Schlumpfschützer United
Seit neulich bin ich Vollblut-Aktivistin. Da war ich nämlich shoppen. In einem Laden - eigentlich für vierzehnjährige, anorektische Aushilfsmodels gedacht - wurde ich auch fündig. Es fällt mir schwer, darüber zu reden, aber ich muss es sagen: Ich bin mit meinem Einkauf nicht glücklich, genaugenommen entschuldige ich mich jeden Tag eine halbe Stunde heulend dafür, und dieser engschneidernde Laden steht ab heute definitiv auf meiner ’Verbrecher, deshalb da wegbleiben und beiläufig Boykott erwähnen wenn’s geht’ - Liste. Und das ist so, weil ich den begründeten Verdacht hege, dass man dort Schlümpfe tötet.
Ich weiß, das klingt grausam bis unfassbar, und mir glaubt das auch selten jemand, aber ich bin mir sicher. Ich habe dort eine Jacke gekauft. In grün. Sie passte mir (ausnahmsweise), doch ich habe schnell festgestellt, dass etwas damit nicht stimmt. Mir war das zuerst nicht bewusst, geradezu naiv zog ich sie an und dachte: "Oh! Sie passt!", zog den Bauch ein, um mich im Spiegel zu bewundern und hielt die Luft an, um den Reißverschluss zu schließen. Nachdem ich sicher war, dass ich nur etwa zwei Kilo abnehmen müsste, damit ich darin auch atmen könnte, zog ich die Jacke wieder aus und wollte ganz unbedarft und auch ein wenig glücklich zur Kasse gehen, doch da fiel mein Blick auf die Umkleidekabine gegenüber.
Und seitdem ist alles anders: Die Kabine war unbenutzt, aber der Vorhang war ein wenig zur Seite gezogen, und dahinter bot sich ein Bild der Verwüstung. Lauter grüne Jacken, meiner sehr ähnlich, lagen verstreut auf dem Boden, vermischt mit anderen Kleidungsstücken, und darunter eine klebrige Lache Cola. Entsetzt wollte ich mich abwenden und drückte die grüne Jacke eng an mich, da hielt mich etwas zurück. Ich meinte, eine kleine dünne Stimme zu hören, die um Hilfe flehte. "Können sie mir helfen?" flehte sie immer wieder, und dann: "Ich komm nicht raus!!!" Ich drehte mich wieder um und folgte dem Ruf in Richtung Umkleidekabine. Ängstlich, ja geradezu zweifelnd schob ich den Vorhang noch ein wenig weiter zur Seite und lugte hinein. Zuerst konnte ich nichts erkennen außer Kleidungsstücke und Limonadepfützen, doch dann sah ich sie: eine Schlumpfhand! Eindeutig! Ich erkannte sie sofort, sie sah aus wie ein Handschuh, sie lag dort einfach so herum und sie war bereits schwarz und leblos. Ich hob sie hoch und stellte fest, dass sie sich nicht anfühlte wie ein Schlumpf, aber dann erkannte ich schockiert, dass das wohl am fortgeschrittenen Verwesungsstadium liegen musste und ließ sie schnell wieder fallen. Ich begann, in dem Kleiderhaufen zu wühlen und nach der Ursache der Stimme zu forschen, um vielleicht noch Überlebende zu finden, doch je länger ich grub, desto leiser wurde der Ruf. Ich fand noch andere Schlumpfhände, alle fühlten sich so anders an, und ich dachte schon, ich müsste den Verstand verlieren, als mir klar wurde, dass es sich hier nicht um verschüttete Cola, sondern um vergossenes Blut der kleinen Helden meiner Kindheit handeln musste! Ich betrachtete und befühlte die Jacke, die ich kaufen wollte erneut, zog sie an und starrte mich entsetzt im Spiegel an. Ich sah darin aus wie ein Schlumpf! Genauer gesagt fühle ich mich darin so an! Denn, wenn Schlümpfe sich anfühlen könnten, dann genauso, das war mir jetzt klar. "Nein", redete ich mir ein, "Schlümpfe sind doch blau und die Jacke ist grün, da irrst du dich wohl." Doch dann befühlte ich den Stoff noch einmal; flauschig, ein wenig fusselig, weich, und zog die Jacke wieder aus. Das konnte doch nur bedeuten... Ich musste mich dem stellen. Oh Gott! Ich hielt hier mindestens zweihundert getötete und gehäutete Öko-Schlümpfe in Händen! Ich hatte eine Öko-Schlumpf-Verwurstungs-Fabrik entdeckt! Nach Luft ringend starrte ich auf den Wäschehaufen. Was für Unmenschen mussten die Besitzer dieses Ladens sein, dass sie Öko-Schlumpfhaut zu Jacken vernähten??
Plötzlich war da wieder diese Stimme: "Hallo? Kann mir denn keiner mal eben helfen?"
"Halt aus!" rief ich kurzentschlossen.
"Halt aus, tapferer Schlumpf!", denn ich konnte mal eben helfen, ich WOLLTE mal eben helfen, ich wollte diesen letzten überlebenden grünen Schlumpf retten, ich wollte ihn befreien aus dieser Hölle, in der alle seine kleinen Freunde so grausam sterben mussten. Ich wollte ihm ein liebevolles Zuhause geben, in dem er keine Nähmaschine und Umkleidekabinengräber fürchten musste, wie von Sinnen grub ich weiter, warf die abscheulichen Jacken, gewebt aus Schlumpfleichen, das wusste ich jetzt, durch die Gegend, watete durch das Schlumpfblut, den Ekel und die Bestürzung unterdrückend, wühlte und grub und zerrte, mit Händen und auch mit den Zähnen, doch ich fand ihn nicht...
Mit Tränen in den Augen saß ich schließlich da, meine angesabberte Schlumpfjacke zwischen den Zähnen und verfluchte meine Hilflosigkeit, als ein Verkäufer, ein Schlumpfmörder, auf mich zukam und mich anraunzte, was ich denn da täte? Ob ich bescheuert sei?!
"Ich vereitele Ihr Verbrechen!" schrie ich, nachdem er mir die Jacke aus dem Mund gerissen hatte und ich wieder auf den Füßen stand. Wild mit den Händen fuchtelnd klagte ich ihn an, ich wollte, dass alle Kunden wussten, dass sie bei Unmenschen shoppten. Ich entriss ihm das Beweisstück und schwang es über meinem Kopf hin und her: "Mörder!" brüllte ich. "Ich habe Sie durchschaut! Wie viele Öko-Schlümpfe mussten hierfür sterben, hä?? Zweihundert? Dreihundert?? Haben Sie denn gar kein Gewissen??“
Der Schlumpfmörder starrte mich stumpfsinnig an. Offenbar war er unter Drogen gesetzt oder gut bezahlt worden, er ließ sich jedenfalls nichts anmerken und fragte nur scheinheilig: "Wollen Sie die Jacke kaufen oder was?"
"Blut klebt an Ihren Händen", krakeelte ich, "Schlumpfblut! Wie können Sie das tun, was haben die Schlümpfe Ihnen, ja der ganzen Menschheit jemals getan?? Ich werde Sie verklagen, das werden Sie büßen, Sie Monster! Damit kommen Sie nicht durch!!“
"Hörnse, ich weiß nicht, auf welchem Trip Sie sind, aber es ist wohl besser, wenn Sie jetzt gehen, sonst muss ich die Polizei..."
"HA! Das könnte Ihnen so passen!" Schlagartig wurde mir klar, dass er versuchte, mich davon abzuhalten, den letzten Schlumpf zu retten, schließlich war der ein wichtiger Zeuge! Ich stürzte mich wieder auf den Schlumpfhaut- Haufen und wühlte erneut, da erklang wieder der Hilferuf, leise, erstickt, ich hatte nicht mehr viel Zeit, aber diesmal kam er von rechts: "Haaalloo? Ich kann so langsam nich mehr hier!" Ich hatte mich geirrt, der letzte Schlumpf musste versucht haben, zu entkommen, er war in der Kabine nebenan, wo ihn vermutlich aufgrund der Folter durch diese Modemonster die Kräfte verlassen hatten. Ich sprang auf die Füße und riss den Vorhang nebenan zur Seite. Darin war eine Frau, die eine grüne Schlumpfhaut-Jacke über den Kopf gezogen hatte und hin und herschwankte wie ein Zombie, sie stampfte von einer Kabinenwand zur anderen und riss an der Jacke, ihre Hände fuhren zum Kragen und nach unten zum Saum, sie fluchte und boxte in die Schlumpfhaut, als wolle sie etwas erschlagen. Etwas erschlagen! Natürlich! Mein Schlumpf war da drin! Gefangen in der vernähten Haut seiner Freunde, geboxt von einer schwankenden kopflosen Frau kämpfte er tapfer um sein Leben! Ich stürzte mich auf die Frau, und versuchte, den Reißverschluss zu öffnen
"Ich bin da!" brüllte ich. "Du schaffst das, ich hol dich hier raus!"
Doch ich bekam meinen Kopf einfach nicht unter die Jacke, um den Schlumpf zu lokalisieren. Ich versuchte, ihn zu mir zu locken, doch ihm erging es wohl wie mir, auch er musste wohl den Schlägen seiner Peinigerin ausweichen. Sie schlug immer heftiger in die Schlumpfhaut, sie trat und boxte nach mir, ja, sie war sich sogar nicht zu schade, um Hilfe zu rufen, um die Hilfe weiterer Schlumpfmörder, die mich an der Schlumpfrettung hindern sollten! Die Hilferufe des Schlumpfes konnte ich nicht mehr hören, doch ich gab nicht auf. Kurz bevor ich mich mit in die Jacke gezwängt hatte, wurde ich plötzlich gepackt und zur Kasse gezerrt. Während ich versuchte, mich zu befreien und dem Schlumpf Mut zuzubrüllen, hielt mir ein Polizist meine Schlumpfjacke vor die Nase und kommandierte, dass ich sie zu bezahlen hätte, denn ich hätte sie angesabbert. Ich schilderte ihm aufgebracht das Verbrechen, das hier vor sich ging, und nachdem er mir versichert hatte, dass er zwar auch in grün, aber nicht in Öko-Schlumpf gekleidet sei, und dass er versuchen würde, den Sachverhalt zu klären, sowie meinen Schlumpf zu retten, bezahlte ich widerwillig die Öko-Schlumpfjacke und erklärte lautstark, dass ich diesen Laden nie wieder betreten würde. Während er die Schlumpfmörder verhörte, geleitete mich sein Kollege zu ihrem Wagen und schlug vor, eine Erklärung zu unterschreiben, die besagte, dass ich diesen Laden nur noch von der anderen Straßenseite betrachten würde.
Nur, um noch mal klarzustellen, dass ich es ernst meinte. Ich muss zugeben, ich war ein wenig verstört, denn ich wusste nicht, ob der kleine tapfere Schlumpf die Tortur dieser Folterknechte überlebt hatte, und in meiner Verwirrung wollte ich ihm die Schlumpfjacke übergeben, schließlich war sie ein Beweismittel, aber er belehrte mich, dass sie in meinem Besitz besser aufgehoben sei, und nachdem er mir erneut versichert hatte, dass ein Notarztwagen für den Schlumpf auf dem Weg sei und sie seine Aussage aufnehmen würden, ließ ich mich leise weinend von ihm nach Hause fahren.
Es macht nichts, dass der kleine Schlumpf sich niemals bei mir bedankt hat, ich weiß tief in meinem Herzen, dass er überlebt hat und heute wieder fröhlich mit seinen Schlumpffreunden über die Wiesen tollt. Ich jedenfalls habe eine Organisation gegründet: ’Schlumpfschützer United Against Labour-saving and Unjustified Persecution and/or Murder of Smurfs (Schl.U.A.L.-s.a.U.P.a/o.M.o.S.)’ und verteile fleißig Flugblätter, singe Lieder und veranstalte Schweigeminuten mit Kerzen und Präsentation des Schlumpfhaut-Jacken-Beweises vor der Schlumpfmörder-Fabrik.
Auf der anderen Straßenseite, versteht sich.