Been there, done that
Neulich mal wieder Fernsehen geguckt. Dabei kam mir folgendes Problem in Sichtfeld und Quere (und schränkte meine Konzentration auf den Musikkanal erheblich ein):
Ich fragte mich – höchstphilosophisch (mit ph, nicht mit f, das sieht scheiße aus) versteht sich- ob es eigentlich noch irgendwas gibt, was es nicht schon vorher gab.
Oder anders gefragt: fällt irgendwem heutzutage eigentlich noch irgendwas neues ein? Also so rein kulturell gesehen? Kommt das überhaupt noch vor, dass man in einem Lied (hier: Musikvideo) oder einem Film oder einem Buch überhaupt noch eine Idee verarbeitet, die so noch nie da gewesen ist?
Also: nehmen wir mal den unsäglich immer in erster Reihe anprangernden und zu allen klerikalen Pseudobekenntnissen bereiten Xavier Naidoo (den nehm ich jetzt, weil ich ihn gerade auf MTV hab rumdudeln sehen, von Klagen bitte ich abzusehen.). Sein neuestes Machwerk, das er soeben (unsäglich anprangernd) präsentierte, heißt - wenn ich mich nicht täusche, und das kann vorkommen - „wenn ich schon Kinder hätte“ oder so. Der Titel ist ja auch nicht weiter wichtig, es geht um den Inhalt. Da schaut er mich als Zuschauer, der von allem weiß und nichts dagegen tut, vorwurfsvoll an und erzählt mir, dass er alles anders machen würde, wenn er Kinder hätte. Weil: die Welt ist schlecht. Und um das zu untermauern, gibt’s ab und zu ne Totale mit spielenden – unsäglich unschuldigen und somit ebenfalls gekonnt, wenn auch wohl eher unfreiwillig, anprangernden- Kindern. Denen er natürlich mehr zu bieten hätte als alle anderen vor ihm, die dieses Thema behandelt haben. Waren ja auch nich viele. Ich war jedenfalls total geschockt von dieser Erkenntnis. Echt jetzt.
Oder nehmen wir die neueste Veröffentlichung von KORN, die es sich ja zur Lebensaufgabe gemacht haben, immer und immer und immer aber auch IMMER WIEDER dasselbe Thema in ihren Liedern zu behandeln: „Keiner hat mich lieb und deshalb lauf ich bald Amok und dann weint ihr und schämt euch, jaaahaaa!!“ Das ist übrigens auch ein beliebtes Thema anderer spätpubertierender Möchtegern-Weltverbesserer mit lauten Gitarren, wie Papa Roach.
Das Paradebeispiel für schon Dagewesenes sind natürlich diese fürchterlichen Charts-Techno-Coverversionen- Verschnitte, mit ihren fuchtelnden Retortentussis in Bauchfrei, die ab und an mal bei „The Dome“ auftauchen und dann nie mehr gesehen wurden. Was würden die wohl ohne Songs tun, die es schon mal gab? Fritten verkaufen? Und wer hat denen das überhaupt erlaubt?? Andere musikalische Dauerbrenner sind selbstredend Herzschmerz, Einsamkeit, Mordgedanken, Unverständnis und Umweltverschmutzung (man denke nur an „Dreamer“ von Ozzy Osbourne, das vereint alles. Was hat er sich nur dabei gedacht...). Es gibt da auch noch sich immer wiederholende Phrasen, á la „don’t leave me baby“, „please be mine“, „I don’t wanna let you go“, „suffocation“ (fürchterliches Wort), „everybody dance“ oder „let the rhythm (oder auch music) take you higher“.
Und wie viele Bücher gibt es über alleinerziehende Frauen, die sich im Laufe der Handlung mit einer „ach, ich bin zwar eine Frau, aber hey, ich hab Humor und kann männerfeindliche Bemerkungen machen!“ - Attitüde „endlich selbst finden“ und sich so quasi dank eines als äußerst bescheuert hingestellten Ex - LAGs mit Fönfrisur, der sie mit der Sekretärin betrügt und Cabrio fährt, endlich, endlich, endlich emanzipieren und hinterher so was von selbstbewusst sind, dass sie kaum noch stöckeln können? Hera Lind, was hast du uns angetan. Manno.
Noch eins? Filme: ebenfalls gern die sich - emanzipierende Stöckelfrau mit oder ohne Cabrio - LAG, aber meist mit schnieker Altbauwohnung mit künstlichen Sonnenblumen und einem ganz alternativen Haustier, nem Chinchilla oder freilaufenden Kaninchen oder so. Oder Horrorfilme: frei kullerndes Obst terrorisiert harmlose Kleinstadt, die Protagonistin, eine unbescholtene Stöckeljungfrau, lässt sich von Protagonist, einem zweitrangigen Hollywoodschauspieler mit Fönfrisur, dem dieser Film ewig peinlich sein wird, retten und verliert dabei immer mehr Kleidung, bis sie schließlich obstverschmiert und bauchfrei in seinen Armen ihre Frisur richtet. Das Obst kann man auch durch urzeitliche Chinchillas oder Mördertornados ersetzen. Die Protagonisten sind nicht weniger verschmiert.
Die Liste ließe sich endlos fortsetzen, aber das wäre deprimierend.
Kann’s denn wirklich sein, dass es eben nix neues mehr gibt? Erschreckend umso mehr folgende Begebenheit: Als ich vor kurzem an einer Hausarbeit mit ellenlangem Titel schreiben „durfte“, konnte ich ums Verrecken kein Material finden. Da sagte meine Schwester zu mir: „Eh, Olle, hör auf zu jammern, es gibt kein Thema, über das nicht schon ein Buch geschrieben wurde.“ Um ihr so rein aus Prinzip das Gegenteil zu beweisen, ging ich zwei Tage später in eine Buchhandlung und fragte (innerlich siegesgewiss grinsend) nach einem Buch, das genau, und zwar exakt, mein Thema behandelt. Die stöckelnde Verkäuferin guckte in ihren Computer, tippte ein bisschen herum, und am nächsten Tag konnte ich es abholen.
Also, ja. Es ist wohl so. Verdammt.
Beruhigend nur, dass mir diese Tatsache trotzdem irgendwie zu gute kommt; wenn jetzt einer versucht, meine eigene - zugegeben brillante (hüstel) - Beobachtung gegen mich zu kehren, dann sei ihm eines gesagt: Also ICH hab NICHT angefangen!