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Wer du bist

Heute hab ich dich im Bus gesehen. Du hast seltsam friedlich ausgesehen, wie du da mit deiner billigen Umhängetasche und der viel zu engen Jacke an der Tür standst; der Jacke, die wir zusammen gekauft hatten, damals, als du noch geistig zurechnungsfähig warst. Leider bist du inzwischen so fett geworden, dass dir jeder vernünftige Mensch von dieser Jacke abraten würde, aber du hattest ja noch nie Geschmack.
"Was würden wohl die anderen Leute im Bus denken, wenn sie wüssten, was du getan hast?" dachte ich und starrte dich unvermindert an, während du versuchtest, nicht in meine Richtung zu blicken. Sah schon lustig aus, wie du krampfhaft weggeschaut hast, obwohl ich fast direkt vor dir saß. Ich habe immer gedacht, ich würde Angst empfinden, wenn ich dich jemals wiedersähe, ich würde mich verstecken oder flüchten, aber Angst ist nicht das, was ich gefühlt habe. Es war Hass. Pure Verachtung und Ungläubigkeit, dass du noch atmen kannst und reden und laufen und Busfahren und essen (das kannst du anscheinend wirklich immer noch sehr gut), dass du überhaupt noch existieren kannst nach all dem. Dass du überhaupt noch aus dem Haus gehen kannst, dass dir nicht irgendwer verbietet, überhaupt noch ein Leben zu führen, das nicht von Heulkrämpfen, Albträumen und Selbstzweifeln bestimmt ist. "Haben Amöben ein Gewissen?" fragte ich mich plötzlich, verwarf den Gedanken aber sofort wieder, denn Amöben haben mir nie etwas Böses angetan.
Ich weiß, dass ich äußerlich ungerührt erschien, und dass ein Fremder keine Verbindung zwischen dir und mir hätte feststellen können. Aber innerlich habe ich deine Großhirnrinde mit einem Kartoffelmesser abgeschält und dir genau das Leben gewünscht, das du jetzt führst: eine Realsatire zwischen Verdrängung und Fantasie, eine Existenz, die sich einzig und allein in einem »ich-will-aber«-Gejammer begründet, und die du niemals vor jemandem rechtfertigen kannst, wenn du dich und ihn oder sie dabei nicht belügst. Niemand würde dir jemals recht zusprechen. Ich nicht, deine ehemaligen Freunde nicht und auch nicht die anderen Leute im Bus.
Als du ausstiegst, hoffte ich, die Jacke würde zerreißen, damit jeder dein hässliches Selbst sehen könnte, aber nichts geschah. "Macht nichts", dachte ich, denn das war gar nicht nötig. Du und ich, wir wissen, wie du bist, und das reicht mir bis ans Ende meines Lebens, um wieder lachen zu können.

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