, dass man das durchaus honorieren müsse, dass der Herr Slash sich damit so große Mühe gemacht hatte, da blieb die Frau stehen. Sie drehte sich um und schielte mich von vorne an. Ich blieb auch stehen und lehnte mich so ein wenig nach hinten, denn ich war gerade in eine sehr schwierige Tonfolge vertieft. Der Bus stand auch, weil vor ihm eine Ampel war. Da standen wir also wieder, ich hinter der Frau, neben dem Bus. Ich lächelte sie an, als ich fertig war, und sie ging kopfschüttelnd weiter.
Ich schlurfte weiter hinter ihr her und dachte wieder über Grünkohl nach. Es gibt bestimmte Arten, etwas zu essen, das wie Grünkohl aussieht (man bedenke: es MUSS nicht immer Grünkohl sein, es kann auch nur so aussehen):
In alten Kostümfilmen beispielsweise sitzt der Held an einem bestimmten Punkt im Film immer in der obligatorischen Spelunke am obligatorischen Holztisch und trinkt obligatorischen Wein. Und dann wird ihm von schräg oben vorne ein Holz (oder Blech-) teller mit Grünkohlartigem auf den Tisch geworfen. Geworfen, wohlgemerkt, nicht gestellt. Dann schwenkt die Kamera nach schräg oben und man sieht den Werfer, einen fetthaarigen dickleibigen Bärtigen, der die unsägliche Synchronstimme von Bud Spencer innehat und für die doofen Sprüche im Film verantwortlich ist. Er ist auch derjenige, der genau bescheid weiß über die Vorgänge hier im Dorf, und er macht den Helden dann mit einem Grunzen und Grünkohl im Bart auf den Adligen aufmerksam, der gerade vor der Spelunke angekutscht wird. Das ist nämlich der, der hier die Bauern unterdrückt und ihnen den Grünkohl besteuert. Und Franzose ist er auch noch. Das sagt der Bärtige dem Helden. Den Grünkohl essen sie dann meist nicht mehr auf.
Ansonsten kann man sich Grünkohl zum Beispiel nicht so an Imbissbuden vorstellen. Denn wie es der Bärtige vorgemacht hat, bleibt der Grünkohl ganz gerne hängen. Im Bart, am Kinn, im Dekollete. Deshalb macht er ja auch für so lange satt. Weil er kleben bleibt. Ich möchte das jetzt nicht vertiefen.
Manch Unerfahrener (vor allem südlich von Hannover Ansässiger) isst Grünkohl ja mit dem Löffel. Das machte man auch in der Spelunke damals, zu Zeiten der französischen Bauernunterdrücker, so, weil Gabeln so schwer zu reinigen waren. Blieb ja alles in den Zwischenräumen hängen. Schon wieder dieses Thema. Entschuldigung.
Diese unerfahrenen Grünkohlesser kochen den Grünkohl vermutlich auch in kleinen Töpfen. Das ist natürlich verkehrt. Ich fragte mich, wie groß der größte Topf der mittelalten Frau vor mir wohl war und entschied dann, dass mich das nichts angeht.
Wenn man sich das also mal überlegt, ist Grünkohl ganz schön eingeschränkt. Man kann den nicht mal eben so essen. und man kann ihn auch nicht mal eben so kochen. Einfrieren kann man ihn allerdings mal eben so. Dass dann aber noch einer "Och joa, hatte ich schon lange nicht mehr" sagt, wenn die Saison vorbei ist und man ganz plötzlich an einem Sonntagabend ohne Geld für den Pizzaservice den mal eben so eingefrorenen Grünkohl hervorwühlt und "Ich hab noch Grünkohl eingefroren! Will einer?" ruft, das kann ich mir ja nicht vorstellen. Denn sobald die Saison vorbei ist, hört man allerorts "Ich KONNT's ja nicht mehr sehen!" und "Endlich kocht sie wieder was Ordentliches! Immer dieses Grüüüünzeug" und "Ich hau dich, wenn du das noch mal aufwärmst!" und "Klaus hat sich auf der Kohlfahrt ja SOOOO blamiert! Das erzähl ich ihm morgen, wenn er entlassen wird".
Man tut ihm Unrecht, dem Kohl. Schon komisch, keiner mag zugeben, dass er Grünkohl gerne isst. Ich kenne niemanden, der nicht nach der Kohlsaison schwört, das Zeug nie wieder anzufassen. Es wird Franzosen in Spelunken verwehrt und Bud Spencer wirft ihn schräg nach unten, wenn sein Einsatz gefragt ist. Manche kochen ihn ohne Löffel und manche mit. Aber keiner mag ihn. Und wenn es dann wieder soweit ist und die Makkaroni nach Grünkohl schmecken, wenn die nördlich-von-Hannover-Kohlgänger wieder gesichtet werden und Klaus sich wieder an jeder Straßenecke mit einem Kurzen blamiert, dann freuen sie sich doch. Weil sie nicht die Einzigen sind, die das jetzt essen müssen.
Das dachte ich mir so über Grünkohl, während ich hinter der Frau neben dem Bus herschlurfte.
Und dann stolperte sie nach rechts. Aber das ist eine andere Geschichte.

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Hedda Plecher Das Lemming- Syndrom